Bietigheim-Bissingen Lesung: Alles wegen des Paragrafen 218

Von Petra Neset-Ruppert
Sibel Schick stellte ihr neuestes Buch im Enzpavillon Bietigheim-Bissingen vor. Foto: /Oliver Bürkle

Die Autorin Sibel Schick war zu Gast in Bietigheim-Bissingen und las aus ihrem neuen Buch „Mein Körper – Meine Entscheidung“.

Wenn frau an einer ungewollten Schwangerschaft stirbt, weil ein System ihr die notwendige schnelle Abtreibung verwehrt, kann frau daran Verzweifeln und sich einigeln, oder sie wagt sich damit in die Öffentlichkeit. Genau das macht die Autorin, Journalistin und Aktivistin Sibel Schick, die Anfang des Jahres ihr neues Buch „Mein Körper – wessen Entscheidung? Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen“ veröffentlichte.

Am vergangenen Mittwochabend war die Autorin zu Gast im Enzpavillon in Bietigheim für eine Lesung mit anschließender Diskussion. Eingeladen hat sie der Verein Enztown, der am 4. Juli das Enztown-Festival in Bissingen veranstaltet. „Mit unseren Veranstaltungen wollen wir Menschen zusammenbringen und gegen die Ausgrenzung von Minderheiten ein Zeichen setzen“, erklärt Daniel Behrens vom Verein Enztown zu Beginn der kostenlosen Lesung zu der rund 30 Besucherinnen und Besucher gekommen waren.

Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern

„Ich habe schon früh gemerkt, dass es einen Doppelstandard gibt und dass meinem Umfeld die Ungerechtigkeit klar war, aber sie mit einem Schulterzucken hingenommen wurde“, erzählt Sibel Schick über ihre Jugend, in der sie die Geschlechterungerechtigkeit schon früh spürte. Schick wuchs in der Türkei auf und kam mit 23 Jahren nach Deutschland. Sie schreibt für Magazine und Zeitungen, hat einen eigenen Podcast und engagiert sich gesellschaftlich und politisch. Gerade der intersektionale Feminismus, der auch Diskriminierungsformen wie zum Beispiel Rassismus, Klassismus oder Ableismus miteinbezieht, ist ein prominentes Thema in ihren Texten.

Als Sibel Schick an einer ungewollten Schwangerschaft fast gestorben wäre, stürzt sie sich später in die Recherche zum Thema Reproduktive Rechte. „Obwohl ich mich in einer Myombehandlung befand, als die Schwangerschaft festgestellt wurde, erhielt ich nicht sofort einen Schwangerschaftsabbruch. Mir wurde gesagt: Ein Myom ist kein Grund. Eine andere Frau hätte sich gefreut“, berichtet Schick.

Während der einwöchigen Wartezeit auf das Beratungsgespräch für den Abbruch bekam sie eine Lungenembolie, die zu weiteren lebensbedrohlichen Komplikationen führte. „Und alles nur, weil der Paragraf 218 den Schwangerschaftsabbruch kriminalisiert“, betont Schick. Sie habe das überlebt, weil sie „wusste, was Sache ist“ und sich die Informationen zu einem Schwangerschaftsabbruch nicht erst habe ergoogeln müssen.

„Praxen und Kliniken, in denen Schwangerschaftsabbrüche angeboten werden, werden immer weniger und das Problem wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen, da viele Ärztinnen und Ärzte, die Abbrüche anbieten, bald in Rente gehen“, erklärt Moderatorin Agnes Kübler vom Verein Pro Choice Stuttgart. Sie weist auch darauf hin, dass der Großteil der Frauen, die zu den vorgeschriebenen Beratungsgesprächen kommen, bereits eine Entscheidung getroffen hat.

„Die Entscheidung für oder gegen ein Kind entsteht nicht im luftleeren Raum: Kann man sich das Kind überhaupt leisten? Und wie kann es sein dass Frauen in den ersten Babyjahren so vereinsamen?“, betont Sibel Schick.“ Denn ein Abbruch, den man vornehmen lasse, weil man sich ein Kind nicht leisten könne, sei eben gar nicht „verantwortungslos, wie Abtreibungsgegner behaupten“.

Wie es denn sein könne, dass in Baden-Württemberg trotz eines Grün-geführtem Gesundheitsministerium bisher immer noch so wenig geschehen sei in diesem Bereich, lautete eine Frage aus dem Publikum. Schicks Einschätzung: „In einer Regierung mit der CDU muss man Kompromisse machen, auch wenn es in diesem Bereich keine Kompromisse geben sollte.“ Und führt weiter aus: „Wir haben verlernt, wie viel Macht wir haben. Ich glaube Reformen löschen nur hier und da ein Feuer. Selbst wenn Paragraf 218 abgeschafft wird, ändert sich nicht viel.“  Petra Neset-Ruppert

 
 
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