Wieder mal die roten Bremslichter direkt vor dem Lenkrad, wieder mal geht es nur im Schneckentempo vorwärts und da vorne quetscht sich tatsächlich noch ein Autofahrer dreist von der Seite rein. Diese Situation kennen Autofahrer in Bietigheim-Bissingen nur zu gut. Die Monate langen Straßensanierungen zerren an den Nerven. Nun wird bald auch noch die Auwiesenbrücke gesperrt (die BZ berichtete). Was das mit den Autofahrern macht und wie man möglichst gelassen durch diese angespannte Verkehrssituation kommt, darüber hat die BZ mit dem Ludwigsburger Verkehrspsychologen Markus Holzwarth gesprochen.
Bietigheim-Bissingen Stau setzt das Nervensystem dauerhaft unter Druck
Die B27-Baustelle bringt den Verkehr in Bietigheim-Bissingen regelmäßig ins Stocken: Wie man mit dem Stress umgeht, erklärt der Verkehrspsychologe Markus Holzwarth.
Aktiviertes Stresssystem
„Ein täglicher sich wiederholender Stau ist neurobiologisch ein Dauerstressor. Das Stresssystem wird täglich aktiviert, was dazu führt, dass Fahrer bereits angespannt ins Auto steigen können, auch wenn noch gar kein Stau sichtbar ist“, erklärt Verkehrspsychologe Holzwarth. Das habe konkrete Folgen für das Fahrverhalten: die Aufmerksamkeit verenge sich, Abstände würden kürzer gehalten und damit nehme man auch ein höheres Unfallrisiko auf.
Stress auch ohne Stau?
„Der präfrontale Kortex, der für die Impulskontrolle zuständig ist, arbeitet unter Stress nachweislich schlechter“, sagt Holzwarth und erklärt: „Das bedeutet: Wer täglich im Stau steht, fährt nicht aus schlechtem Charakter aggressiver, sondern weil sein Nervensystem dauerhaft unter Druck steht.“
Zwar gewöhnten sich Menschen an die Einschränkungen – der Fachbegriff dafür lautet „Habituation“. Doch auch die Bereitschaft, Regeln einzuhalten, sinke mit der Zeit. Wenn Maßnahmen als willkürlich oder überzogen wahrgenommen werden, entstehe schnell ein innerer Widerstand, so der Experte. Wie also reagieren, wenn das Stresslevel hinter dem Lenkrad steigt? „Der entscheidende Hebel liegt in der eigenen Erwartungshaltung. Wer den Stau als unvermeidlichen Bestandteil der Fahrt einplant und nicht als ärgerliche Ausnahme, der erlebt deutlich weniger Stress“, empfiehlt Holzwarth.
Bewusstes Atmen
Um den Stress zu reduzieren, könne es helfen, die Abfahrtszeit zu variieren, die Fahrtzeit aktiv zu nutzen, um zum Beispiel ein Hörbuch oder Podcasts zu hören, und bei akutem Stress bewusst zu atmen. „Was ich nicht kontrollieren kann, muss ich nicht beeinflussen wollen, aber meine Reaktion darauf liegt in meiner Hand“, sagt der Verkehrspsychologe. Den Gedanken „Das ist unerträglich“ durch „Das ist unangenehm, aber ich halte es aus“ zu ersetzen, helfe, den Stress zu reduzieren.
Gerade die Umstellung der Baustellen kann für Autofahrer zusätzlichen Stress bedeuten, denn damit geht auch häufig eine Änderung der Verkehrsführung einher. „Unser Gehirn wird durch Routinen erheblich entlastet. Wird ein vertrauter Weg unterbrochen, entsteht eine kognitive Mehrbelastung“, erklärt Holzwarth. Ungewohntes werde oft vorsichtiger und manchmal auch als belastender eingeschätzt.
Route in Ruhe erkunden
Eine Gegenstrategie könnte sein, dass man die neue Route vorab auf der Karte durchgeht oder sie zu einem ruhigeren Zeitpunkt erkundet, empfiehlt der Verkehrspsychologe. Gerade das „sich Zeit lassen“ sei wichtig, und das Tempo bewusst der neuen Situation anzupassen. „Die meisten Baustellenunfälle entstehen durch überhöhte Geschwindigkeit“, weiß der Experte. Nach einigen Fahrten werde auch die neue Strecke zur Routine. „Ob ein Stau einen aus der Ruhe bringt, hängt weniger vom Stau selbst ab, sondern mehr davon, wie es einem in diesem Moment geht“, betont Holzwarth. Wer ausgeschlafen sei, keinen drängenden Termin im Nacken habe und früh genug losgefahren sei, erlebe dieselbe Situation deutlich entspannter als jemand, der unter Druck stehe.
„Stress entsteht, wenn Anforderungen größer wirken als die eigenen wahrgenommenen Ressourcen.“ Und da könne man ansetzen, zum Beispiel mit einem bewussten Gedankenwechsel: „Von ‚Ich muss pünktlich sein’ zu ‚Ich möchte pünktlich sein’. Der Unterschied klingt nach Wortklauberei, kann sich aber spürbar darauf auswirken, wie angespannt man hinter dem Steuer sitzt“, sagt der Verkehrspsychologe.
Wie geht man mit aggressivem Fahrverhalten anderer Verkehrsteilnehmer um?
„Das Verhalten anderer Fahrer ist fast nie persönlich gemeint. Wer drängelt oder provoziert handelt aus eigenem Stress und nicht gegen uns“, erklärt Markus Holzwarth. Eine gedankliche Neubewertung könne helfen: Vielleicht hat der andere Verkehrsteilnehmer einen schlechten Tag. „Der entscheidende Perspektivwechsel ist, dass man Gelassenheit im Straßenverkehr nicht als Niederlage sieht, sondern als eine Kompetenz. Gelassenheit im Straßenverkehr ist also kein Nachgeben,sondern Selbstkontrolle“, so der Experte.
Erlebe man „Regelbrecher“ im Verkehr so sei ein kurzes Hupen, als sachliches Warnsignal legitim. Wildes Gestikulieren erhöhe den Stresspegel nur. Danach Abstand vergrößern und die Situation loslassen. Diese kognitiver Umbewertung sei eine der am besten belegten Strategien zur Emotionsregulierung, so Psychologe Markus Holzwarth.
