Ich habe die Society of Portrait Sculptors schon länger beobachtet. Letztes Jahr dachte ich mir ‚was hab’ ich schon zu verlieren?’ und habe ein Werk für die diesjährige Ausstellung eingereicht – und wurde prompt genommen“, freut sich die Künstlerin Christine Zluhan aus Bietigheim-Bissingen. Die Untermbergerin reichte ihre Bronze-Büste mit dem Titel „Giovanni“ ein, die nun neben rund hundert weiteren Werken internationaler Künstler aus 25 Ländern in London in der Garrison Chapel zu sehen ist.
Bietigheim-Bissingen Untermbergerin stellt in London aus
Die Künstlerin Christine Zluhan hat bei der renommierten Society of Portrait Sculptors eine Büste eingereicht – und wurde für die Ausstellung „Face 2026“ angenommen. Ein Gespräch.
Ausstellen in ehemaliger Kapelle
Der Sakralbau aus dem 19. Jahrhunderts im Herzen des Londoner Chelsea-Barracks-Viertels sieht von außen altehrwürdig aus mit seinen Bogenfenstern sowie der Fensterrosette. Von innen ist die ehemalige Kapelle zu einem modernen Ausstellungs- und Veranstaltungsraum umgenutzt worden. Verteilt auf drei Räume, werden die Figuren, die alle zum Verkauf stehen, auf unterschiedlich hohen Podesten präsentiert. Die Society of Portrait Sculptors organisiert jährlich eine Ausstellung, um Porträtkunst in der Bildhauerei eine Bühne zu bieten. Dieses Jahr findet bereits die 62. Ausstellung statt. „Es ist für mich so eine Ehre dort ausstellen zu dürfen“, sagt Zluhan und berichtet begeistert vom vergangenen Montag, an dem die Vernissage stattfand mit vielen Gästen, Besuchern, Künstlern und Festrednern. „Es war einfach unfassbar“, sagt sie.
Das Publikum sei bunt durchmischt gewesen, ältere und jüngere Kunstinteressierte sowie Künstler, „von Jogginghose bis Abendrobe war alles vertreten“, sagt Zluhan und lacht. Auch der Austausch mit den anderen Künstlern habe ihr viel gegeben und sie für ihre künftige Arbeit inspiriert. Sie sei alleine nach London gereist. „Ich sehe diese Ausstellung als Neuanfang, als mein Schritt in die Öffentlichkeit.“ Daher habe sie es auch genossen, fernab ihrer sozialen Rolle in London gewesen zu sein. „Ich habe so viele so höfliche und so tolle Leute getroffen.“
Das Ausstellen an sich sei für sie ein großer Schritt gewesen, dabei war es bei weitem nicht ihre erste Ausstellung, ist Zluhan doch in der Region bekannt. Unter anderem ist sie Teil des sechsköpfigen Künstlerkollektivs „Feuer und Flamme“, das immer wieder im Kreis Ludwigsburg ausstellt, bald wieder in Markgröningen. Die internationale Ausstellung in London sei aber nochmals etwas anderes gewesen – und das als Solokünstlerin. „Das Machen, der Prozess ist meine Leidenschaft. Der Entstehungsprozess ist das Entscheidende für mich. Das Sichtbarwerden war nun viel Aufregung“, gesteht sie.
Schritt zur Freien Kunst
Die Bietigheimerin betreibt ihre Kunst nicht schon immer hauptberuflich, erst vor ein paar Jahren hat die nun 63-Jährige den Entschluss gefasst, den Schritt zu wagen. „Und ich habe es nicht bereut“, sagt sie zufrieden. Zluhan war Sport- und Gymnastiklehrerin, arbeitete zuletzt als Schulbegleiterin. Nachdem sie sich für die Umorientierung entschieden hatte, belegte sie verschiedene Kurse an der Freien Kunstschule Stuttgart, konnte sich mit anderen Künstlern austauschen. Ihr Thema ist der menschliche Körper, ob als Büste, Ganzkörperplastik, Aktzeichnung oder Ölgemälde.
Aktuell arbeitet Zluhan von Zuhause aus, wo sie sich ein Atelier eingerichtet hat. Dort und im gesamten Haus sind ihre Werke zu sehen, ob Kohlezeichnung, Tonskulptur oder Bronze. Aktuell konzentriere sie sich auf Skulpturen. Bei genauerer Überlegung sagt sie: „Ich habe schon immer modelliert. Schon als Kind griff ich gern zur Knete.“ In den letzten Jahren sei das Modellieren zur Leidenschaft geworden, „es lässt mich nicht mehr los.“ Mit dem Bronzeguss befasst sich Zluhan seit rund elf Jahren. Derzeit ist sie auf der Suche nach einem Atelier außerhalb ihres Hauses. Sie fühle sich doch immer wieder von den alltäglichen Aufgaben abgelenkt. „Ich möchte ins Atelier gehen, um nur zu arbeiten“, sagt sie.
Lange Reise hinter sich
Ihr „Giovanni“ entstand übrigens in Florenz, wo sie zum Bildhauern mit anderen Künstlern war. „Er hat schon eine lange Reise hinter sich“, sagt die Künstlerin. Denn von Italien aus, habe sie die Büste nach Hause transportiert und sie dann wiederum nach Bayern zum Gießen gesandt. Nicht zu vergessen das Verschicken nach England, „das seit dem Brexit gar nicht so unkompliziert ist.“
Der Entstehungsprozess einer Bronzeskulptur ist langwierig. Am Anfang war „Giovanni“ eine Tonskulptur, modelliert nach einem Mann namens Giovanni. Das Originalmodell wird mit Silikon überzogen, um eine flexible, detailgetreue Abformung zu erhalten. Zur Stabilisierung wird noch eine Stütze aus Gips gebaut. Die entstandene Silikon-Hohlform wird mit flüssigem Wachs ausgegossen. Das Wachsmodell wiederum wird mit Keramik ummantelt; das Wachs wird ausgeschmolzen. Diese Außenform ist hitzebeständig und die Grundlage für den finalen Bronzeguss. Zluhan arbeitet seit elf Jahren mit einem Gießer aus Bayern zusammen. Zum Schluss wird die Bronze noch sandgestrahlt und patiniert.
Am Wochenende reist Zluhan nochmals für vier Tage zu ihrem „Giovanni“ nach London, ehe er wieder verpackt und für die Rückreise vorbereitet wird.
