Bietigheim-Bissingen Melken der Kühe ganz ohne Mühe

Von Oliver Gerst
Beim Tag der gläsernen Produktion gewährte Tobias Geiger Einblicke in den Kuhstall. Foto: /Oliver Bürkle

Führung durch den Milchviehstall von Familie Geiger: Künstliche Intelligenz überwacht 70 Kühe aus eigener Zucht, die selbstständig zum Melkroboter gehen.

Wir betreiben einen konventionellen Landwirtschaftsbetrieb mit Ackerbau und Milchviehhaltung“, erklärte Tobias Geiger am Samstag bei einer Führung durch seine Stallungen im Erlengrund 9 im Rahmen der Aktion „Gläserne Produktion“ des Landesministeriums für Ernährung und Ländlichen Raum. Und er beantwortete den etwa 20 Interessierten gleich die häufig gestellte Frage, warum die Geigers kein Bio-Betrieb sind. Zwar würde der neue Kuhstall durchaus Bio-Kriterien entsprechen, aber die vorgeschriebenen Weideflächen für die Tiere könnten nicht zur Verfügung gestellt werden, ein Thema, das viele Höfe in der Region betreffe, in der hauptsächlich Ackerbau betrieben werde. Außerdem sei „Bio“ auch eine ideologische Frage und erfordere sehr spezielle Kenntnisse.

Der 34-jährige Geiger ist gelernter Elektriker und studierter Agrarwirt und kümmert sich um die Finanzen und den Stall. Mit seinem Vater Bernhard, der für den Ackerbau zuständig ist, teilt er sich die Geschäftsführung. Ehefrau Marisa (36) ist Agrarwissenschaftlerin und für den neuen Hofladen verantwortlich (die BZ berichtete). Birgit Geiger (59), die Frau des Seniorchefs, arbeitet in Stall und Laden. Ein reiner Familienbetrieb also, der nur von drei oder vier Freunden und Verwandten auf Minijob-Basis unterstützt wird, verrät Tobias Geiger.

Älteste Kuh ist zwölf Jahre alt

Seine älteste Kuh ist zwölf Jahre alt, erfreut sich bester Gesundheit und hat in ihrem Leben schon 100.000 Liter Milch gegeben, verrät Geiger nicht ohne Stolz. Sie ist eine von rund 70 Milchkühen im großzügig ausgelegten neuen Stall. Das durchschnittliche Kuh-Alter liegt aktuell bei 5,5 Jahren. Ziel sei „eine alte Herde“ mit 6,5 Jahren. Der Stall mit extra hohem Pultdach ermöglicht eine gute Durchlüftung und so auch im Sommer ein erträgliches Klima. Eine Steuerung regelt Ventilatoren, Licht und Rollos fungieren als Sonnenschutz. „Wenn eine Kuh in ihrer Box liegt und wiederkäut, dann ist das ein Zeichen, dass es ihr gut geht“, so der Agrarwirt.

Seine Kühe „entscheiden selbst“, wann sie – nach Rangordnung – zum Melkroboter gehen, aktuell sind es 180 Melkungen pro Tag. Der Melkvorgang funktioniert automatisiert: Zunächst werden die Zitzen gereinigt und stimuliert, dann an die Melkbecher angedockt und am Ende desinfiziert. Ein Vorgang, der vier bis sieben Minuten dauert. Die Melkhäufigkeit jeder Kuh wird auf Handy und PC des Milchbauern angezeigt. Der Roboter macht den Betrieb zeitlich flexibler: „Wenn es gut läuft, habe ich um 17.30 Uhr Feierabend und bin beim Abendessen dabei“, so Tobias Geiger.

Die künstliche Intelligenz ist für uns „ein großer Sprung nach vorn fürs Tierwohl“ sagt der Agrarwirt, denn dank Kameras würden Bewegungsmuster aufgezeichnet und analysiert, mit Mikrofonen am Hals Kau- und Wiederkaugeräusche kontrolliert und via Wiegeböden das Gewicht bestimmt. Die KI könne so frühzeitig Hinweise auf Krankheiten geben, die zunächst vielleicht gar nicht auffallen würden. Neben den 70 ausgewachsenen Milchkühen im Stall, alles Fleckvieh, gibt es weitere rund 70 Kühe in zweijähriger Aufzucht im alten Stallgebäude.

Diese sind teils für die eigene Herde bestimmt, teils werden sie an andere Betriebe verkauft oder gemästet und dann von Tobias Geiger nach Ilsfeld zur Schlachtung gebracht, wo Fleisch- und Wurstwaren für den Hofladen entstehen. Männliche Kälber werden bereits nach vier Wochen nach Oberriexingen an einen Spezialmastbetrieb verkauft. Die Kälber-Überlebensrate nach Geburt liegt bei Geigers bei 98 Prozent.

Aus 500 Liter wurden 9600

1965 wurde der Hof von Tobias Geigers Opa in den Erlengrund ausgesiedelt mit Wohnhaus, Stall und Schuppen. 1998 wurde er durch seinen Vater erweitert, sogenannte Boxenlaufställe lösten die Haltung mit angebunden Tieren ab. 2004 kamen eine Abkalbstation und Strohbuchten für Kälber dazu. Jetzt gibt es auch eine Besamungsstation, Trockensteher-Flächen für Kühe im „Mutterschutz“ (sieben Wochen ohne Milchabgabe), Kälber-Boxen, „Kindergarten“, Liegebuchten mit bequemen Gummimatten, „Special Need“-Buchten und automatische Gülleschieber. Aus 5000 Liter Milch pro Kuh und Jahr zu Beginn sind heute mit dem großen neuen Stall und Melkroboter 9600 Liter geworden, für die es von der Milcherzeugergemeinschaft Südwest 53 Cent pro Liter gibt.

Geigers landwirtschaftliche Fläche teilt sich auf in etwa 25 Hektar Dauergrünland und 80 Hektar Ackerbau mit möglichst wenig Spritzmitteln und KI-gesteuerten Hackmaschinen. Der Betrieb kann so das Futter für seine Kühe selbst erzeugen. In drei großen „Fahrsilos“ gibt es hochwertige Silage vom Grünland für 365 Tage im Jahr, dazu kommt Futter aus Gerste, Mais, eiweißhaltigen Erbsen und Zuckerrübenschnitzel. Braugerste, Weizen und Dinkel werden verkauft.

 
 
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