Bietigheim-Bissingen Vom Glück in unsicheren Zeiten

Von Jörg Palitzsch  
Beim Gottesdienst zum Bietigheimer Tag (vorne von links): Kreissparkassenchef Dr. Heinz-Werner Schulte, die Referenten Professor Georg Lämmlin und MdB Katja Mast, Thomas Reusch-Frey und Stadtpfarrer Bernhard Ritter. Foto: /Martin Kalb

Der Bietigheimer Tag 2026 beleuchtete das Spannungsfeld von Sozialstaat, persönlichen Lebenswegen und gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Trotz hoher Austrittszahlen bei der evangelischen Kirche und einer historischen Krise bei der SPD hat der Bietigheimer Tag seine Rolle als Plattform für den gesellschaftlichen Dialog bestätigt. Die traditionsreiche Gesprächsreihe, die seit 1921 von der Evangelischen Kirche und der SPD gemeinsam getragen wird, widmete sich in diesem Jahr dem Thema „Jeder ist seines Glückes Schmied!? Eigenverantwortung – Solidarität – Sozialstaat“ und lockte zunächst überraschend viele Besucher in die Stadtkirche.

Der Tag begann am Sonntagvormittag mit einem Gottesdienst in der evangelischen Stadtkirche, musikalisch begleitet vom Gospelchor „Joyful Voices“. Professor Georg Lämmlin, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland in Hannover, hielt die Themenpredigt und stellte dabei die Frage nach Gerechtigkeit und Frieden in den Mittelpunkt. Er erinnerte an den Appell „Frieden schaffen ohne Waffen“ aus den 1980er-Jahren, wobei die Geschichte einen inzwischen eines Besseren gelehrt habe. Sein Appell: Es komme immer auf die eigene Haltung an, aber es sei unabdingbar, den Benachteiligten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Solidarität als Grundwert

Im Anschluss richtete erstmals Bürgermeister Michael Wolf ein Grußwort als Vertreter von Oberbürgermeister Jürgen Kessing an die Anwesenden, bevor Katja Mast, SPD-MdB und Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, in ihrem Vortrag zentrale politische Perspektiven vom Spannungsfeld zwischen Eigenverantwortung und Sozialstaat darlegte. Sie betonte die Bedeutung eines funktionierenden Sozialstaats, der individuelle Anstrengung ermögliche, ohne gesellschaftliche Solidarität aus dem Blick zu verlieren. Glück und Zufriedenheit müsse man in die eigene Hand nehmen, wie sie es in ihrer eigenen wechselvollen Biografie gemacht habe.

Solidarität, so Mast, gehöre zu den Grundwerten der SPD, wobei in puncto Sozialstaat eine Entfremdung stattfinde, weil keiner wisse, wer wo zuständig sei. „Wenn viele Bürger trotz Eigenverantwortung nicht vom Fleck kommen, kann dies zu einem Problem der Demokratie im Land werden“, so die Analyse der Staatssekretärin.

Nach einem Imbiss im Gemeindehaus begann die Podiumsdiskussion, die traditionell den Höhepunkt des Bietigheimer Tages bildet. Neben Katja Mast und Georg Lämmlin diskutierten vor den rund 70 Zuhörern Susanne Wakim vom Kreisdiakonieverband Ludwigsburg, Dr. Heinz-Werner Schulte, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Ludwigsburg, sowie Thomas Stöhr, Leiter des Jobcenters im Landkreis Ludwigsburg.

Moderator Thomas Reusch-Frey ging nochmals auf den Begriff der Gerechtigkeit ein, wobei er zunächst wieder Katja Mast und Georg Lämmlin das Wort erteilte. Der zeigte folgende Diskrepanz auf: Während sich 80 Prozent der Bevölkerung zufrieden mit ihrem eigenen Leben zeigen, zeigten sie sich über die Verhältnisse zu großen Teilen unzufrieden – was sich an den Wahlergebnissen ablesen lässt. „Menschen brauchen verlässliche Verhältnisse“, so Lämmlin.

Im Dickicht vieler Einzelthemen

Statt auf diesen Zustand einzugehen und eine bundespolitische Perspektive oder Reaktion darauf zu beschreiben, verlief sich Katja Mast im Dickicht vieler Einzelthemen, die der SPD inzwischen den Vorwurf der Klientelpartei eingebracht haben. Dazu zählten die Besteuerung hoher Erbschaften, die Einsparungen bei der Krankenversicherung, Bürgergeld und Mindestlohn. Bei allem sei der Staat keine Vollkaskoversicherung, müsse aber Lebensrisiken absichern.

Geschäftsmodelle fallen weg

Unterschiedliche Perspektiven auf die Frage, welche Rolle staatliche Strukturen, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und individuelle Lebenslagen spielen, zeigten die Beiträge der anderen Podiumsgäste auf. Obwohl der Landkreis reich sei, seien Gewissheiten weggefallen, so Thomas Stöhr. Vom Job zu leben und sich ein Haus oder eine Wohnung zu leisten, stehe zur Debatte, zumal Geschäftsmodelle, vor allem in der Automobilindustrie, wegfallen.

Bereits im Vorfeld hatte Thomas Reusch-Frey von der SPD betont, dass man bewusst ein positiv besetztes Thema gewählt habe, das zugleich grundlegende gesellschaftliche Fragen aufwerfe. Pfarrer Bernhard Ritter unterstrich dies mit dem Hinweis, dass niemand wirklich glücklich sein könne, wenn es anderen schlecht gehe. Diese Überzeugung zog sich wie ein roter Faden durch die Beiträge des Tages.

Impulse für sachliche Diskussion

Der Bietigheimer Tag zeigte sich einmal mehr als Ort der differenzierten Auseinandersetzung. Ziel sei es, so die Organisatoren, Impulse für eine sachliche Diskussion zu geben und die oft vereinfachte Vorstellung vom vollständig selbst geschaffenen Glück zu hinterfragen. Dabei wurde deutlich, dass Glück in einem Zusammenspiel aus persönlicher Verantwortung, gelebter Solidarität und einem verlässlichen Sozialstaat entstehe. 

Wichtiger Bestandteil des öffentlichen Lebens

Bereits am Vortag hatten sich Teilnehmer des Bietigheimer Tags bei einer Exkursion ein Bild von sozialen Projekten in Bissingen gemacht. Besuche beim Tafelladen sowie bei einem sozialen Wohnbauprojekt verdeutlichten konkret, vor welchen Herausforderungen viele Menschen stehen und wie wichtig praktische Unterstützung vor Ort ist.

Mit zahlreichen Denkanstößen und lebhaften Diskussionen endete der Bietigheimer Tag gegen 14 Uhr. Die Veranstalter zeigten sich zufrieden mit der Resonanz und betonten, dass der Dialog zwischen Kirche, Politik und Gesellschaft auch künftig ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Lebens in Bietigheim-Bissingen bleiben werde.

 
 
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