Bietigheim-Bissingen Nikolas Stihl: „Niemand ist im luftleeren Raum unterwegs“

Von Yannik Schuster
Von links: Schulleiter Stefan Ranzinger mit dem Stihl-Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Nikolas Stihl und Landrat Dietmar Allgaier. Foto: /Oliver Bürkle

Im Beruflichen Schulzentrum sprach der Stihl-Aufsichtsratsvorsitzende über die Rolle des Kettensägenherstellers als Weltmarktführer, Forderungen an die Politik und die AfD.

Obwohl bei den Jazz Open in Stuttgart, einer Veranstaltung, die Stihl als Hauptsponsor unterstützt, am Mittwochabend Superstar Katy Perry auftrat, war der Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Nikolas Stihl lieber im Beruflichen Schulzentrum in Bietigheim-Bissingen zu Gast. Im Rahmen des Formats „Schule trifft Wirtschaft“ sprach der Enkel des Firmengründers Andreas Stihl vor über 400 Zuhörern über die Rolle des Kettensägenherstellers als Weltmarktführer.

Da Stihl in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feiert, blickte der Konzernchef zunächst zurück auf die Anfänge: Die Waldarbeit in den 1920er-Jahren sei schwer und gefährlich gewesen, sein Großvater habe eine Lösung parat gehabt. Daraus leitete Stihl eine Lektion für die Schülerinnen und Schüler ab: Wer mit einem Startup erfolgreich sein will, der sollte mit einem Notizblock durch die Gegend gehen und Probleme identifizieren, die es zu lösen gelte. Die zweite Lektion: Nach Fehlschlägen aufstehen, den Mund abputzen und weitermachen. Schließlich sei auch das erste Produkt der Firma Stihl, ein Vorfeuerungskessel, ein Flop gewesen.

Akkusägen auf dem Vormarsch

Anhand immer neuer Innovationen zeichnete Stihl das Bild einer Firma, die sich über die Jahre zum Weltmarktführer aufschwang. „Die Waldarbeit wie sie heute stattfindet ist im Wesentlichen von uns mitentwickelt worden“, sagte Stihl. Seit einigen Jahren – und wohl auch noch die nächsten Jahrzehnte – beschäftige man sich in Waiblingen mit der Transformation hin zu elektrisch betriebenen Kettensägen. Aktuell verkaufe man weltweit rund 27 Prozent Akkugeräte, der Rest sei benzinbetrieben. Bis 2035 werden sich diese Verhältnisse umdrehen, prophezeite Stihl. Trotzdem werde der Verbrennungsmotor auch in Zukunft eine Rolle spielen, mit neuen Kraftstoffen könne man auch diese Technik dekarbonisieren.

Seine Botschaft an die Politik: Obwohl nur neun Prozent des Stihl-Umsatzes von rund 5,5 Milliarden Euro pro Jahr in Deutschland erwirtschaftet wird, beschäftige man noch immer 32 Prozent aller Mitarbeiter im Heimatmarkt. Die Politik müsse die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass es dabei bleibt – etwa durch einen radikalen Bürokratieabbau, günstige Energiepreise oder eine Senkung der Staatsquote. Neben Bund und EU würden dabei auch die Landkreise und Kommunen einen wichtigen Beitrag für den Wirtschaftsstandort leisten, so Stihl.

Standort hat gute Voraussetzungen

In der anschließenden Fragerunde wollte ein Schüler wissen, ob Stihl Ministerpräsident Cem Özdemir zustimme, wenn dieser davon spreche, Ökonomie und Ökologie zusammenzubringen. „Ja, das passt zusammen. Niemand von uns ist im luftleeren Raum unterwegs“, machte Stihl deutlich. Seine Firma investiere etwa in Motorsägen, die sich mittelfristig vollständig recyceln lassen sollen. Ob Deutschland noch ein starker Wirtschaftsstandort sei, lautete eine weitere Frage. Trotz unbestreitbarer Probleme habe man nach wie vor gute Grundvoraussetzungen, sagte Stihl: Ein gutes Bildungssystem, in das allerdings zu wenig investiert werde, Top-Universitäten und eine noch leistungsfähige Infrastruktur böten alle Möglichkeiten, Deutschland wieder an die Spitze zu führen.

Schritt in die richtige Richtung

Der Ministerpräsident nehme die Aufgabe an und auch die Bundesregierung habe mit dem jüngst vorgestellten Reformpaket einen Schritt in die richtige Richtung gemacht, so Stihl. Ein „echtes Problem“ hätte man hingegen im Falle einer AfD-Regierung. Alleine durch deren angestrebten Austritt aus der EU würden hunderttausende Arbeitsplätze verloren gehen. Man benötige kein Verständnis hoher Mathematik, um zu verstehen, „dass alles, was sie fordern, entweder komplett an den Haaren herbeigezogen oder schlicht und ergreifend unmöglich ist.“ Dennoch gab er sich optimistisch: „Ich glaube nicht, dass wir vor der AfD Angst haben müssen.“ Mit dem Grundgesetz habe man ein starkes Werkzeug in der Hand, um sich effektiv zur Wehr zu setzen.

Auch kritische Töne kamen aus dem Publikum: Ob er es heute kritisch sehe, Donald Trump nach dessen Wiederwahl 2024 als einer der ersten Unternehmenschefs gratuliert zu haben, fragte eine Schülerin. Er sei nie ein Trump-Fan gewesen, betonte Stihl, räumte aber ein: „Hätte ich gewusst, was der Mensch alles anstellt, hätte ich ihm nicht gratuliert.“

20 Jahre Schule trifft Wirtschaft

Das Format am Beruflichen Schulzentrum feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. 2006 habe er die Reihe als junger Schulleiter erschaffen, um das Profil der Schule weiter zu stärken, sagte Stefan Ranzinger. Auch Landrat Dietmar Allgaier, der nach eigenen Angaben noch keine Veranstaltung in seiner Amtszeit verpasst hat, bescheinigte dem Format das Prädikat „hochinteressant“. „Hier treffen sich Vertreter aus Wirtschaft und Politik mit Schülern – der Generation, die in den Arbeitsmarkt einsteigt.“ In der Schule sei eben doch vieles graue Theorie, sagte Ranzinger. Wenn jedoch jemand wie Dr. Nikolas Stihl da stehe und etwas sage, dann habe das Gewicht.

Zahlreiche Prominente Gäste konnte Ranzinger über die Jahre begrüßen. Los ging alles mit Michael Hörrmann, Ministerialrat im Staatsministerium Baden-Württemberg. Es folgten Referenten wie Mark Bezner, Geschäftsführer von Olymp-Bezner, Bischof Dr. Gebhard Fürst, Erwin Staudt als Präsident des VfB Stuttgart, Dr. Nicola Leibinger Kammüller, Vorsitzende der Geschäftsführung bei Trumpf, EU-Kommissar Günther Oettinger, DM-Gründer Götz W. Werner, Bundesbildungsministerin Anette Schavan, zuletzt Alexander Wehrle und Cacau vom VfB oder auch der heutige Ministerpräsident Cem Özdemir.

Ranzingers aktueller Wunschgast? „Ich würde gerne mal mit Gianni Infantino über Korruption bei der Fifa sprechen.“ Fürs nächste Jahr steht der Referent bereits fest: Ein Staatssekretär aus dem Bundesverteidigungsministerium wird über den Boom der Rüstungsindustrie sprechen, kündigte Ranzinger an.

 
 
- Anzeige -