Einmal das Bühnenbild mit den Händen ertasten, hinter der Bühne die Requisiten erklärt bekommen und dann auch noch vorab mit dem Hauptdarsteller sprechen. Das Theaterstück „Mein Blind Date mit dem Leben“ am vergangenen Montag im Kronenzentrum war kein gewöhnliches Stück. Mit diesem Theaterabend bot das Kulturamt der Stadt ein inklusives Kulturerlebnis für Menschen mit Sehbehinderung an. Denn neben einer speziellen Einführung gab es zum ersten Mal in Bietigheim-Bissingen Live-Audiodeskriptionen, die man per Kopfhörer mitverfolgen konnte.
Bietigheim-Bissingen Wenn das Theatererlebnis inklusiv wird
Das Theaterstück „Mein Blind Date mit dem Leben“ kam im Kronenzentrum In Bietigheim-Bissingen auf die Bühne. Zum ersten Mal wurde dabei eine Live-Audiodeskription angeboten. Und auch bereits vor der Vorstellung gab es ein besonderes inklusiver Programm.
„Es ist gut, dass so was heute angeboten wird“, sagt die Bietigheimerin Heike Rall. Sie nutzt am Montagabend die Möglichkeit das Stück mit Hörbeschreibung zu verfolgen. „Ich brauche immer auch die Kultur, ob das nun Konzerte, Kleinkunst oder auch Kinofilme sind. Es ist gut, dass hier in Bietigheim so viel angeboten wird“, sagt Rall.
Die Bietigheimerin arbeitete vor ihrer Rente selbst im Kulturamt. Vor 20 Jahren verlor sie nach und nach ihr Sehvermögen. „Auf dem guten Auge sehe ich noch zwei Prozent, zwar kann ich noch recht viel wahrnehmen in einem weiten Bild, aber ich habe Löcher im Gesichtsfeld, in denen ich nichts sehe“, erklärt Rall.
Bevor sie sich auf das Stück einlassen kann, lässt sie sich von Daniela Benker auf die Bühne führen. Benker spricht an diesem Abend die Live-Audiodeskriptionen für das Stück. Sie ist gemeinsam mit dem Ensemble des „a.gon münchen“ Theater unterwegs. Um dem Publikum mit Sehbehinderung ein Gefühl für die Bühne zu geben, erklärt Benker wie die Kulisse aufgebaut ist, wo sich die verschiedenen Auf- und Abgänge befinden und wie das Beleuchtungskonzept ist. So ertasten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Plexiglaswände, testen die Türen auf der Bühne und wagen einige Schritte in den weiten Bühnenraum.
In den Dialog hinein sprechen
Hinter der Kulisse reicht Benker Kostüme und Requisiten, die unbedingt ertastet werden dürfen, um ein Gefühl dafür zu bekommen wie die jeweiligen Charaktere sich im Stück präsentieren. „Ich warne Sie jetzt schon einmal vor. Eine Komödie ist schnell, da muss ich dann manchmal auch in die Dialoge sprechen, damit sie mitbekommen was gerade passiert“, erklärt Benker.
Beim Bayrischen Rundfunk machte sie ihre Ausbildung für die Audiodeskription. Als sie dann in den Ruhestand ging, beschloss sie, sich mit der Audiodeskription für Theater zu beschäftigen. „Das ist wirklich etwas völlig anderes. Denn was im Film statisch ist und zur Not auch noch mal aufgenommen werden kann, muss ich beim Theater live erklären“, so Benker. Da könne man kein ausführliches festes Skript nutzen, denn die Schauspieler interagieren spontan auf der Bühne. Das könne dann auch jeden Abend etwas anders aussehen.
Außerdem sei die Live-Audiodeskription auch ein Lernprozess, denn diese spreche sie immer wieder auch mit einer blinden Co-Autorin ab, um sie auf die Bedürfnisse von Menschen mit Sehbehinderung abzustimmen.
Die Geschichte von Kahawatte
Dann stellt sich Hauptdarsteller Benedikt Zimmermann vor, der im Stück Saliya Kahawatte spielt. Als er ein wenig von seiner Recherche für die Rolle erzählt, können die Teilnehmer bereits seine Stimme kennenlernen, Im Stück, das auf einer wahren Geschichte von Saliya Kahawatte beruht, spielt er Saliya, der schon früh durch eine beidseitige Netzhautablösung erblindet. Als „Behinderter“ will er sich jedoch nicht einfach so abstempeln lassen und macht das Abitur an seinem Gymnasium. Danach beginnt er eine Ausbildung im Hotel Bayerischer Hof und verschweigt bei der Vorstellung seine Behinderung.
Mit Hilfe seiner Freunde Sarah und Robert arbeitet er sich durch die Ausbildung. Doch kleinere Unfälle häufen sich. Wie sich Kahawattes Leben weiterentwickelt und welchen Herausforderungen er sich stellen muss, erzählt das Stück „Mein Blind Date mit dem Leben“.
Nach der Führung hinter der Bühne geht es nun für die Zuschauerinnen und Zuschauer mit Sehbehinderung in den Saal. Ausgestattet sind sie mit Kopfhörern und einem Empfänger. Immer wieder spricht Benker kurze Beschreibungen der Szene ein und erklärt auch teilweise Bewegungsabläufe verschiedener Charaktere. Zum Abschluss teilt sie ihren Zuhörerinnen und Zuhörern auch mit, wie die Schauspieler zum Abschlussapplaus auf die Bühne treten und Teile des Publikums aufgestanden sind, um zu applaudieren.
„Das hat wirklich richtig gut geklappt. Ich konnte dem Stück mit den Beschreibungen sehr gut folgen. Das sind hier wirklich deutlich weniger, als bei Filmdeskriptionen, aber das hat genau gepasst“, zieht Heike Rall ihr Fazit. Sie hofft, dass es in Zukunft immer wieder inklusive Angebote dieser Art in der Stadt geben wird. „Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass dann auch noch mehr Menschen mit Sehbehinderung dieses Kulturangebot nutzen. Ich werde auf jeden Fall ganz viel von heute Abend erzählen“, sagt Rall.
Inklusion in der Kultur ist wichtig
Für Kulturamtsleiterin Michaela Ruoff ist der Abend ein guter Start: „Wir haben uns gefreut, dass wir durch das Angebot des Theaters so einen inklusiven Abend anbieten können.“ Inklusion sei auch im Bereich der Kultur ein wichtiges Thema, dass man weiter verfolgen müsse. Was man anbieten kann, hänge aber auch immer stark davon ab, was die Theater, die gebucht werden, anbieten. Acht Personen mit Sehbehinderung nutzten am vergangenen Montag die Audiodeskription. Vielleicht müsse man künftig noch einmal anders an das Bewerben dieses Angebots heran gehen, überlegt Ruoff. Denn das Kulturamt habe bereits Rückmeldungen erhalten, dass Menschen mit Sehbehinderung zwar gerne gekommen wären, jedoch kurzfristig keine Begleitperson mehr organisieren konnten.
Für Claudia Lychaz, der Behindertenbeauftragten des Kreises ist dieser Abend auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung: „Ich freue mich, dass es im Kreis auch ein Kulturangebot mit Audiodeskription gibt. Kultur und Inklusion sind ja ein sehr weites Feld, aber das heute war ein guter Anfang.“
