Während Funkenmariechen und Narren im Gemeindehaus der evangelischen Kirche letzte Hand an die Kostüme angelegen, füllen sich in der historischen Kelter die 180 Sitzplätze. Als die Gruppen gemeinsam einmarschieren, umrahmt sie die alles durchdringende Musik der Gugge Immortalis, der „Unsterblichen“, die seit kurzem im Häs der Wikinger auftreten. Unter den alten Balken tobt das Leben. „Unser Beruf ist Fasching“, verkündet einer der Musiker grinsend, der sich an diesem Abend Rosi nennt.
Bietigheim-Bissingen „Unser Beruf ist Fasching“
„BiBi-Ahoi“: Bei der Prunksitzung der Wobachspatzen herrschte nicht nur auf der Bühne ausgelassene Stimmung. Das Publikum feierte und lachte bis weit in die Nacht hinein.
Präsident Michael Molnar, der eine Kappe aus der Gründungszeit des Vereins trägt, und seine Co-Moderation Kendra Kroll-Kunz begrüßen die Gäste gemeinsam mit dem Prinzenpaar Patricia und Daniel. Ein kräftiges „Bibi-Ahoi“ dröhnt durch das Gemäuer, gefolgt von dem Narrenruf „Narri-Narro“. Es gilt, 66 Jahre Wobachspatzen zu feiern.
Mini-Garde und Pippi Langstrumpf
Die Geschwister Lena und Julia nehmen wortwörtlich „die Beine in die Hand“ und tanzen in einer unglaublichen Synchronisation. Ihr Auftakt reißt das Publikum sofort mit sich, das von den nachfolgenden Spätzle auf Weltraummission nicht nur „völlig losgelöst“, sondern wie verzaubert ist. Die Mini-Garde zeigt sich überzeugend als Pippi Langstrumpf und steht dieser selbst verbal in nichts nach. Die Kindergarde versetzt die Zuschauer anmutig in abwechslungsreiche Märchenwelten und die modern inszenierte Polka der Jugendgarde beweist deren Professionalität.
Die Stadtnarren in ihrem rot-weißen Blötzles-Häs, den Farben des alten Bietigheimer Stadtwappens, bejubeln ihr 40-jähriges Jubiläum. Ihre hölzernen Masken erinnern an den ersten Bietigheimer „Narren“ Imlin, der 1721 aus der Stadt vertrieben worden war. Gekonnt vertreiben nun die Narren den Winter in seinem nagelneuen blau-weißen Häs und der weißen Maske, und wecken den lang ersehnten Frühling. Sogar die achtjährige Finja trägt zu diesem symbolträchtigen Stück bei.
Den Narren folgen drei Fahnenschwinger im neuzeitlichen Schwarzlicht, bis die „Bischöfin“ die Bütt betritt. Barbara Scheuhing, tatsächlich katholische Religionslehrerin, nimmt ihre Kirche gewaltig auf die Schippe und referiert: „Bei uns gibts grad net viel zum Lache.“ Doch sie will „net nur motza, der Trump ist halt zum Kotza. Doch wir hoffa wie beim Paulus, der war früher ja au mal en Saulus.“
Federleichte Polka der Prinzengarde
Die Prinzengarde beeindruckt mit einer Polka, die federleicht wirkt, aber ganz offensichtlich unzählige Trainingsstunden erfordert hat und die Präsidentengarde stellt zwar fest, „du kannst nicht immer 17“ sein, tanzt aber dennoch so leichtfüßig als wäre sie im Teeny-Alter.
In der Pause heizt DJ Max das Publikum weiter auf, bis die aus Renningen stammenden Santanos, mit grüner Kleidung und bunten Airbrush-Malereien im Gesicht, die Bühne erobern und mit ihrer Guggenmusik weiter für ausgelassene Stimmung sorgen.
Ihnen folgen spektakuläre Tänze der Garden, Heike Wanner mit ihren Songs, das vergnügte Männerballett aus Stuttgart-Vaihingen in neckischen gelben Röckchen und Doris Reichenauer, die für gute Laune sorgt.
Den Bietigheimern Wobachspatzen gelingt es wieder einmal aufs Beste, die unterschiedlichen Traditionen der fünften Jahreszeit in diesem regionalen Mischgebiet zu vereinen: Der Karneval, der dem Rheinland im 19. Jahrhundert die Möglichkeit bot, die preußische Besatzungsmacht zu veräppeln – aber auch die mittelalterliche alemannische Fasnet, die mit ihren Schellen und furchteinflößenden Masken den Winter zu vertreiben sucht.
Bis weit in die Nacht hinein wird gefeiert, gesungen und gelacht. Offenbar schon seit Jahren erfolgreich – denn weder die preußische Armee noch ein richtiger Winter haben sich in den vergangenen Jahren nach Bietigheim gewagt.
