Die Glückseligkeit ist fast greifbar, als im Haus Caspar in Bietigheim-Bissingen langsam ein Akkord mit warmem Timbre verklingt. Der elegante Sound vermittelt ein behagliches und wärmendes Gefühl, denn das Instrument verkörpert besinnliche Momente wie kaum ein anderes. Gern wird es als Inbegriff der klanglichen Advents- und Weihnachtszeit auserkoren. Sein Transport ist eine Herausforderung – auch deswegen erleben die Senioren solche Live-Musik äußerst selten: Doch am Mittwochnachmittag erhellt eine echte Harfe das Wohnzimmer der Bewohner und bringt die Augen der über 40 Anwesenden zum Leuchten.
Bietigheim-Bissingen Wertvolle Momente für die Bewohner
Im Rahmen von „Live Music Now Stuttgart e.V.“ finden auch Konzerte in Seniorenheimen statt. Der Verein ist auf Spenden angewiesen.
Weihnachtslieder im Programm
Die Studentinnen Magdalene Haller (Harfe) und Aylin Läßle (Gesang) traten hier im Rahmen der Stipendiatenkonzerte von „Live Music Now Stuttgart e.V.“ mit einem Programm aus traditionellen Weihnachtsliedern auf. Der gemeinnützige Verein beruht auf dem Win-Win-Prinzip: Per Audition ausgewählte Studierende der hiesigen Hochschule geben in sozialen Einrichtungen wie Pflegeheimen und Hospizen Konzerte. Sie bekommen dafür ein Honorar und die Gelegenheit, unter besonderen Umständen Auftrittserfahrung und -routine zu sammeln.
Auf der anderen Seite kommen Menschen, die nicht (mehr) in der Lage sind, selbst Konzerte zu besuchen, in den Genuss qualitativ hochwertiger Darbietungen. Für die Einrichtungen sind die Auftritte gratis, denn die Kosten trägt der Verein, der sich hauptsächlich über private Zuwendungen finanziert und stets auf der Suche nach neuen Spendern ist.
Und da kommt Ursula Mayer ins Spiel. Die Bietigheimerin war vor 20 Jahren Gründungsmitglied des Stuttgarter „Ortsvereins“ der Organisation, die auf Initiative des einstigen berühmten Geigers Yehudi Menuhin zurückgeht. Mayer ist eine von über 30 ehrenamtlichen Betreuerinnen und Betreuern, die als Schnittstelle zwischen den Musikern und den Einrichtungen fungieren: Sie stellen die Kontakte her und organisieren die Konzerte.
Für Mayer eine absolute Herzensangelegenheit. Mit fünf Seniorenheimen – drei in Bietigheim-Bissingen, eins in Ludwigsburg und eins in Markgröningen – pflegt sie seit einigen Jahren regelmäßigen Kontakt. Rund 50 Konzerte veranstaltet sie über das Kalenderjahr verteilt, da kommt ein ganz schöner Organisationsaufwand zusammen.
„Sie haben die Herzen geöffnet“
„Für uns und unsere Bewohner ist das etwas sehr Wertvolles“, sagt Conny Lehmann, stellvertretende Leitung Betreuung im Haus Caspar. Deutlich kommt zum Ausdruck, wie sehr das Engagement und die Konzerte durch „Live Music Now“ hier geschätzt werden und wie gerne das Haus seinen Senioren solche Nachmittage ermöglicht. Zwischen 40 und 60 sind jedes Mal dabei, da ist der Raum voll. Diese Dreiviertelstunde Musik mache etwas mit den Leuten, die Grundstimmung sei viel positiver, sagt Lehmann und adressiert an die Musikerinnen angefasst: „Sie haben die Herzen geöffnet.“
Genau das ist es, was Ursula Mayer antreibt. Für die mittlerweile selbst betagte Seniorin ist es das Größte, wenn sie erlebt, wie sehr die Musik und die Begegnungen die Heimbewohner berühren und glücklich machen, wenn sie zu Tränen gerührt sind, Erinnerungen hochkommen und sie in Momenten der Unbeschwertheit mitsingen, erzählt Mayer.
So war es auch am Mittwochnachmittag. Bei „Leise rieselt der Schnee“ bekam so manche Bewohnerin glasige Augen, bei „O du Fröhliche“ sangen sie noch etwas zaghaft mit, bei der Zugabe „Stille Nacht“ klang ein ganzer Seniorenchor durch den Raum.
