Seit 25 Jahren steht Bülent Menekse an der Spitze des Städtischen Verkehrsunternehmens Spillmann. Der 59-Jährige hat in dieser Zeit den Ausbau der Netze vorangebracht und die Transformation der Busflotte angestoßen. Die BZ hat ihn zum Interview getroffen.
Bietigheim-Bissingen „Spillmann ist ein Teil der Heimat“
Seit 25 Jahren ist Bülent Menekse Geschäftsführer des städtischen Busunternehmens. Die BZ hat mit ihm über Erfolge, Herausforderungen und Zukunftsvisionen gesprochen.
Herr Menekse, wie sah der Busverkehr in der Stadt aus, als Sie 2001 Geschäftsführer von Spillmann wurden?
Bülent Menekse: Damals gab es in Bietigheim-Bissingen noch gar keinen vernetzten Stadtverkehr. Es gab zwei Hauptlinien vom ZOB nach Bönnigheim und Sachsenheim, die entlang dieser Strecke die Haltestellen bedienten. Es gab noch nicht einmal Anbindungen in die Gewerbegebiete. 2003 haben wir damit begonnen, einen ganzheitlich vernetzten Stadtlinienverkehr aufzubauen.
Trotzdem schimpfen viele Bürger gerne über die vermeintlich unzuverlässigen Busse. Haben Sie dafür Verständnis?
Natürlich. Wir haben einen Fahrplan, den wir einhalten wollen, werden aber durch äußere Umstände daran gehindert. Da ist zum einen der Baustellenverkehr. Aber auch Sperrungen auf der Autobahn können durch den Ausweichverkehr die Stadt lahmlegen. Falschparker und Lieferverkehr hindern uns an der Durchfahrt in Bereichen enger Straßenführungen. Und dann haben wir 30er- und 40er-Zonen, die unsere Geschwindigkeit reduziert haben.
Wie schwer ist es, sich aufgrund der Bauarbeiten an der B27 auf immer wieder neue Gegebenheiten einzustellen?
Das ist logistisch eine massive Herausforderung. Wir müssen hier mit sehr vielen Reserven in den Verkehr. Das sind Zusatzkosten, die uns niemand erstattet. Wir rechnen ungefähr mit 350.000 Euro.
Ihre Jahresabschlüsse sind seit Jahren defizitär. Ist der Busverkehr überhaupt wirtschaftlich möglich?
ÖPNV ist von Natur aus immer defizitär. Lediglich circa 60 Prozent werden über Fahrgeldeinnahmen gedeckt. Wir dürfen gar keine Gewinne erzielen, sonst wären wir überkompensiert. Was der Fahrplan kosten darf, wird vorgegeben. Wir müssen schauen, dass wir innerhalb dieses Kostenrahmens bleiben. Zur Wahrheit gehört aber auch: Bis 2010 war die ÖPNV-Welt in Ordnung. Die Kosten, die uns ermittelt worden sind, haben wir immer zum Jahresanfang bekommen. 2010 kam die Finanzkrise und das Land hat beschlossen, diesen Ausgleich um ein Jahr versetzt zu bezahlen. Wenn wir jetzt Lohntarif-Erhöhungen oder höhere Spritpreise haben, zahlen wir das in Vorauskasse. Dadurch entsteht für uns vom ersten Tag des Jahres an ein Delta, dem wir hinterherrennen.
Mit welchen Maßnahmen wollen Sie die Attraktivität des ÖPNV erhöhen?
Die Attraktivität des ÖPNV wird ja meistens mit einer hohen Erschließungsqualität und einer hohen Taktung verbunden. Wir ergänzen das, indem wir die Fahrzeuge attraktiv gestalten. Schließlich sind wir auch ein Teil des Stadtmobiliars. Deshalb sind wir dazu übergegangen, jeden Bus als Themenbus zu gestalten. Wir haben zum Beispiel Busse, in denen wir die Schönheiten der Region oder die Firmengeschichte von Spillmann aufzeigen.
Mit welchem Antrieb werden die Busse der Zukunft fahren?
Alles spricht dafür, dass wir in Zukunft elektrisch betriebene Busse fahren. Wasserstoff wäre zwar die Ideallösung, aber da ist man technisch noch weit davon entfernt. Im Moment fahren wir mit HVO-100-Diesel. Der kostet zwar im Jahr ungefähr 200.000 Euro mehr, wir erzielen damit aber eine CO2-Reduzierung von bis zu 90 Prozent.
Warum hakt die Elektrifizierung der Flotte noch?
Das hat vielschichtige Gründe. Als sich vonseiten der EU der Druck erhöhte, hat man bei Mercedes und MAN Verlegenheitsprodukte auf Basis der Dieselplattformen erstellt. Chinesische Hersteller bauen dagegen einen Bus um die Batterie. In China fördert der Staat Unternehmen, um die Entwicklung von Elektromobilität voranzutreiben. Bei uns bekommt dagegen das Busunternehmen Förderung, wenn es einen Elektrobus kauft. Chinesische E-Busse kosten ungefähr 480.000 Euro, während Mercedes bei ungefähr 600.000 Euro liegt. Ein Dieselbus kostet aber nur 300.000 Euro.
Sie haben sich in China auch über autonom fahrende Kleinbusse informiert. Sehen Sie dafür Anwendungsbereiche in Bietigheim-Bissingen?
Sehr viele. Es geht um die Feinerschließung, die letzte Meile bis zur Haustüre. Wir haben sehr viele Wohngebiete, in die wir mit unseren Standardlinienbussen gar nicht reinfahren können.
Von welchem Zeitrahmen sprechen wir dabei?
In zehn Jahren dürfte schon der erste autonome Bus rollen.
Wie blicken Sie auf Ihre bisherige Amtszeit als Geschäftsführer?
Wir konnten einen attraktiven ÖPNV gestalten. Wir haben eine der modernsten Busflotten und eine sehr gute Erschließungsqualität. Es ist für mich eine Ehre, dieses Unternehmen zu führen, das von Herrn Spillmann an die Stadt vererbt wurde. Sein letzter Wille war, dass man das Unternehmen privatwirtschaftlich führt. Bis heute hat die Stadt dieses Versprechen eingehalten. Ich denke, dass ein Verkehrsunternehmen wie Spillmann in Deutschland vielleicht einzigartig ist. Wir werden 2028 100 Jahre alt. Spillmann ist ein Teil der Heimat, ein Teil der Stadtgeschichte.
An welche Momente denken Sie besonders gerne zurück?
Es gab viele schöne Erlebnisse. Zum Beispiel 2006, während der Fußballweltmeisterschaft: Damals haben wir Delegationen aus Costa Rica, der Schweiz und Frankreich gefahren. Stolz sind wir auch darauf, dass wir beim Nato-Gipfeltreffen in Straßburg 2009 ausgewählt wurden, die Gäste zu fahren. Wir durften mit dem Bus bis zur Air Force One vorfahren. Das wussten damals nur der Fahrer und ich, sonst niemand.
Welche Ziele haben Sie noch?
Eine höhere Taktverdichtung. Wir haben etwa bei der S-Bahn bis 20.30 Uhr einen 15-Minuten Takt, mit dem Bus aber nur bis 19 Uhr. Dann würden wir gerne die Feinerschließungen auf der Lug und im Ahlesbrunnen voranbringen und ein paar Gebiete in Bissingen, wo wir noch kleinere Lücken haben, anbinden.
Woran scheitert es aktuell?
An der Finanzlage. Unsere Pläne liegen alle fertig in der Schublade.
Wie sehen Ihre persönlichen Pläne für die Zukunft aus?
Ich habe noch sieben Jahre bis zur Rente und mir graut es schon davor, wenn man sieht, was noch zu tun ist. Vor allen Dingen die Transformation, also Elektrifizierung der Fahrzeugflotte, aber auch die Digitalisierung mithilfe von KI-Tools. Das sind Prozesse, die ich auf jeden Fall noch mit Vollgas angehen will.
Vielen Dank für das Gespräch.
