Scharfe Geschütze werden in einem anonymen Brief aufgefahren, der an die Bietigheimer Wohnbau, deren Aufsichtsrat und die Stadträte ging. Die Verfasserin, die sich als überregional aktive Teilnehmerin und Aktivistin für Klimaschutz und zukunftsfähige Stadtentwicklung bezeichnet, sieht in dem Bauvorhaben der Wohnbau im Aurain-Carré, das unter dem Motto „Green Living“ vermarktet wird, „gravierende und unzeitgemäße Defizite im Bereich der Klimaanpassung“. Es werde „Greenwashing“ betrieben, so die Frau, die sich nach eigener Aussage auf „fundierte bauphysikalische Fakten“ und die architekturfachliche Einschätzung ihres Sohnes stützt.
Bietigheim-Bissingen Wohnbau weist Kritik an Fassadengestaltung zurück
In einem anonymen Brief ist von „Greenwashing“ bei den im Aurain-Carré geplanten Gebäuden die Rede. Die Wohnbau sieht hingegen „höchste energetische Standards“ erfüllt.
Braun-grau statt weiß
Ein Kritikpunkt ist die Farbe der Fassaden bei dem Neubauvorhaben auf dem früheren Elbe-Gelände. Der braun-graue Farbton, wie er auf den Prospekten für das Vorhaben zu sehen ist, widerspreche klimagerechtem Bauen, da sich dunkle Fassaden im Sommer mehr aufheizten als helle, heißt es.
Dem hält Wohnbau-Sprecherin Sabrina Peer auf BZ-Nachfrage entgegen: „Wir haben viele Fassadenvarianten untersucht. Die Mikrolage neben den denkmalgeschützten Gebäuden an der Austraße schließt städtebaulich und architektonisch eine sehr helle Fassade aus.“ Deshalb sei in Abstimmung mit dem Baudezernat eine Fassade mit einem Grauton geplant, wobei die Loggien mit hellem Putz ausgeführt würden. „Das Farbkonzept für das Quartier insgesamt sieht helle graue und beige Farbtöne vor“, so Peer. In dem Brief wird das hingegen als „Industrie-Chic“ abgetan, der nicht über das gesundheitliche Wohl von Bewohnern und Nachbarschaft gestellt werden dürfe.
Ebenfalls bemängelt wird eine „massive Betonbauweise“, was ebenfalls für eine Aufheizung sorge („Thermo-Falle“) und Klimaanlagen notwendig mache. Peer hält dem entgegen: „Bei Extremtemperaturen von nahezu 40 Grad wird sich jede Wohnung zwangsläufig etwas aufheizen.“ Das Projekt werde nach dem Energiestandard „Effizienzhaus 40 QNG“ gebaut und erfülle damit „höchste energetische Standards“ sowie die Voraussetzungen der Bundesförderung für energieeffiziente Gebäude.
Das Projekt sei auch entsprechend gutachterlich zertifiziert, betont die Wohnbau. In dieser Zertifizierung, die neutral sei, seien Kriterien wie hohe Nutzerzufriedenheit, thermischer Komfort im Sommer, Versorgung mit Tageslicht und Kunstlicht sowie Sichtbeziehungen nach außen sowie Schallschutz berücksichtigt. „Daneben errichten wir auf den Dachterrassen Pflanzbeete, die zu einer Verbesserung des Klimas beitragen, und wir verbauen Retentionszisternen zur zusätzlichen Speicherung von Regenwasser, mit dem die Grün- und Pflanzflächen bewässert werden sollen und somit wertvolles Trinkwasser gespart wird“, sagt Peer.
Keine Fassaden-PV-Anlage
Zum Vorwurf, es seien in dem Areal nur „Alibi-Bäume“ vorgesehen, erklärt die Sprecherin, dort seien nach aktuellem Planungsstand insgesamt 60 Bäume, 4671 Quadratmeter Grün- und Pflanzflächen sowie 768 Quadratmeter Rasengitterflächen geplant.
Eine von der Klima-Aktivistin angeführte „Fassaden-PV-Anlage“ ist laut Wohnbau nicht erforderlich beziehungsweise auch nicht wirtschaftlich sinnvoll. „Wir haben eine Primärenergieversorgung über die Anbindung an das Fernwärmenetz der Stadtwerke, begrünte Retentionsdächer und zusätzlich auf den Dächern eine maximal ausgelegte Photovoltaikanlage und ein ,Mieterstrommodell’“, erläutert Sabrina Peer. Dies stelle eine zukunftsfähige Energieversorgung sicher. „Letztendlich können wir auch nur das bauen, was die Nutzer noch bezahlen können“, so die Sprecherin.
Die Wohnbau plant im Aurain-Carré 44 Eigentumswohnungen, für die in diesem Monat Baustart sein soll. Eine Teilbaufreigabe liegt laut Peer bereits vor. 50 Prozent der Wohnungen seien bereits verkauft, „und wir können somit feststellen, dass sowohl der Standort als auch das Projekt am Markt ankommen“, so die Sprecherin. An der Stuttgarter Straße soll im Laufe des vierten Quartals dieses Jahres mit dem Bau eines Bürogebäudes begonnen werden.
