Bietigheim-Bissingen „Sich von der Not der anderen berühren lassen“

Von Claudia Mocek
Dr. Jürgen Knieling. Foto: /Oliver Bürkle

Gute Vorsätze zum neuen Jahr? Der Arzt Jürgen Knieling erklärt, warum wir bei manchen motivierter sind als bei anderen.

Weniger Schokolade essen, drei Mal pro Woche im Fitnessstudio trainieren und jeden Monat mindestens einen Roman lesen. So oder ähnlich sehen viele Vorsätze zum neuen Jahr aus. Doch warum fällt es einem so schwer, diese auch wirklich umzusetzen und sein Verhalten zu ändern? Und gibt es ihn wirklich, den inneren Schweinehund? Die BZ hat beim Ärztlichen Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Bietigheim, Dr. Jürgen Knieling, nachgefragt. Er hatte einige überraschende Antworten parat.

Den inneren Schweinehund leichter überwinden

„Ja, es gibt ihn, den inneren Schweinehund“, sagt Knieling. Ihn zu überwinden und sein eigenes Verhalten zu ändern, sei gar nicht so leicht. Doch er ist überzeugt, dass dies bei manchen Vorsätzen leichter gelingen kann als bei anderen: „Es gibt gute Vorsätze und banale“, sagt er. Sich gesünder zu ernähren, sich mehr zu bewegen oder mehr für seine Bildung zu tun, seien sicherlich keine schlechten Vorhaben. Doch sie ließen sich unter dem Begriff der Selbstoptimierung zusammenfassen und dienten in erster Linie der Verbesserung des eigenen Wohlbefindens und gehören für Knieling damit in die Kategorie der banalen Vorsätze.

Sein Verhalten zu verändern, um sich selbst zu optimieren, sei deshalb schwierig, weil die Motivation fehle. Wenn man sich nur schwer aufraffen kann, um mehr Sport zu treiben, „liegt es vielleicht daran, dass mir das nicht so wichtig ist“, sagt Knieling: „Denn die Dinge, die mir wichtig sind, tue ich schon.“ Aber er stellt auch klar: Ist jemand schwer erkrankt und konsumiert zum Beispiel Drogen oder viel Alkohol, „dann braucht derjenige keine guten Vorsätze, sondern einen Suchttherapeuten“.

Für alle, die für 2026 schon über gute Vorsätze nachdenken, hat der Ärztliche Direktor einen Vorschlag: Sie sollten sich nicht im Banalen verlieren, sondern sich etwas vornehmen, was anderen zugute kommt – „den nächsten Generationen, der Familie, der Gemeinschaft, dem Gemeinwohl“, sagt Knieling. Man könne sich zum Beispiel vornehme, sich einmal pro Woche sozial zu engagieren, mit einem Besuch im Hospiz, Kindern etwas vorzulesen oder sich in einer Partei einzubringen. Dann werde man viele positive Rückmeldungen bekommen. Das Lächeln der anderen werde in einem selbst eine große Zufriedenheit auslösen, ist Knieling überzeugt. Er hat auch eine Erklärung, warum das so ist: Verantwortung für andere zu übernehmen, „löst bei mir selbst einen Sog aus, mich weiter einzubinden“, sagt er. Im Gegensatz dazu erhöhten Vorhaben der Selbstoptimierung in einem selbst eher den Druck. Der Grund: „Wir sind soziale Wesen“, sagt Knieling.

Wenn es zum Beispiel bei der Nachbarschaftshilfe darum geht, andere zu unterstützen, sei die Motivation deshalb auch viel größer als bei selbstbezogenen Vorhaben. „Wenn ich mich für andere engagiere, fällt mir das viel leichter“, sagt Knieling. Ganz nebenbei würde man sich so gegen die Spaltung der Gesellschaft einsetzen. Denn in den vergangenen Jahrzehnten habe das Profit- und Konkurrenzdenken zugenommen, vor allem auch auf Kosten der Benachteiligten in der Gesellschaft.

Gemeinschaft stärker in den Blick nehmen

Es sei an der Zeit, das Gemeinwohl stärker in den Fokus zu rücken. „Alleine schafft man so etwas nicht“, sagt Jürgen Knieling: „Ich kann nur empfehlen, den Blick in diese Richtung zu weiten und sich von der Not der anderen berühren zu lassen.“ Dazu zählt für ihn auch, sich mit den Folgen des Klimawandels wie der Erderwärmung zu beschäftigen „Man sollte sich darüber informieren, was das für die nachfolgenden Generationen bedeutet.“

Mit seinem sozialen Engagement an Neujahr zu beginnen, sei keine schlechte Idee, auch wenn der Ärztliche Direktor überzeugt ist: „Es ist immer ein guter Zeitpunkt, um die anderen in den Blick zu nehmen.“

Sich von der Not des anderen berühren zu lassen, empathisch auf das Umfeld zu reagieren, sich einzusetzen, sind das nicht Eigenschaften, die man Frauen eher zuschreibt als Männern? „Ja“, sagt Knieling. Rivalität und Profit seien eher maskuline Werte. „Wir täten daher gut daran wenn mehr Frauen in Führungspositionen etwas zu sagen hätten“, ist der Ärztliche Direktor überzeugt.

Aber was ist mit dem Zuviel an Schokolade, dem Zuwenig an Sport und dem Buch, das man immer nur lesen will, aber dann doch lieber vor dem Fernsehen herumlümmelt? „Vielleicht dürfen solche Vorsätze auch hinten herunterfallen. Denn ich kann mir zwar banale Dinge vornehmen. Aber vielleicht sollte ich auch einfach Frieden schließen mit meinen kleinen Schwächen und dafür lieber die wichtigen Themen ernst nehmen“, sagt Jürgen Knieling: „Probieren Sie es aus. Sich für andere zu engagieren, ist eine Riesentriebfeder und kommt doppelt zurück. Und wir brauchen eine Transformation der Gesellschaft.“

 
 
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