Bietigheim-Bissingen Nur der Turm blieb stehen

Von Uwe Mollenkopf
Die Schumachersche Fabrik in Bietigheim kurz vor dem Abriss. Heute steht von den Betriebsgebäuden nur noch der Turm in der Bildmitte. Foto: /BZ-Archiv/ad

Die Schumachersche Fabrik an der Löchgauer Straße hatte einst über 200 Mitarbeiter. 1985 wurde sie nach Crailsheim verlagert.

Vor rund 100 Jahren erlebte die Schumachersche Fabrik in Bietigheim nochmals einen kräftigen Aufschwung. Zwar war das an der Löchgauer Straße entstandene Traditionsunternehmen mittlerweile von dem Großunternehmer Hugo Stinnes aus dem Ruhrgebiet übernommen worden, doch der sorgte für eine bedeutende Erweiterung. Möglich machte dies für den Bimssteinhersteller die Produktion von säure- und laugenbeständigen Filtersteinen, welche das bisherige Produktportfolio ergänzten.

In der Folge wurden damals Erweiterungen an der Hiller- und Grabenstraße vorgenommen. Eine neue Kugelmühle entstand und der Bau eines Wassersoloturms wurde nötig. Auch eine neue Kaminanlage wurde eingebaut. Mit dem Umbau des Schumacherschen Wohnhauses zum Verwaltungsgebäude wurde die Modernisierung 1926 abgeschlossen, so Michael Schirpf in der Stadtchronik „Bietigheim 789 bis 1989“.

Firmengründung 1929

Die Schumachersche Fabrik war laut Hermann Roemer („Geschichte der Stadt Bietigheim“) die älteste, zum Zeitpunkt der Abfassung seines Buches in den 1950er-Jahren noch bestehende Fabrik in Bietigheim, auf jeden Fall aber eine der ältesten. Ihr Gründer, der Bietigheimer Hafner und Kalkbrenner Christian Schumacher, war zunächst in der herzoglichen Porzellanfabrik in Ludwigsburg beschäftigt. Nach deren Ende 1824 begann er in seiner Heimatstadt in der Löchgauer Straße einen künstlichen Bimsstein zu entwickeln. Natürliche Bimssteine, die man für das Schleifen des Porzellans brauchte, waren bisher importiert worden.

Schumachers Verfahren, für das er 1827 ein Patent erhielt, bestand darin, kalkarmen weißen Quarzsandstein zu mahlen und mit geschlemmter Lette zu vermischen. Den Rohstoff bezog er aus Ochsenbach. Als Jahr der Firmengründung gilt 1829.

Laut Roemer half vor allem die Fabrikation von Wetzsteinen dem kapitalarmen Ein-Mann-Unternehmen auf die Beine. 1833 erhielt Schumacher den „Chemischen Preis“ der württembergischen Landesregierung, danach verbreiteten sich seine Wetzsteine schnell im ganzen Land und wurden auch exportiert. Weitere Meilensteine waren der Kauf der ersten Maschine 1840, der Ausbau des Stammhauses auf doppelte Größe 1844 und der Kauf der Bissinger Schleifmühle 1847. Später, 1862, kaufte Karl Schumacher, der Sohn des 1858 verstorbenen Gründers, dann stattdessen die Obere Bachmühle an der Metter. 1864 kam ein drittes Patent auf einen Messerputzstein hinzu.

1870 zweites Fabrikgebäude

Für den Aufschwung, in dem sich die Firma befand, standen auch 1870 der Bau eines zweiten Fabrikgebäudes in der Neue Straße und 1877 einer Fabrikantenvilla. Laut einer Anzeige aus dem Jahr 1912 wurden damals unter anderem künstliche Bimssteine, Wetzsteine, Putzpulver und Schmirgelwaren aller Art hergestellt.

Krisenhaft war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Laut Schirpf hatte die Schumachersche Fabrik damals mit Exportproblemen, Misswirtschaft und Brennstoffmangel zu kämpfen. Schließlich musste Erwin Schumacher das Unternehmen an das Kohlegeschäft Jakob Trefz & Söhne in Stuttgart verkaufen. Es folgten der Einstieg von Stinnes und die Hereinnahme von Filtern in die Produktpalette, was neue Aufträge brachte.

Filtersteine sehr gefragt

Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging es mit der Fabrik wieder aufwärts. Filtersteine aus Bietigheim waren damals sehr gefragt, sodass der damalige Inhaber Julius Messner den Export sofort wieder aufnahm, eine eigene Forschungsabteilung einrichtete und mit der Produktion von keramischem Isoliermaterial für Elektrotechnik begann. Zu den Hochzeiten in Bietigheim erstreckte sich das Firmengelände zwischen der Löchgauer Straße, Hillerstraße, Turmstraße und Neuweiler Straße. Das Unternehmen beschäftigte weit über 200 Mitarbeiter und hatte einen Jahresumsatz von rund 20 Millionen Mark. Die Firma galt als die größte Spezialfabrik auf dem Gebiet der porösen Filter- und Begasungstechnik.

Keine Erweiterung möglich

Zum Problem für die Schumachersche Fabrik wurden aber schließlich die mangelnden Erweiterungsmöglichkeiten in Bietigheim. In den 80er-Jahren fiel deshalb die Entscheidung, den Betrieb nach Crailsheim zu verlagern, wo 1985 die Produktion aufgenommen wurde. Heute firmiert das Unternehmen dort als Pall Filtersystems GmbH (Werk Schumacher).

Das Firmenareal in Bietigheim verkaufte Schumacher an die Stadt, welche die Betriebsgebäude abbrechen und dort Wohnungen sowie das Parkhaus Turmstraße errichten ließ. Erhalten blieb nur der Turm, der damit bis heute an dieses Kapitel Bietigheimer Wirtschaftsgeschichte erinnert. 

 
 
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