Als Sachsenheimerin kenne ich den Bietigheimer Silvesterlauf von Kindesbeinen an, berichte seit vielen Jahren als Journalistin darüber. Die Idee, mitzulaufen, gab es aber nie – vielleicht auch, weil ein Knie seit geraumer Zeit den Belastungen beim Joggen nicht dauerhaft standhält. 10,5 Kilometer sind alleine deshalb eine utopische Distanz. Doch dann kam es, wie es wohl kommen wollte: Für die Frauen-Staffel meldeten sich drei Freundinnen an.
Bietigheim-Bissingen Silvesterlauf: Mit Adrenalin ins neue Jahr
Unsere BZ-Autorin war beim diesjährigen Bietigheimer Silvesterlauf zum ersten Mal auch als Teilnehmerin dabei. Ein Erfahrungsbericht.
Eine Kniebandage und regelmäßiges Cardio- und Krafttraining sorgten für Zuversicht, in erster Linie ging es dem Team auch nicht um Platzierungen oder Bestzeiten, sondern um die Gaudi: Spaß zu haben und Teil zu sein von diesem Mega-Event zum Jahresausklang. Man könnte uns als Paradebeispiel bezeichnen für jene Zielgruppe, für die vor einigen Jahren die Kategorie Frauen-Staffel eingeführt wurde. Wie Dieter Matzat vom Orga-Team erklärt, beträgt der Frauenanteil am Hauptlauf nämlich nur etwa rund ein Viertel. 32 Frauen-Formationen erhöhten 2025 die weibliche Quote – und wir mittendrin.
Kurzfristige Ummeldung
Wenige Tage vor dem Rennen dann eine vermeintliche Hiobsbotschaft: Die zweite Läuferin musste krankheitsbedingt passen. Unsere Einspringerin ist vor Ort geflasht von der Atmosphäre, kommt aus dem Staunen über die 4000 Teilnehmer plus Staffelläufer und den rund 12.000 Fans am Streckenrand gar nicht mehr heraus – und gibt zu: Die volle Laufdistanz wäre ihr zu lang gewesen.
Weil die kurzfristige Ummeldung im Vorfeld problemlos funktionierte, kann das Team sich in der knallvollen Viadukthalle in aller Ruhe die Startnummern anpinnen. Als Unterstützerinnen mit dabei: die ursprünglich eingeplante Läuferin und eine weitere Freundin. Wir dachten ja, sie würden uns an der Strecke anfeuern. Doch letztlich haben sie sich notgedrungen anderweitig unverzichtbar gemacht. Denn am Silvesternachmittag war es zapfig kalt mit Temperaturen um den Gefrierpunkt. Die strahlende Sonne wärmte vor allem das Herz und half dem allgemeinen Stimmungsvibe auf den Siedepunkt. Doch bis zur eigenen Startzeit auf die warmen Jacken zu verzichten, wäre keine Option gewesen. Wir nannten die beiden Freundinnen also liebevoll „unsere Kammerzofen“.
Assistenten notwendig
Wäre die erste Wechselzone auf der anderen Seite der Laufstrecke gewesen, hätte man der Startläuferin die Jacke reichen und sich dann auf den Weg zur zweiten Wechselzone machen können. Doch weil sich die Schlussläufer schon auf der Flussseite befinden mussten, da während des Rennens die Laufstrecke – entgegen früherer Informationen – nicht mehr überquert werden durfte, scheitert dieser Plan. Spontan müssen die beiden Freundinnen sämtliche Boten- und Aufbewahrungsaufgaben übernehmen. Anderen Staffelteilnehmern scheint es ähnlich zu gehen: Manche hopsen nervös auf der Stelle, weil sie schon lange keine Jacke mehr anhaben, andere haben Eltern und Angehörige als Assistenten dabei.
In der Wechselzone heißt es dann dehnen und nochmals die Muskeln aufwärmen. Leise ruft die Ordnerin die ankommenden Staffelnummern auf. Der Blick geht konzentriert den Weg hinunter. Wann kommt die Nummer 19? Plötzlich geht es ganz schnell: Sie drückt mir den knallpinken Staffelstab in die Hand, ich starte in mein Lauf-Abenteuer als Schlussläuferin – und komme aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Entlang des Weges unterm Viadukt, im Bürgergarten bis zum Kronenplatz säumen unzählige Fans den Streckenrand, feuern an, was das Zeug hält, filmen mit ihren Smartphones und halten Plakate hoch: „Ned lang schnacken, Bestzeit knacken“, steht auf einem. Da läuft es sich wahrhaft fast von selbst.
Nach der Spitzkehre geht es in der Besigheimer Straße erstmals bergauf, mein Tempo kann ich erwartungsgemäß nicht ganz halten. Als es auf den motivierenden Hexenkessel am Marktplatz zugeht, komme ich aus dem Dauerlächeln nicht mehr heraus. Von Weitem höre sind die Trommler am unteren Tor zu hören, bergab hat man das Gefühl, zu fliegen. Dann geht es auf die lange Gerade. Da vorne ist das Ziel. Jetzt heißt es beißen. Am Rand hat die Zuschauerzahl schon abgenommen, seit die Topathleten durch sind. Doch immer noch klatschen und rufen viele Menschen den Läuferinnen und Läufern zu. Sie pushen und tragen die Läuferinnen und Läufer.
Auf der Zielgerade beginnt das Tunnelgefühl, die Laufzeit des Teams rückt in den Hintergrund. Ich setze zum Endspurt an, gebe alles, überhole einige Läufer vor mir, überquere die Ziellinie. Ich bin ausgepumpt, umgeben von einer ungeheuren Menschenmenge. Ich halte Ausschau nach den Freundinnen. Plötzlich ein Stupser, jemand reicht mir einen Getränkebecher. Auch die zweite, spontan eingesprungene Läuferin stößt dazu. Das Team fällt sich in die Arme. Jetzt ist es zu spüren, das Adrenalin. Beseelt vom Teamgeist und dankbar für die Unterstützung sind wir ein bisschen stolz auf die Leistung. Ich grinse noch immer. Und: Mein Knie hat durchgehalten.
