Mit einem Blindenstock tastet sich Baubürgermeister Michael Wolf durch die Unterführung des Bietigheimer Bahnhofs. Er trägt eine spezielle Simulationsbrille, die ihn die Umwelt so wahrnehmen lässt wie jemand mit einer starken Sehbehinderung. Wie schwierig das sein kann, zeigt sich am Beispiel von Rillen im Boden, da der Stock auf einmal nicht mehr weiterläuft. Erst recht herausfordernd ist der Weg zu und von den Gleisen.
Bietigheim-Bissingen Wunsch nach besserer Orientierung
Bei der Aktion „Seitenwechsel“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbands stand die Situation Sehbehinderter am Bietigheimer Bahnhof im Mittelpunkt.
Bereits zum vierten Mal
„Wir wollen aus der Perspektive von Sehbehinderten zeigen, wie es in puncto Barrierefreiheit aussieht“, erklärt Peter Heydegger, Regionalleiter des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Sinn und Zweck der Aktion, die den Namen „Seitenwechsel“ trägt. Diese findet bereits im vierten Jahr statt, diesmal steht der Bahnhof im Fokus. Neben Wolf nehmen unter anderem Rainer Wieland (CDU), Vorsitzender des Verbands der Region Stuttgart, Ute Silcher, Stadträtin der Freien Wähler aus Bietigheim-Bissingen, und Dr. Angela Neuburger-Schäfer (Grüne), Stadträtin aus Gerlingen, daran teil. Von der Bahn-Tochter DB InfraGo AG ist Taylan Ayik, stellvertretender Leiter Bahnhofsmanagement Stuttgart vor Ort, die Sicht der Betroffenen machen Vertreter des Blinden- und Sehbehindertenverbands Württemberg deutlich.
Jetzt mit Schiebetüren
Wie sich zeigt, ist einiges in Sachen Barrierefreiheit auch bereits geschehen. So gibt es seit wenigen Wochen am Bahnhofseingang Schiebetüren aus Glas, die automatisch aufgehen, wenn jemand kommt. Die alten Türen, die für Menschen mit Behinderung schwer zu öffnen waren, sind noch da, weil sie denkmalgeschützt seien, sagt Bahnvertreter Taylan Ayik, sie stehen jetzt aber dauerhaft offen. Bei der Begehung wünschten sich die Behindertenvertreter noch Aufkleber auf den neuen Glastüren, damit man sie nicht übersieht.
Schon seit mehreren Jahren wurden die Handläufe an den Aufgängen zu den Gleisen mit Blindenschrift – der sogenannten Brailleschrift – versehen, um Sehbehinderten Informationen darüber zu geben, wo sie sich befinden. Aufzüge erleichtern den Weg zu den Gleisen, und mittlerweile gibt es auch ein behindertengerechtes WC am Bahnhof. Auch oben bei den Zügen wurde bereits für Barrierefreiheit gesorgt. Zwei Bahnsteige stehen noch aus, sie würden aber noch an die Reihe kommen, sagt Bürgermeister Wolf. Doch weil die Genehmigungsprozesse bei der Bahn langwierig seien, werde es wohl bis 2029 dauern, bis die Bauarbeiten dazu beginnen könnten – was aus Sicht von Rainer Wieland ziemlich ärgerlich ist. Wenn alles in einem Rutsch gemacht werden könne, wäre es zudem kostengünstiger, so der Chef des Regionalverbands.
Akustische Signale an der S-Bahn zeigen Sehbehinderten, wenn sich Türen öffnen und schließen. Solche Signale wünschte sich Arne Jöns, Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenverbands Württemberg, auch an den Apps, um die Nutzung der Bahn zu erleichtern.
Tast-Modell vorgestellt
Ralf Müller, der Leiter der Bezirksgruppe Ludwigsburg des Blinden- und Sehbehindertenverbands aus Bietigheim, regte eine bessere Orientierung in der Bahnhofshalle an. Er zeigte dazu ein Tast-Modell, das Sehbehinderten zeigt, wo sie sich befinden. Um den Plan zu finden, brauche man wiederum sogenannte taktile Leitlinien. Letztere werden auch draußen, am Busbahnhof ZOB, vermisst, wie die Aktion „Seitenwechsel“ zeigte. Es gibt zwar solche tastbaren Orientierungshilfen, diese endeten jedoch „im Nirwana“, wie Jöns feststellte. Plötzlich stehe man mitten zwischen den Bussen, bemängelte Müller.
Man sollte die Leute mit Simulationsbrillen laufen lassen, bevor man Platten lege, meinte Baubürgermeister Wolf dazu. Er versprach, sich dem Thema anzunehmen. Wenn man warte, bis der neue ZOB komme, könne es noch Jahre dauern.
Generell lobte Wolf den Pragmatismus von Verbandsvertreter Müller, und umgekehrt zeigte sich auch Müller mit den Gesprächen mit der Stadt, die immer ein offenes Ohr für die Belange der Behinderten habe, wie auch mit dem Dialog mit der Region zufrieden. Sein Wunsch: noch ein bisschen mehr einbezogen zu werden.
