Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass gute Architektur ein teurer Luxus sei. Teuer ist in Wahrheit nur schlechte Qualität.“ Dies erklärte Baubürgermeister Michael Wolf zur Eröffnung der Wanderausstellung „Beispielhaftes Bauen im Landkreis Ludwigsburg 2019 – 2025“ am Dienstagabend im Bissinger Rathaus. Die Schau stellt die bei einem Auszeichnungsverfahren der Architektenkammer gemeinsam mit dem Landratsamt Ludwigsburg prämierten Bauprojekte im Landkreis vor. Sie ist bis zum 21. Juli zu sehen.
Bietigheim-Bissingen Prämierte Bauprojekte sollen zum Nachahmen animieren
Im Rathaus Bissingen wurde die Wanderausstellung „Beispielhaftes Bauen im Landkreis Ludwigsburg 2019 – 2025“ eröffnet.
Große Bandbreite
Bei dem Verfahren hatte die Jury aus 93 Einreichungen 21 Projekte als „beispielhaft“ ausgewählt, darunter auch drei Projekte aus Bietigheim-Bissingen: Zwei davon betrafen die Umnutzung des Fabrikareals Elbe, eines den Bau der Kindertagesstätte Memory inklusive gefördertem Wohnen (die BZ berichtete). „Die Bandbreite der prämierten Arbeiten ist enorm“, sagte Baubürgermeister Wolf in seiner Einführung. Sie reiche von modernen Bildungseinrichtungen und Kinderhäusern bis hin zu komplexen Quartiersentwicklungen. Ganz besonders freue ihn natürlich, dass drei der ausgezeichneten Projekte aus Bietigheim-Bissingen kommen, und dass sich für eines davon, die Kita, die Stadt direkt verantwortlich zeichne.
Wolf nutzte seine Rede als Plädoyer für eine gute Baukultur. Er sah darin gleich mehrere Vorteile: Dadurch werde Identität in einer Stadt geschaffen, es erhöhe als Standortfaktor die Attraktivität einer Kommune, langlebige und ressourcenschonende Gebäude seien zudem auch „angewandter Klimaschutz“ und schließlich, so Wolf, lohne sich gute Architektur auch wirtschaftlich. Er hob hervor, dass die öffentliche Hand bei dem Thema eine Vorbildfunktion habe und sagte, dass es auch in Zeiten knapper Kassen Investitionen in die städtische Infrastruktur geben müsse. „Die hier gezeigten Beispiele beweisen eindrucksvoll, was machbar ist. Sie sollen uns anstecken und zum Nachahmen motivieren“, sagte der Bürgermeister.
Nora Schöffel, die Vorsitzende der Kammergruppe Ludwigsburg der Architektenkammer Baden-Württemberg, bezeichnete die Zahl der 93 Einreichungen bei dem Wettbewerb als „sehr stark“. Alle Objekte seien besichtigt worden, wobei die Dauer etwa fünf bis sieben Minuten betragen habe. Dann sei nach verschiedenen Kriterien entschieden worden. „Die prämierten Objekte zeigen uns, wie gute Baukultur im Kreis aussieht“, sagte Schöffel. Für die Zukunft gelte, dass man stärker mit dem Bestand arbeiten müsse, und, so die Architektin, es brauche „Mut zum Einfachen“.
Als Beispiel aus der Praxis stellte Architekt Mike Geer vom Büro KMB die Sanierung und Umnutzung von denkmalgeschützten Gebäuden des früheren Fabrikareals Elbe in Bietigheim-Bissingen vor. Das Architekturbüro wurde dafür gleich zweimal ausgezeichnet: für die Firmenzentrale von Reko (Baujahr 2022) in der Austraße 129, wo moderne Räume für bis zu 50 Mitarbeiter entstanden, und den Gebäudekomplex mit Büros, Wohneinheiten und einer Zahnarztpraxis in der Austraße 131, der auch neuer Firmensitz von KMB wurde (Baujahr 2025) und Raum für rund 120 Arbeitsplätze bietet. Die Baukosten für das letztere Projekt beziffern sich auf 5,35 Millionen Euro.
Wie Geer sagte, gilt das Elbe-Werk mit seinen denkmalgeschützten Backsteinbauten als „die älteste nahezu vollständig erhaltene Fabrikanlage im früh industrialisierten Bahnhofsgebiet von Bietigheim-Bissingen“. Es habe sich die Frage gestellt, wie man mit einem solchen Denkmal umgehen solle. Die Antwort, die Bauherren und Architekturbüro fanden: Es sollte keine Konservierung sein, so Geer, sondern eine verantwortungsvolle Weiterentwicklung, die in zwei Bauabschnitten erfolgt sei. Man brauche „das Fortschreiben einer Geschichte und die Transformation zu zukunftsfähigen Lösungen“, sagte der Architekt.
Motto: Erhalten und ergänzen
Leitmotiv der gesamten Maßnahme sei die konsequente Ablesbarkeit der Baugeschichte gewesen. Geer: „Die Transformation folgte dabei dem Prinzip: erhalten, sichtbar machen, präzise ergänzen.“ Historische Bauteile seien nicht überformt, sondern freigelegt worden. So bleibe etwa die ehemalige Brennhalle in ihrer räumlichen Dimension vollständig erfahrbar, auch die prägnante Klinkerfassade blieb in ihrer Gesamtheit erhalten. Historische Fenster wurden instandgesetzt und behutsam ergänzt, anstatt ersetzt zu werden.
Neue Elemente seien „klar zeitgenössisch formuliert worden“ und würden jede Form der Imitation vermeiden. „Gerade in dieser bewussten Differenz entsteht eine hohe gestalterische Spannung“, sagte Geer.
Wärmepumpe und Photovoltaik würden so eingesetzt, dass sie sich in das Gesamtbild integrierten und gleichzeitig einen hohen energetischen Standard ermöglichten. Insgesamt zeige das Projekt exemplarisch, „wie ein industrielles Denkmal nicht konserviert, sondern aktiv weitergebaut werden kann“.
