Durchaus unterschiedlich beurteilten Baubürgermeister Michael Wolf und SPD-Fraktionschef Thomas Reusch-Frey in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats die Lage des städtischen Einzelhandels. „Der Einzelhandel in unserer Stadt ist stabil“, sagte Wolf in seiner Eingangsstellungnahme. Die Entwicklung „rüttelt an der Attraktivität der Innenstadt und der Nahversorgungszentren im Buch und in Bissingen“, erklärte dagegen Reusch-Frey. Die Fortschreibung des Einzelhandelskonzepts, die zur Beratung stand, wurde gleichwohl einstimmig beschlossen.
Bietigheim-Bissingen Zwei weitere Standorte für Nahversorgung im Visier
Im Einzelhandelskonzept, das der Gemeinderat einstimmig beschlossen hat, ist von Märkten im Buch und in Bissingen die Rede.
Gute Kaufkraftquote
Wolf nannte die „gute Bindungsquote“ bei der Kaufkraft von 101 Prozent (mit Online-Handel 86 Prozent) als einen Beleg für seine Einschätzung. Bedeutende Kaufkraftzuflüsse bestehen in den Bereichen Möbel, Bodenbeläge, Bekleidung und Apotheken; Abflüsse gibt es bei Sport, Bücher und Unterhaltungselektronik. Ebenso gebe es noch Entwicklungsmöglichkeiten, und am Bahnhof entstehe mit den Baugebieten Lothar-Späth-Carré, Aurain-Carré und zukünftig Bogenviertel ein weiteres Zentrum, so Wolf.
Der SPD-Fraktionschef verwies hingegen auf die Reduzierung der Verkaufsfläche um minus 20 Prozent in den vergangenen zehn Jahren und der Betriebe um minus elf Prozent sowie einen Stillstand beim Umsatz. „Es besteht also deutlicher und dringender Handlungsbedarf“, lautete seine Feststellung. Verwundert zeigte sich Reusch-Frey, warum es aus der Öffentlichkeit auf das neue Konzept keine Resonanz, keine Anregungen oder Fragestellungen gegeben habe. Es könne kaum an der persönliche Betroffenheit liegen, so seine Erklärung, sondern eher daran, „dass das Dokument mit 133 Seiten nicht so bürgernah ist und das Thema zu abstrakt ist, als dass sich die Bürgerschaft damit beschäftigte“.
Nicht favorisiert, aber möglich
CDU-Fraktionschef Axel Westram brachte die Aussage der Kölner Unternehmensgruppe Thesauros zur Sprache, die im November letzten Jahres den Verzicht auf einen Lebensmittelmarkt am Standort der geplanten Sporthalle im Ellental auch mit den Leitlinien des fortgeschriebenen Einzelhandelskonzepts begründet hatte. Oberbürgermeister Jürgen Kessing sagte dazu, ein Lebensmittelmarkt wäre an der Stelle zwar nicht favorisiert, aber möglich gewesen.
Eberhard Blatter (Freie Wähler) wies bei der Beratung darauf hin, dass der Online-Handel weiter wachse. Nötig seien attraktive Verkaufskonzepte und ein „Einkaufserlebnis“ vor Ort.
Im neuen Einzelhandelskonzept bleibt es bei dem bisherigen Drei-Zentren-Konzept (Innenstadt, Bissingen, Buch), was auch von Götz Noller (FDP) begrüßt wurde. Dieses habe sich bewährt, sagte er. Ergänzend sei aber eine örtliche, wohnortnahe Grundversorgung nötig, wie sie in den Kreuzäckern bereits vorhanden sei.
Das Einzelhandelskonzept stellt dazu fest, dass ein Teil der Bevölkerung in Bietigheim-Bissingen außerhalb eines 500-Meter Einzugsgebiets im Umkreis eines Nahversorgers wohne und somit nicht über eine ausreichende Nahversorgung verfüge. Genannt werden der gesamte Ortsteil Metterzimmern, die Quartiere westlich der Jakob-Lober-Straße sowie nördlich der Erwin-Bälz-Straße in Bietigheim, im Wohngebiet Sand der gesamte Bereich nördlich der Großingersheimer Straße sowie Teilbereiche auf der südlichen Straßenseite, der südliche Bereich des Wohngebiets Buch, das Quartier südöstlich von Birkenweg und Entenäcker in Bissingen sowie der gesamte Stadtteil Untermberg. Zudem werde in Bissingen der Bereich zwischen der Brunnenstraße und dem Grotztunnel nur durch einen kleinen Lebensmittelladen mit weniger als 200 Quadratmetern Verkaufsfläche abgedeckt.
Ziel: bessere Nahversorgung
Die Stadt hat indes vor, zwei weitere Nahversorgungsstandorte mit 1500 Quadratmetern Verkaufsfläche zu schaffen: einen an der Berliner Straße im neu zu entwickelnden Quartier am bisherigen Standort der Bietigheimer Wohnbau und einen auf dem Areal des Liederkranzhauses an der Bahnhofstraße in Bissingen. Letzter würde die Nahversorgung des Gebiets zwischen Brunnenstraße und dem Grotztunnel deutlich verbessern, heißt es im Einzelhandelskonzept. Insgesamt könnten von dieser Verbesserung rund 2000 Einwohner profitieren. Durch einen Markt an der Berliner Straße würden rund 800 Einwohner im südlichen Bereich des Wohngebietes Buch neu ein fußläufig erreichbares Nahversorgungsangebot erhalten.
Im Eigentum der Stadt
„Da sich beide Liegenschaften im Eigentum der Stadt befindet, bestehen optimale Entwicklungsvoraussetzungen, und es kann davon ausgegangen werden, dass die Nahversorgungsstandorte in absehbarer Zeit realisiert werden“, heißt es im Einzelhandelskonzept. Wie Anette Hochmuth, die Sprecherin der Stadt, auf BZ-Anfrage mitteilt, gibt es in beiden Fällen aber noch keine Konzepte. „Es sind zunächst nur Standortmöglichkeiten. Ob Betreiber von Märkten daran Interesse haben, ist noch nicht bestimmt“, so Hochmuth. Die Bebauungsplanung eröffne Möglichkeiten, die Umsetzung folge später.
Die SPD machte sich im Gemeinderat darüber hinaus besonders für Untermberg und Metterzimmern stark. Die im Konzept angeführten städtebaulichen und anderen Maßnahmen zur Stärkung des Handels sollten priorisiert werden, sagte Thomas Reusch-Frey und legte dazu einen Antrag vor. Die Verwaltung solle bis kurz nach der Sommerpause einen Vorschlag dazu machen.
