Eine Sequenz aus dem Film „Der Kreis Ludwigsburg baut auf“ aus den Jahren 1946/47 zeigt das Leben unter den Vertriebenen im Lager Sand sowie die Zuweisung und Eingliederung einer Vertriebenenfamilie nach Sachsenheim. Ob damals wirklich so gute Laune bei Musik, Gartenarbeit und Kochen herrschte und die Zuweisung einer heimatvertriebenen Familie an eine alteingesessene Familie aus Sachsenheim so harmonisch lief, wie der Film es vermuten lässt, war die spannende Frage, der die Klasse TG 10/1 des sechsjährigen Technischen Gymnasiums am Berufsschulzentrum in Bietigheim-Bissingen unter Leitung der Tutorin Lena Ambrus nachging. Ihr bei der Körber-Stiftung zum Geschichtspreis des Bundespräsidenten eingereichter Beitrag „Heimatvertreibung nach Bietigheim. Die Grenzwertigkeit einer Filmsequenz“ erhielt nun als einer von zwei Beiträgen aus der Stadt einen Förderpreis.
Bietigheim-Bissingen Kein lustiges Lagerleben im Sand
Die Klasse TG 10/1 am Beruflichen Schulzentrum hat einen Geschichtspreis der Körber-Stiftung erhalten.
Oberthema: Grenzen
Das Oberthema des Wettbewerbs, für den deutschlandweit über 6720 Kinder und Jugendliche auf Spurensuche gegangen sind und 2289 Beiträge eingereicht haben, lautete diesmal „Grenzen in der Geschichte” – eine Thematik, die im Aspekt der Heimatvertreibung in der Unterrichtseinheit „Deutschland nach 1945“ gegeben sei, sagt Lehrerin Lena Ambrus.
Die 20 Schüler sprachen zuerst mit zwei Zeitzeugen, die mithilfe des Geschichtsvereins und einer Flyeraktion gefunden wurden. Parallel dazu wurde in Archiven recherchiert. Wolfram Berner vom Kreisarchiv Ludwigsburg machte die jungen Geschichtsforscher dann schließlich auf den Film aufmerksam. Die beschriebene Sequenz mit einer Länge von 5:50 Minuten „führte zu heftigem Widerspruch durch die Schülerinnen und Schüler“, beschreibt die Tutorin deren Reaktionen, da sie das Thema bisher mit Elend, Leid und den Gefühlen von Heimatlosigkeit und Sehnsucht verbunden hatten.
Vieles wurde verschwiegen
Die Schüler verglichen darauf das Filmmaterial mit den Aussagen der Zeitzeugen und den Originaldokumenten der Archive und zogen auch Quellen aus Privatbeständen heran. Sie fanden heraus, dass der Film nicht als Dokumentationsfilm gelten kann, sagt Ambrus zum Ergebnis. Vieles werde verschwiegen, nicht thematisiert oder einfach inszeniert. Das Lagerleben als harmonisches Miteinander täusche über die Enge, fehlende Privatsphäre und die schlechten Lebensbedingungen. Eine Willkommenskultur habe es nur in Ausnahmefällen gegeben.
Das Kulturamt des Landratsamtes habe mit dem Film die Intention gehabt, die Vertriebenen als tüchtige Leute darzustellen, damit Alt- und Neubürger zusammenfinden, um den Wiederaufbau voranzutreiben. Vieles im Film entspreche zwar der Realität, die Bilder seien jedoch einseitig. Das Fazit der Teilnehmer, die sich vom 12. September 2024 bis 27. Februar 2025 mit dem Thema beschäftigt haben: Man habe gelernt, dass man wahrnehmen müsse, wie etwas ist, nicht wie es dargestellt werde.
Dokumentiert sind die Forschungsergebnisse der Schüler in einem 34-seitigen Papier mit Texten, Dokumenten und Fotos. QR-Codes führen zu Filmsequenzen. Es sei sehr viel fürs wissenschaftliche Arbeiten und die Methodik hängengeblieben, zieht Lena Ambrus eine positive Bilanz des Wettbewerbs.
