Bietigheim-Bissingen Wie das Flechten von Körben ihn die Welt entdecken ließ

Von Petra Neset-Ruppert
Auf seinem Bänkchen an der Sägemühle Untermberg lässt Korbflechtkünstler Klaus Seyfang seiner Kreativität freien Lauf. Foto: /Martin Kalb

Der Korbkünstler Klaus Seyfang aus Bietigheim-Bissingen lässt seit mehreren Jahrzehnten aus Weidenruten Kunstwerke entstehen. Wie er dazu kam, hat er der BZ erzählt. 

Die Kopfweiden, die zwischen dem weißen Schnee orange leuchteten, hatten es dem frischgebackenen Abiturienten Klaus Seyfang angetan, als er mit seinem Hund spazieren ging und überlegte, wohin es für ihn in Zukunft gehen sollte. „Ich wusste, dass man daraus Körbe machen kann. Und habe Lust bekommen, es zu probieren“, erzählt Korbmacher Klaus Seyfang, als er auf seiner Flechtbank vor seinem Haus an der Sägemühle in Untermberg sitzt. Konzentriert und zielsicher biegt er die Weiden in einem Kreis um ein sternförmiges Holzgerüst – der Boden eines kleinen Körbchens entsteht schnell.

Nachdem ihn die Korbweide begeistert hatte, ging es nicht gleich los mit der Korbflechterei: Keine Onlinevideos oder öffentliche Kurse gab es, durch die er mal eben das Handwerk lernen konnte. So fragte er bei Nachbarn nach, die ihm einfache Grundlagen beibrachten und als ihm das nicht mehr reichte und der Wissensgewinn aus einem französischen Korbflechtbuch eher gering war, half der Zufall nach. Ein ehemaliger Schulkamerad hatte gerade eine Lehre zum Korbflechter begonnen. In der Kneipe zeigte er Seyfang, was er bereits alles gelernt hatte.

Lehre in der Waschküche

„Mein Schulkamerad war beim Mix in Freiberg. Also bin ich die zehn Kilometer mit meinem Fahrrad hingeradelt und hab mir das angeschaut“, sagt Seyfang. Auf die Frage, ob er ein Praktikum machen könne, erhielt er die Antwort, dass nur eine Lehre möglich sei. „Um die hab ich mich dann auch beworben – mehrfach. Er hat mich immer abgelehnt“, sagt Seyfang und lacht. Die Werkstatt war zu klein und Korbflechter Mix hatte bereits zwei Lehrlinge. Als Seyfang dann zum zehnten Mal bei ihm auftauchte, rief der Korbflechtmeister seinem Sohn zu: „Hol ihn rein, den werd ich nicht mehr los.“

„Die haben dann für mich die Waschküche freigeräumt“, erinnert sich Seyfang und schmunzelt. Doch nach zwei Jahren Lehre und Monate langem Binsenstuhlflechten hatte der Lehrling genug. Seyfang brach ab und wollte sich in seiner kleinen Werkstatt an der Sägemühle selbstständig machen.

„Die Dame auf dem Ordnungsamt sagte mir, das ginge aber ohne abgeschlossene Lehre nicht“, erinnert sich Seyfang. Doch es fand sich ein Kniff: Beim Ordnungsamt meldete er sich als Reisegewerbetreibender mit Herstellung von kunstgewerblichen Gegenständen an. Damit wurde aus dem Handwerker ein Künstler und so machte er sich einen Namen als Korbflechtkünstler in der Region.

Genau das rettete ihn auch, als er bei der Korbmacher-Innung angezeigt wurde, da er keine abgeschlossene Lehre vorweisen konnte. Ein Gespräch mit einem „Herrn Glück“ bei der Handwerkskammer und eine Ausnahmegenehmigung des Regierungspräsidium sorgten dafür, dass er sich trotzdem Korbmachermeister nennen durfte.

Nie ging es Klaus Seyfang bei seiner Arbeit um das große Geld, „ich wollte immer nur machen, worauf ich Lust habe“, sagt er. Nach einem ersten Besuch eines französischen Korbmarkts bei Avignon öffnete ihm das Korbflechten die Welt. „Da kommen um die 50 Korbflechter zusammen. Ich hab meinen R4 vollgepackt und bin da einfach runter gefahren.“

Korbflechter in aller Welt

So entstanden Freundschaften mit Korbflechtern aus der ganzen Welt. Er erhielt Einladungen nach Norwegen, Spanien, Südafrika und Dänemark. Dort besuchte er die Korbflechter-Freunde und kam mit neuen Ideen und Techniken zurück in seine Werkstatt an der Sägemühle. „Die Welt der Korbflechterei ist unerschöpflich“, schwärmt Seyfang.

Freie Formen flechten

Lediglich zwei Korbfachschulen gibt es in Europa – eine in Deutschland und eine in Frankreich. An der französischen Schule gab er regelmäßig Kurse für die Profis und zeigte ihnen, wie man ganz frei von Größe und Form Korbkunstwerke entstehen lässt. „Da tun sich ganz viele schwer“, weiß Seyfang. Er flechte, worauf er gerade Lust habe, es gehe ihm nicht darum, dass er das dann auch schnell verkaufen kann. Das Flechten selbst ist seine Motivation und Inspiration. In seiner Werkstatt, an der Sägemühle, die er aus einem abbruchreifen Zustand über Jahre zu seinem Zuhause aufbaute, gibt er heute noch Flechtkurse für private Gruppen.

Der 68-Jährige ist zwar eigentlich schon Rentner, aber ohne seine Korbkunst geht es nicht. Über die Jahre sind viele Bekanntschaften und neue Kunstwerke entstanden. „Mit den Naturkindergärten flechte ich auch Schultüten“, sagt Seyfang. Die Möglichkeiten sind unerschöpflich und er wird nicht müde, sie zu entdecken. Erst vor Kurzem war er mit einer französischen Korbflecht-Bekannten in Polen. Dort hat er sich bei Weltflechtertreffen wieder inspirieren lassen und Neues entdeckt.

Und manchmal entdeckt er auch Altes wieder für sich: „Ohne meine morgendliche Stuhlflechtmeditation geht es nicht mehr“, sagt Seyfang und lacht. Jetzt allerdings flechtet er die Stühle für seine eigene Werkstatt. Die Korbweiden begeistern ihn heute noch genauso wie damals als frischgebackener Abiturient. „Jedes Jahr gehe ich selber Weiden schneiden. Da freue ich mich immer drauf, wenn das Laub fällt und dann erneuert sich jedes Jahr im Winter die Lust, weiterzumachen.“

www.geflecht-klaus.de

 
 
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