Em dixwazin bizanin.“ Das ist kurdisch und bedeutet soviel wie „Wir möchten das wissen.“ Nicht nur für deutschsprachige Menschen ist kurdisch eine Fremdsprache. Immer mehr Kurden in Deutschland beherrschen ihre Muttersprache nur noch bruchstückhaft – wenn überhaupt. Babo Gayer will das ändern und hat deshalb das Start-up Dibistana, gegründet.
Bietigheim-Bissingen Kurdisch für Anfänger
Immer weniger in Deutschland lebende Kurden beherrschen ihre Muttersprache. Babo Gayer will das mit seinem Startup Dibistana ändern.
Gayer ist in Deutschland geboren, seine Eltern, die unter anderem die Bahnhofsgaststätte in Bietigheim betreiben, lebten früher in der Türkei. Kurdisch habe der 23-Jährige nie gelernt, sagt er im Gespräch mit der BZ. Durch historische Entwicklungen, allem voran die Unterdrückung der Kurden in der Türkei, Assimilation und fehlende institutionelle Förderung, ist der Sprachverlust in der kurdischen Community hoch. Für Gayer führte das zu einer kleinen Identitätskrise. „Ich bin Kurde, kann aber kein Kurdisch.“ Nur wenige Wörter habe er gekannt, einher sei damit ein Schamgefühl gegangen.
Sprachverlust schreitet voran
So ähnlich wie ihm dürfte es vielen der schätzungsweise 200.000 bis 250.000 Kurden in Baden-Württemberg gehen. Die Mehrheit davon stammt ursprünglich aus der Türkei, weiß Turan Tekin, Vorsitzender der kurdischen Gemeinde Baden-Württemberg. „Die erste Generation spricht in der Regel fließend Kurdisch im Alltag. Allerdings war die kurdische Sprache in der Türkei über lange Zeit verboten oder stark eingeschränkt. Viele Kurden konnten ihre Sprache deshalb nur innerhalb der Familie sprechen, aber nie in der Schule lernen.“ Vor allem im Schreiben gebe es dadurch enorme Sprachdefizite. Anders sei die Situation teilweise im Irak: Dort können Kurden seit 2003 in Schulen und Universitäten auf kurdisch unterrichtet werden. Auch Kurden aus Syrien und dem Iran verfügten häufig über bessere Sprachkenntnisse, erklärt Tekin.
„Der Sprachverlust innerhalb der kurdischen Community in Deutschland schreitet dennoch schnell voran.“ Viele Kinder und Jugendliche würden die Sprache zwar noch verstehen, sie aber kaum aktiv nutzen, langfristig gehe so ein Teil der kulturellen Identität verloren.
Babo Gayer sagt, er habe lange gedacht, kurdisch könne man gar nicht lernen, zu vielfältig und unterschiedlich seien die regionalen Dialekte. Erst später, als er aktiv Unterricht bei einem Lehrer in Ludwigsburg nahm, habe er gemerkt, dass Kurdisch eine ganz normale Sprache mit Grammatik und Vokabeln sei, die man erlernen könne. Doch das Angebot dafür ist rar. Bei einschlägigen Sprach-Apps wie Babbel oder Duolingo gibt es Kurdisch nicht im Angebot, institutionelle Sprachförderung gebe es kaum. Einzig der teure Privatunterricht sei eine Option für Lernwillige gewesen. Auch Turan Tekin sagt: „Kurdische Vereine haben erst spät begonnen, kleinere Sprachkurse anzubieten. Diese Angebote werden meist ehrenamtlich organisiert und verfügen häufig weder über ausgebildete Lehrkräfte noch über ausreichende finanzielle Unterstützung, um nachhaltige Bildungsangebote aufzubauen oder weiterzuentwickeln.“
Nicht nur kurdische Nutzer
Mit Dibistana bietet Gayer nun Online-Sprachkurse für Anfänger und Fortgeschrittene an. Diese kosten einmalig 79 Euro, dann kann im eigenen Tempo gelernt werden. Die Inhalte hat der Student der Wirtschaftswissenschaften mit seinem Kurdisch-Professor auf Basis zweier Fachbücher konzipiert. Im vergangenen November ging das Angebot online, zwischen 300 und 400 Käufer und Käuferinnen könne man bislang verzeichnen. Überraschend war dabei auch für Gayer, dass rund die Hälfte davon Deutsche ohne ersichtlichen Migrationshintergrund sind. „Ich habe diesen Erfolg niemals kommen sehen“, sagt Gayer, der zusammen mit Marian Elke, der ihn im Marketing unterstützt, auch aktiv auf den sozialen Medien für Dibistana wirbt.
Wichtiger Beitrag
Die kurdische Community unterstütze ihn in seinem Vorhaben, sagt Gayer. Und Turan Tekin sagt über Dibistana: „Wir begrüßen solche Initiativen sehr, weil sie einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der kurdischen Sprache und Kultur leisten.“ Freunde hätten Gayer erzählt, dass sie nun endlich ihre Großeltern verstehen würden. Und auch er habe seinen Eltern gesagt, sie mögen sich fortan auf Kurdisch mit ihm unterhalten. „Ich merke, dass ich durch die Sprache viel mehr mit der kurdischen Identität verbunden bin.“
Weil sich die Onlinekurse primär an Jugendliche und Erwachsene richten, hat Gayer inzwischen auch eine Reihe von Kinderbüchern auf den Markt gebracht, die erste Grundlagen der Sprache vermitteln, an weiteren arbeite man bereits.
Für die Zukunft seien auch Livekurse sowie eine eigene App denkbar, sagt Gayer. Aber auch Angebote für andere kurdische Diasporas, etwa die große Gruppe französischsprachiger Kurden, seien eine Option für den Gründer. „Es ist einfach toll, wenn die Leute mit ihrer Kultur in Verbindung kommen.“
