Schlossfestspiele Die „Accademia del Piacere“ brachte „Flamenco Barroco“ in die Bietigheimer Kelter.

BIETIGHEIM-BISSINGEN. Im Rahmen ihrer Kooperationen reisen die Schlossfestspiele mehrmals in der rund zweieinhalbmonatigen Saison zu einem Auswärtsspiel. Auch ins benachbarte Bietigheim-Bissingen hat das Ludwigsburger Festival in der Vergangenheit immer mal wieder einen Abstecher gemacht. Vergangenen Samstagabend war es erneut so weit. Für das einzige Schlossfestspiel-Konzert in Bietigheim-Bissingen in diesem Jahr brachte Intendant Jochen Sandig „Diálogos Flamenco Barroco“ in die Alte Kelter.

Ursprünglich geplant für den 6. Juni 2020, stand das spanische Quintett „Accademia del Piacere“ nach mehreren Termin-Verlegungen nun tatsächlich auf der Bühne. Im Zuschauerraum der nicht ausverkauften Kelter saß ein für dieses außergewöhnliche Genre passioniertes Publikum: Der nicht enden wollende Applaus schien sogar die Künstler auf der Bühne zu überraschen.

Ohne Begrüßung und Verabschiedung konzentrierte sich das Quintett ausschließlich auf seine künstlerische Darbietung und legte auf das einstündige Konzert zwei Zugaben oben drauf.

In der Vorstellung von Flamenco gehen klangliche und ästhetische Komponenten meist untrennbar miteinander einher. Auf tänzerische Einlagen und typische Mode verzichtete die „Accademia del Piacere“ allerdings. Sängerin Rocío Marquez saß ruhig auf ihrem Stuhl, während sie mit stimmlicher Bravour in die Kunst abtauchte.

Gemeinsam mit dem Gambisten Fahmi Alqhai hatte sie aus traditionellen Flamenco-Stilen und spanischer Barockmusik Arrangements geschaffen, die sie am Samstagabend präsentierten. Dabei geht es stets um den Ausdruck menschlicher Emotionen, in aller Regel tiefe Traurigkeit, Melancholie, sogar Verzweiflung bis hin zu Selbstmordgedanken – kurz: Es handelt sich um Klagelieder. Grund für die schmerzhaften Erinnerungen und innere Zerrissenheit ist häufig die Liebe. In den „Diálogos“ verschmelzen die Dialogpartner in der Stimme der preisgekrönten Sängerin Marquez. Und so vereinte sie in ihren Klängen beispielsweise jene beiden Sichtweisen: den einen treibt die Liebe in die Verzweiflung; der andere empfindet sie als süße Qual. Claudio Monteverdis „Sì dolce è ‘l tormento“ war das einzige Stück des Abends, das seine Wurzeln in einer klassischen Komposition sucht.

Es fällt nicht schwer, Leid und Mühsal in diesem orientalisch verschnörkelt anmutenden Gesang zu hören. Mehr Fantasie braucht es – wie es in der Programmbeilage beschrieben ist – das letzte Lied des Abends als die Erzählung einer Tochter aufzufassen, „die aus dem Kloster den Verrat ihrer Mutter verarbeitet.“ Zu Marquez‘ Gesang begleitete das Ensemble, bestehend aus zwei Gambisten, dem Flamencogitarristen und dem Percussionisten, virtuos und stilecht.

Mit der „Accademia del Piacere“ und ihrem „Flamenco Barroco“ fügen die Schlossfestspiele ihrem Portfolio ein weiteres Kapitel aus dem Bereich Weltmusik hinzu. Nun, nach zwei pandemiebedingten Ausnahmejahren, kann sich das Festival auch unter der Intendanz von Jochen Sandig der Öffentlichkeit als Institution zeigen, die über die Grenzen der klassischen Musik des Abendlandes hinausschaut und hochqualifizierte Künstler aus Musikrichtungen engagiert, die hierzulande eher als Nischen wahrgenommen werden.

Sandra Bildmann