Weißt du was? Mach doch einfach mal einen Selbstversuch, zum Beispiel mit dem ,Aeronauten’“ - die Worte meiner Kollegen klingen immer noch nach, und ich sehe die erleichterten Gesichter derselben, die froh sind, dass ich zusage und sie nicht mit dem wohl höchsten mobilen Kettenkarussell fahren müssen.
Bietigheim-Bissingen Wenn sich das Festgelände verzwergt
Wie fährt es sich mit dem „Aeronauten“, dem Kettenkarussell in 85 Metern Höhe, und was macht den Reiz eines solchen Fahrgeschäfts aus? Ein Selbstversuch.
Schwindelfrei sollte man sein
Wobei, „müssen“ - das ist das falsche Wort. Ich sehe es allenfalls als kleine Herausforderung an, mich einmal 85 Meter über dem Festgelände im Kreis zu drehen. Schwindelfrei bin ich, schließlich ich war schon unzählige Male auf dem Stuttgarter Fernsehturm, auch dann, als es ordentlich windete und die Betonnadel merklich schwankte. Ich war auf dem „Cristo Rei“ in Lissabon und lief wankend über die Hängebrücke „Wildline“ im Nordschwarzwald, 380 wackelige Meter lang und gerade einmal dürftige 60 Meter über dem grünen Blätterdach der Baumriesen. Also – alles machbar.
Und doch schaue ich nun, am Fuß des stählernen Giganten, etwas bang hinauf, wo ich irgendwo meine, die Spitze des Ganzen zu erkennen. Egal, ich habe zugesagt, einen Rückzieher machen geht nicht mehr, das muss jetzt sein. Ich setze mich auf einen der kleinen Sessel auf der Außenseite, gurte mich an und blicke über das sich nun merklich füllende Festgelände zu Fuße des herrlichen Enzviadukts.
Der Mitarbeiter der Schaustellerfirma De Voer prüft die Sitze, dann hebt der Ausleger mit den Fahrgästen ruckartig an. Wir drehen uns langsam im Kreis, ungleich schneller drehen sich meine Gedanken, als ich so die Gliederketten betrachte, die den Sessel und mich (hoffentlich) tragen.
Ich vertraue der Technik und versuche, mich auf das zu freuen, was mich erwartet. Dann hebe ich ab, mittlerweile ist nichts unter meinen Füßen, und je höher sich der „Aeronaut“ in die Höhe schraubt, umso größer wird dieses Nichts zwischen mir und dem mit Riffelblechen ausgelegten Plateau des Fahrgeschäfts. Die erste Anspannung weicht einer inneren, fast meditativen Ruhe. Ich genieße diese Stille und den immer spektakulärer werdenden Ausblick auf das eigentlich riesige Festgelände, welches sich jedoch mit jedem Höhenmeter mehr verzwergt. Ich schaue hinunter auf das große Zelt, in welchem später am Abend eine ordentliche Party steigen wird, und selbst das Viadukt befindet sich mittlerweile unter mir.
Wie eine Modelleisenbahn
Als auch noch ein Zug drüberfährt, fühle ich mich plötzlich wieder, als säße ich als kleiner Junge vor meiner Modelleisenbahn. Mittlerweile hat der „Aeronaut“ seinen obersten Punkt erreicht. Es ist ziemlich windig, und ich taxiere die mir so vertraute Landschaft, die von hier oben einen ganz neuen, ungewohnten Blickwinkel erlaubt und mir zeigt, wie schön sie ist in ihrem Dreiklang von Wiesen, Wäldern und Weingärten. Bietigheim liegt mir zu Füßen, ebenso Bissingen, Metterzimmern, Untermberg. Auf der anderen Seite das Gewerbegebiet, den Hohenasperg kann ich im Süden erkennen, im Norden das Ingersheimer Windrad, in westlicher Richtung die Höhenzüge von Strom- und Heuchelberg.
Und dann, nach einem viel zu kurzen Höhenflug, hat mich das Hier und Jetzt wieder. Danke, „Aeronaut“, es war mir ein Vergnügen...
