In Zürich werden Gasnetze in Wohnquartieren bereits stillgelegt, Mannheim hat angekündigt sein Erdgasnetz bis 2035 stillzulegen. Wie geht es in der Region weiter? Die BZ hat mit Herbert Marquard über die Pläne der Bietigheimer Stadtwerke gesprochen.
Bietigheim-Bissingen Zur Zukunft der Gasnetze
„Ich bin niemand, der für Schnellschüsse ist – nach dem Motto 2035 sind wir CO2 neutral“, sagt der Chef der Bietigheimer Stadtwerke und verweist auf die kommunale Wärmeplanung.
„Gasnetze zählen zu den Infrastrukturthemen und diese sind für uns in der ganzen Bundesrepublik wichtig“, ordnet Herbert Marquard das Thema ein. Das bedeute aber immer auch Langfristigkeit und Investitionen in die Zukunft. Vor diesem Hintergrund müsse man danach fragen, was machbar und sinnvoll sei. „Und daran scheiden sich die Geister“, sagt der Geschäftsführer der Stadtwerke Bietigheim-Bissingen. Wasserstoff, Fernwärme, Wärmepumpe – man müsse die unterschiedlichen Wege in ein machbares Gesamtkonzept bringen. „Ich bin niemand, der für Schnellschüsse ist – nach dem Motto 2035 sind wir CO2 neutral.“
Im vergangenen Jahr hat die Bundesnetzagentur es ermöglicht, dass Netzbetreiber Teile von Gasnetzen schneller abschreiben können – in der Regel bis 2045, in Ausnahmefällen bis 2035. „Gefühlt ist das morgen“, sagt Marquard. Doch die erste Euphorie müsse man zurücknehmen: „Ich glaube nicht, dass jeder Bürger in Zukunft seine Heizung mit Wasserstoff betreiben wird“, sagt Marquard: „Ich glaube, das kann man als Fantasie bezeichnen.“
Und die Wasserstoff-Transportleitung? Diese beginnt an der holländischen Grenze und endet in Karlsruhe. Doch wie kommt der Wasserstoff hinein? „CO2-neutral bestimmt nicht, solange wir keinen eigenen Wasserstoff produzieren“, sagt Marquard. Wasserstoff zum Heizen werde dann benötigt, „wenn Wind und Sonne ausfallen, dann brauchen wir Wasserstoff“. Dieser werde dort erzeugt, wo viel Sonne und Wind sei. Man könne natürlich einen riesen Speicher bauen. Doch angesichts der vorhandenen Erdgasspeicher frage er sich, wie groß Wasserstoffspeicher sein müssten.
Um eine Kilowattstunde Wasserstoff zu erzeugen, brauche es ein Vielfaches an Kilowattstunden Strom, hier gebe es diverse Berechnungen, die von der Quelle abhängig seien, sagt Marquard: „Das ist ein sehr energieintensiver Prozess. Ich glaube nicht daran, dass wir in Deutschland den Wärmemarkt durch Wasserstoff ersetzen.“ Anders sehe es im Bereich der Industrie aus, dort sei der Einsatz von Wasserstoff sinnvoll und werde auch kommen.
Für die Verbraucher „ist die Lösung jetzt erst mal die kommunale Wärmeplanung“, sagt Marquard. Er findet es gut, dass die Kommunen nun aufgerufen sind mit den Fachleuten danach zu schauen, was möglich und sinnvoll ist. „Das haben wir erhoben“, sagt er. Nun müsse die Umsetzbarkeit geprüft werden. Er sei kein Freund davon, jetzt rasch mit konkreten Zahlen zu operieren, sagt der Stadtwerke-Chef.
Keine dreifache Infrastruktur
Vor dem Hintergrund der Überlegung, wo in die Infrastruktur investiert werde, sei klar: „Die Gesellschaft kann sich keine dreifache Infrastruktur leisten“. Da die Wärmeversorgung keine Daseinsvorsorge darstelle, werde der Kunde bestimmen, wie seine Wärmeversorgung künftig aussehen wird. „Erdgas kann man ja nur vom Markt nehmen, wenn es keiner mehr im Markt haben will“, ist er überzeugt
Doch wenn die Zahl der Gaskunden sinkt, werde dies für für den einzelnen Verbraucher immer teurer. „Ja, irgendwann rechnet sich das für die Netzbetreiber nicht mehr“, sagt Marquard. Doch wie gehen die Stadtwerke diesen Umstellungsprozess an? Wenn es in einem Gebiet Fernwärme und parallel dazu eine Gasleitung gibt, müsse man die Kunden von der Fernwärme überzeugen. „Das Betreiben von Erdgasleitungen wird in Zukunft rückläufig sein“, sagt Marquard. Aber der Stadtwerke-Chef schätzt, „dass wir dafür 20 Jahre brauchen werden“. Bis dahin werde es noch einige Zwischenschritte geben, wie die Beimischung von Wasserstoff zum Beispiel.
„Ich bin ein großer Freund der Aussage, die man schon vor ein paar Jahren gemacht hat, dass die Transformation eigentlich nur über Erdgas geht und nicht über Wasserstoff. Das ist auch im Strombereich so“, sagt Marquard. Wichtig sei, erst einmal einen Überblick darüber zu bekommen, welche Infrastruktur Zukunft hat, statt einfach loszulaufen. Hier stellten sich Fragen, wie: „Wie viel Gasanteil habe ich, wie alt sind die Leitungen“, erläutert Marquard.
Laut Energieagentur Lea ist die Wärmeplanung in Baden-Württemberg schon weit fortgeschritten – was zeichnet sich da ab, vor allem im Hinblick auf die CO2-Neutralität, die von der EU vorgegeben wird? Gibt es in Bietigheim-Bissingen schon jetzt Gebiete, bei denen sich abzeichnet, dass dort die Gasleitungen stillgelegt werden? Das könnte für Verbraucher, deren Heizung schon älter ist, ein wichtiger Orientierungspunkt sein. „Ich zähle auf die kommunale Wärmeplanung“, sagt Marquard. Doch diese sei nicht dazu gemacht worden, um das Gas zu ersetzen. „Ich muss da größer denken“, sagt er. Bei der Wärmeplanung werde von den Gebäude ausgegangen und geschaut, was daran zum Beispiel gedämmt werden muss, um 30 Prozent weniger Energie zu verbrauchen. Oder auf welchen der Dächer man Photovoltaik installieren könne.
„Wir haben eine wunderbar stabile Versorgungslage in Deutschland. CO2-Neutralität darf nicht über allem stehen“, sagt Marquard. In anderen Ländern mit Großindustrie würden Kraftwerke auf- statt abgebaut. „Wir müssen auch mal die Luft anhalten und danach fragen, was das für den Wirtschaftsstandort Deutschland bedeutet, wenn wir uns jetzt mit der CO2-Neutralität beschäftigen“, sagt Marquard. „Klar will ich als Energieversorger CO2-neutral werden“, sagt er. Aber dabei dürfe man nicht riskieren, pleite zu gehen.
Marquard ist davon überzeugt, dass die Abhängigkeit Deutschlands von anderen Ländern etwa beim Wasserstoff auch künftig bestehen bleiben wird, um den Zufallsfaktor Wetter abzusichern. Die Gaspreise seien in den vergangenen 24 Monate wieder gesunken und das sei für viele Verbraucher kein rein ökologisches Thema, sondern vor allem ein wirtschaftliches. Doch der Weg seitens Politik werde dazu führen, dass Gas wieder teurer wird.
Die Abschreibung der Netze erfolgt degressiv, sagt Marquard. Der Hintergrund sei, dass die Leitungen dann aus buchhalterischer Sicht nichts mehr wert sind. Wie lange die Kunststoffleitungen in der Erde bleiben, könne keiner wissen. „Es muss eine Nachnutzung der Leitungen geben“, sagt er. Es werde keiner auf die Idee kommen, die Leitungen aus dem Boden heraus zu buddeln. Und in sie in der Erde zu belassen? Das könne man machen, sagt Marquard: „Warum sollen wir eine Kommunikation darüber machen, wenn wir noch nicht wissen, worüber wir dann sprechen sollen?“, fragt er. Wer jetzt behaupten würde, die Gasnetze würden in fünf Jahren stillgelegt, verhalte sich unseriös. „Nur weil die Leitungen jetzt abgeschrieben werden, kann man nicht sagen, wir bauen die Gasnetze zurück“, sagt Marquard, und verweist auf die Wärmeplanung als Leitlinie. Derzeit würden Fragen geklärt, wo Straßen ausgebaut werden, wo man Quartiere bilden kann. „Die Gespräche laufen. Und wenn wir etwas zu verkünden haben, dann werden wir das tun. Aber im Moment ist das alles noch viel zu frisch.“
Gefragt nach einem Zeitplan, erklärt Marquard, dass 2026 die Wärmeplanung 2.0 ansteht. Dabei stünden Machbarkeit und Umsetzbarkeit der nächsten drei Jahre im Fokus. Ein Konzept für die nächsten zehn bis 15 Jahre findet der Stadtwerke-Chef problematisch. „Denn in drei, vier Jahren kann schon alles anders aussehen.“ Im Moment gehe es darum, den Weg zu möglichst viel CO2-Neutralität zu beschreiben – zu machbaren Preisen. Das müssen ja auch die Bürger wollen.
Fahrplan für Fernwärme
Dem Verbraucher, der heute über einen Ersatz für seine veralteten Heizung nachdenke, könne sich die Planungen digital auf dem Fernwärmefahrplan anschauen und auch darüber beraten lassen. Bisher werde das Angebot noch nicht allzu sehr genutzt. „Wir haben eine Plan und aktuell können die Bürgerinnen und Bürger auf einer Onlineplattform Interesse anmelden.“, sagt er. „Ich bin ein Fan von Fernwärme“, sagt Marquard.
Doch für deren Transparenz sei die Fernwärmeformel zentral. Mit dieser werde der Preis für den Wärmeverbrauch errechnet. Die Formel setzt sich aus einem Grundpreis, dem Arbeitspreis und oft einem CO2-Preis zusammen und werde an aktuelle Marktwerte angepasst. „Ich kann keine Fernwärme verkaufen, die auf Basis von Abwärme erzeugt wird, aber in der Formel mit dem Gaspreis berechnet wird. Das ist unseriös.“ Hier müsse man offenlegen, aus welchen Anteilen Biomasse, Erdgas und so weiter sich die Fernwärme – und deren Kosten – zusammensetzen. Erst dann sei es für den Verbraucher transparent. Die Formel sollten nicht die Energieversorger selbst erstellen, sondern neutrale Stellen, die vom Kartellamt überprüft werden. „Dann ist das für mich eine saubere Sache“, sagt Marquard. Das sei auch ein Punkt, der geklärt werden müsse, bevor man an die Öffentlichkeit gehe. „Wir gehen damit behutsam und verantwortungsbewusst um, damit es für den Bürger finanziell überschaubar bleibt. Alles andere ist unseriös.“
