Bietigheim-Bissingen Vogtei, Finanzamt und Musikschule

Von Yannik Schuster
Der Schlosskomplex in der Bietigheimer Altstadt aus der Luft. Foto: /Martin Kalb

Das Bietigheimer Schloss, beziehungsweise dessen Gebäudekomplex, hat in seiner rund 600 Jahre alten Geschichte einige Unglücke, bauliche Maßnahmen und Nutzungsänderungen erlebt.

Fast schon unscheinbar fügt sich das Bietigheimer Schloss in der oberen Hauptstraße in eine Reihe von historischen Fachwerkbauten rund um das Rathaus und das Hornmoldhaus ein. Doch die Geschichte des früheren Adelssitzes hat so einige Höhen und Tiefen.

 Die Ursprünge der Schlossanlage gehen, anders als man lange glaubte, nicht auf Antonia Visconti, ihres Zeichens Gattin von Graf Eberhard III. von Württemberg, zurück. In Verbindung mit einer Stadterweiterung gen Westen habe Visconti, so die ursprüngliche Quellenlage, 1386 das württembergische Schloss mitsamt den ältesten Wirtschaftsgebäuden des Amtshofs errichten lassen.

Tatsächlich gehen die Ursprünge für das Schloss auf den Aufstieg Bietigheims zur Amtsstadt 1506 und der Eingliederung Ingersheims in das Amt Bietigheim zurück. Damals wurde im Amtshof das neue Schloss errichtet, das dem Vogt als Vertreter des Herzogs fortan als Amtswohnung diente. Hier saß man zu Gericht, hierher hatten die Amtsangehörigen ihre Steuern und Abgaben zu entrichten. Als erster „Vogt“ zog 1510 Johannes Heß ein. Mit damals 65 Jahren wurde der seit 1495 als Schultheiß gesetzter und mit der Kellerei Asperg betraute Bietigheimer Bürgersohn, der als einer der besten Juristen des Landes galt, Hofgerichtsassessor.

Ausbau nach dem Turmunglück 1542

Ab 1542 wurde das Amtsschloss zu seiner heutigen Größe ausgebaut. Nach dem Einsturz des damaligen Burgturms auf dem Areal der heutigen Kelter, bei dem auch alte herrschaftliche Wirtschaftsgebäude der Vogtei zerstört wurden, verlegte man diese ebenfalls in den Bereich des Schlosses. Als Abschluss dieses neuen herrschaftlichen Zentrums in der Stadt und Vollendung der geschlossenen Hofanlage wurde im Auftrag von Herzog Ulrich von Württemberg die dreistöckige Vogtei an der Hauptstraße im Fachwerkgewand als zeitgemäßere Wohnung des Vogtes errichtet. Im Hof dahinter erstreckten sich die neuen Wirtschaftsgebäude mit Küferei, Zehntscheuer und Schlosskelter.

Am 24. Januar 1707 stand plötzlich das alte Schloss im südwestlichen Bereich des Gebäudekomplexes in Flammen. Vermutlich war das Feuer durch Brandstiftung entstanden. Der Vogt hatte hier Scheiterholz und Reisig gelagert – ideale Bedingungen für das Feuer. Dieses breitete sich rasch auf die Nebengebäude aus. Einzig ein Übergreifen auf die Vogtei, dem nordwestlichen Querriegel zur oberen Hauptstraße, konnte verhindert werden, die Wirtschaftsgebäude des Schlosses sanken jedoch in Schutt und Asche.

Zwischen 1707 und 1712 wurden alle Wirtschaftsgebäude wieder aufgebaut, der Rest des alten Schlosses vollends abgetragen, und auf dem noch bestehenden Keller wurde eine Scheune für den persönlichen Bedarf des Vogtes gebaut.

Als Bietigheim 1810 seinen Status als Amtsstadt verlor, wurde das einstige Schloss Sitz der Finanzverwaltung des neuen Amtsbezirks. Mitte des 19. Jahrhundert, in Folge der Ablösungsgesetze, verloren einige der Wirtschaftsgebäude ihre Funktion und wurden teilweise zu Wohnzwecken umgenutzt. Die Fruchtböden wurden zeitweise als Lagerraum für Wollballen an die gerade gegründete Kammgarnspinnerei und die Keller teilweise an Privatleute verpachtet. Um 1900 wurden die Schlosskelter und die Zehntscheune abgerissen. Ab 1920 wurde das Schloss zum Finanzamt.

Umfassende Sanierung durch die Stadt

Vor 30 Jahren, im Jahr 1996, kaufte die Stadt Bietigheim-Bissingen den Schlosskomplex für 4,2 Millionen Mark vom Land Baden-Württemberg. Mit der Jahrtausendwende begann eine umfassende Sanierung, die einschließlich Grunderwerb 20 Millionen Euro kosten sollte. Es wurden Dächer neu eingedeckt, Holzkonstruktionen erneuert, Fundamente neu erstellt. Der damalige Oberbürgermeister Manfred List bezeichnete das Ensemble bei dessen Einweihung im Jahr 2002 als „Traum“. Wer bisher nicht so recht gewusst habe, ob das Schloss wirklich eines sei oder war, „dem kann ich sagen, jetzt ist es eines.“

Nach dem Umbau zogen die Musikschule Bietigheim-Bissingen, die Schiller-Volkshochschule, das Kultur- und Sportamt, die Hausbrauerei Rossknecht und zwei Läden ein. Für die Jugendkunstschule war ein moderner Pavillon mit Glasrotunde im Innenhof erstellt worden.

 
 
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