Wo sich heute der Verkehr in den Stoßzeiten dicht an dicht ins Bietigheimer Zentrum schiebt, hasteten sie früher in Sicherheit: Bietigheimer Bürger, die beim Luftalarm während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs in den Bunker in der Gaishalde flohen. Hinein in enge, dunkle und stickige Gänge – aber immerhin in Sicherheit. Am Ostersonntag konnte man den Luftschutzstollen besichtigen.
Bietigheim-Bissingen „Spüren, wenn die Bomben fallen“
Der Bunker in der Gaishalde aus dem Zweiten Weltkrieg war am Ostersonntag für Besucher geöffnet. Bei Angriffen nahmen die Schutzsuchenden in den Gängen jede Erschütterung wahr.
Am Fuß des Felsmassivs führt eine kleine Tür hinein, tief in den Stein: Zwölf Zwangsarbeiter hatten zwischen April und November 1944 Sprenglöcher in den Fels gebohrt, ein sie beaufsichtigender Sprengmeister die Dynamitpatronen gelegt, danach war der Schutt mit Loren hinausgeschafft worden. Schwerstarbeit im Akkord, denn der Feind rückte näher, und auch schon vor dem D-Day und der Landung der Alliierten auf dem Festland flogen Kampfflieger Angriffe in der Gegend und zunehmend auch auf kleinere Städte. Den ersten in Bietigheim im November 1944.
Sauerstoff für bis zu drei Stunden
Anders als in den großen Städten hatte man auf dem Land keinen Anspruch auf massive Betonbunker, und so behalf man sich mit den eilig geschlagenen Gängen in dem Felsmassiv, erklärt Norbert Prothmann vom Verein Forschungsgruppe Untertage, der seit Jahren durch den Bunker führt.
Er hat auch noch mit Augenzeugen gesprochen, die in jungen Jahren selbst im Bunker Schutz suchten: Da ist etwa der Junge, der mit seiner Mutter einen Platz nahe dem zweiten Eingang fand und über dem es jedes Mal im Lüftungsrohr rasselte, wenn eine Bombe niederging. Ein Geräusch, an das er sich auch nach Jahrzehnten noch erinnerte. Die Gänge erstrecken sich über 182 Meter Länge insgesamt, in ihnen können zwei Personen nebeneinander gehen, bei einer Höhe zwischen 2,20 und nur 1,60 Metern. An den Wänden zogen sich schmale, heute nicht mehr erhaltene Bänke entlang, jede Familie hatte genau einen Sitzplatz. Insgesamt gab es 247 Sitz- und 249 Stehplätze.
Bis zu 1000 Schutzsuchende
Gelüftet wurde der Bunker tagsüber passiv, indem man die Türen offenstehen ließ. Eine wirkliche Belüftungsanlage gab es nicht. Voll besetzt reichte der Sauerstoff für zwei bis drei Stunden – aber nur, wenn sich nicht mehr als die 500 vorgesehenen Personen darin befanden und sie nicht noch Kerzen dabeihatten (denn Beleuchtung gab es auch keine). Das geschah aber oft, und dann kam es im Bunker zu Ohnmachtsanfällen, weiß Bunkerführer Prothmann, der sich seit Jahrzehnten mit der Thematik beschäftigt, auch, um das Gedenken daran wachzuhalten. An der Tür des Bunkers habe man bei Alarm die Schutzsuchenden auch dann hineingelassen, wenn sie nicht die Berechtigung der Anwohner vorweisen konnten – und so waren es im Dezember 1944 schon einmal 1000 Schutzsuchende im Stollen, also doppelte Belegung.
Der Eingang sei in den großen Städten viel rigoroser gehandhabt worden, weiß der Experte. Und auch die Schutzquote sei in Bietigheim eine gute gewesen: zwei Drittel der Bevölkerung hatten einen zugewiesenen Bunkerplatz, anderswo sei das viel weniger gewesen.
Wenn er heute über Stunden Besucher durch den Stollen führt, werde seine Kleidung klamm von der Feuchtigkeit in den Gängen, erzählt Prothmann. Die Feuchtigkeit tropft auch von der Decke, in den Gängen riecht es muffig, die Luft ist schlecht. Und nun müsse man sich die Vollbelegung, also 500 Personen, vorstellen wie eine überfüllte S-Bahn: ein paar sitzen und um sie herum drängen sich dicht an dicht die Stehenden. Die Beklemmung ob dieser Vorstellung ist auch den Besuchern am Sonntag ins Gesicht geschrieben.
„Sie sitzen oder stehen, es ist halb dunkel, und Sie spüren hier alles, wenn die Bomben fallen, jede Erschütterung“, erklärt Prothmann, „dann müssen sie sich trösten: es ist Felsmassiv, es wird Sie schützen.“ Dramatische und auch traumatische Erlebnisse hätten ihm die Zeitzeugen von damals erzählt, die jeder anders verarbeite.
Stollen als Zeugnis des Krieges
Evakuierung sei aber für viele auch keine Option gewesen: man hörte von Fliegerangriffen auf Flüchtlingszüge, hinzu kam die Angst vor Plündern im eigenen Haus. Tatsächliche Angriffe mussten die Bietigheimer im Stollen ab dem Herbst 1944 zwischen 15 und 20 überstehen – aber der Alarm erscholl auch bei feindlichen Überflügen, und das fast jeden Tag. Auch dann floh man in die engen Gänge im Massiv, teilweise sogar mehrfach pro Nacht.
Bis zum 24. April 1945, als Bietigheim von französischen Truppen besetzt wurde. Und auch dann blieben Menschen in den Stollen: Prothmann erzählt von einer Zeitzeugin, deren Haus ausgebombt war und die deshalb mit ihrer Familie zwischen den Stollen pendelte, da man sich nicht dauerhaft einquartieren durfte. Der Stollen in der Gaishalde ist und bleibt damit ein Zeugnis der Schrecken des Krieges, die die Bietigheimer erlebten.
