Einstimmig hat der Gemeinderat im November 2022 beschlossen, die Stadtverwaltung solle den Klimaaktionsplan der Stadt so weiterentwickeln, dass diese bis zum Jahr 2035 klimaneutral sein könne. Vorausgegangen war eine Aktion der Initiative „Bietigheim-Bissingen klimaneutral“, die 2900 Unterschriften für ein Bürgerbegehren sammelte, um eben dieses Klimaziel zu erreichen. Mit seinem Beschluss kam der Gemeinderat einem Bürgerentscheid zuvor. „Wir machen uns das Anliegen des Bürgerbegehrens zu Eigen“, sagte Oberbürgermeister Jürgen Kessing in der Sitzung.
Bietigheim-Bissingen Klimaneutralität bis 2035 wackelt
Die Stadt nutzt jetzt ein digitales Werkzeug, welches die Klimaschutzaktivitäten darstellt. Die Simulation zeigt bei der anvisierten Treibhausgas-Reduktion eine Lücke von 17 Prozent.
Inzwischen hat es jede Menge Aktivitäten in Sachen Klimaschutz gegeben. Unter anderem nahm die Stadtverwaltung auch am European Energy Award (eea) teil und konnte sich 2025 zertifizieren. Nach dem Ende des eea zum 31. Dezember 2025 nutzt die Stadt nun die digitale Plattform „ClimateView“, um ihre Klimaschutzaktivitäten und die Entwicklung der Treibhausgasemissionen gebündelt darzustellen. Sowohl die bisherigen Emissionen, der angestrebte Reduktionspfad zur Klimaneutralität bis 2035 als auch die einzelnen Klimaschutzmaßnahmen können hier eingesehen werden. Es ist laut einer Mitteilung der Stadt ein digitales Werkzeug, welches die Arbeit im Klimaschutz für die Öffentlichkeit transparent machen und zugleich der Verwaltung eine Übersicht über die verschiedenen Handlungsfelder und Klimaschutzaktivitäten bieten soll.
Noch 89 Kilotonnen im Jahr 2035
Mit dem Ziel der Klimaneutralität ist laut der Plattform die Treibhausgasneutralität gemeint, bei der bilanziell keine energiebedingten Treibhausgasemissionen mehr erzeugt werden. Hierbei sei der Ausstoß von klimarelevanten Treibhausgasen nach Möglichkeit zu vermeiden, andernfalls stark zu reduzieren und nur in fest definierten Ausnahmen durch zertifizierte Ausgleichsprojekte zu kompensieren. Schaut man sich die Simulation des CO2-Reduktionspfades auf der Seite an, wird aber deutlich, dass auch durch die Umsetzung der bisher definierten Maßnahmen dieses Ziel bis 2035 nach dem derzeitigen Stand nicht zu schaffen ist. Mit Stand von 2022 wurden in der Stadt Emissionen von 262 Kilotonnen CO2-Äquivalenten ermittelt. 2035 wären es immer noch 89 Kilotonnen. Die Lücke zum angestrebten Ziel der Nullemission beträgt damit 17 Prozent. Die Klimaneutralität in neun Jahren wackelt also.
Großteil entsteht in Gebäuden
Die Klimaschutz-Plattform „ClimatView“, die von dem schwedischen Technologieunternehmen „ClimateView AB“ mit Hauptsitz in Stockholm betrieben wird, zeigt auch, in welchen Bereichen es besonders hapert. Demnach entsteht der größte Teil der Emissionen, die laut der Darstellung 2035 noch anfallen, in den Gebäuden mit 58 Kilotonnen (Stand 2022: 158 Kilotonnen). Davon entfallen 30 Kilotonnen auf die Wohngebäude. Die Industrie in der Stadt steuert laut den Berechnungen 2035 noch 25 Kilotonnen an Emissionen bei (2022: 58 Kilotonnen), Mobilität und Fracht nur noch sieben Kilotonnen (2022: 46 Kilotonnen).
Haushalte und Firmen gefragt
Wie Anette Hochmuth, die Sprecherin der Stadtverwaltung, auf BZ-Anfrage mitteilt, wird im Rathaus zurzeit geprüft, wie die Lücke von 17 Prozent bei den Treibhausgasemissionen geschlossen werden kann. Klar sei, dass die Stadtverwaltung die Lücke nicht allein in ihrem Bereich schließen könne. „Private Haushalte und Unternehmen müssen ihren Beitrag leisten, was mit Information, Beratung, Vernetzung und konkreten Angeboten angestoßen werden kann“, so die Sprecherin. Hierzu werde es weitere Beratungen mit dem Gemeinderat geben.
75 Klimaschutz-Maßnahmen in Bietigheim-Bissingen
Die Internetplattform „ClimateView“ listet 75 Maßnahmen auf, mit denen die Treibhausgasemissionen in Bietigheim-Bissingen verringert werden sollen. Unterschieden werden geplante Maßnahmen, Maßnahmen in Umsetzung, abgeschlossene und fortlaufende Maßnahmen.
Geplant sind vier Maßnahmen, darunter der Ausbau der Energiegewinnung aus Biomasse durch die Stadtwerke und der Ausbau der Freiflächensolarthermie durch die Verwaltung.
In Umsetzung sind 15 Maßnahmen, unter anderem die Dekarbonisierung des bestehenden Fernwärmenetzes und dessen Ausbau, die Erstellung eines Sanierungsfahrplans für städtische Gebäude, der Radwegeausbau an der B 27 und die Umrüstung von Flutlichtanlagen auf Sportplätzen auf LED-Technik.
Unter die abgeschlossenen Maßnahmen (16) fallen laut der Auflistung beispielsweise die Erstellung einer kommunalen Wärmeplanung, die Inbetriebnahme der Energiezentrale Mitte der Stadtwerke, die Sanierung des Bestandsgebäudes der Ellentalgymnasien oder der Solartag im Jahr 2024.
40 fortlaufende Maßnahmen werden genannt. Diese reichen vom Ausbau des Stromnetzes und des Fußwegenetzes über eine digitale Verwaltung bis hin zur Förderung von Lastenrädern und der Umstellung der Busflotte auf Elektroantrieb.
