Und, wie hat es Ihnen gefallen?“ – „Also mir wär‘ sie ja zu dünn.“ Es seien Dialogfetzen zweier Männer, die einst einen ihrer Auftritte besucht hatten, erzählte Christine Schütze ihrem Publikum am Freitagabend. Empört über die unsachliche Bewertung ihrer Arbeit benannte die Hamburgerin ihr aktuelles Kabarettprogramm nach dem Urteil des Mannes. Erstmals trat Schütze in Bietigheim-Bissingen auf und hatte im Vorfeld schon etwas geschafft, das in der heutigen Kulturszene längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist: Ihr Gastspiel mit „Also mir wär sie zu dünn“ im Kleinkunstkeller war ausverkauft.
Bietigheim-Bissingen Zwischen Klavier und Sozialkritik
Ausverkauftes Haus beim Kabarett-Abend von Christine Schütze im Kleinkunstkeller. In ihrem Programm „Also mir wär sie zu dünn“ zerlegt Schütze Klischees mit Witz und Tiefgang.
Schütze ist studierte Pianistin
Die Ankündigung versprach, sie erfülle „hundertprozentig die hohen Anforderungen anspruchsvoller ‚Kleinkunst‘: Professionalität, handwerklichen Können, Originalität, ein verbindender Faden, individuelle Markenzeichen und eigene Botschaften.“ Dieser Erwartungshaltung wurde Schütze gerecht. Die studierte Pianistin ist Meisterin an den Tasten, ihren selbst komponierten Stücken merkte man auch ihr musiktheoretisches Verständnis und ihr Gespür für harmonische Baupläne an. Ihre Inhalte waren hauptsächlich mal im engeren, mal im weiteren Sinn, gesellschaftskritisch. Sie nahm stereotype Klischees aufs Korn, sorgte gelegentlich für Lacher, setzte politische Statements. Manchmal verschmolz Tiefsinnigkeit mit Komik und ergab ein illustres Gefühl von: Man möchte mindestens schmunzeln, aber so richtig lustig wär’s halt nur, wenn nicht so viel Realität dran klebte.
Zum Beispiel im Fall Kai: Ihn hat Christine Schütze als anschauliches Beispiel für eine nicht ganz unpopuläre Spezies ausgewählt. Kai ist mit 35 Jahren Einsteiger am Arbeitsmarkt, hat früh die ganze Welt bereist, konnte sich aber beruflich nie für etwas entscheiden – Auswahl und Anstrengungen waren einfach zu groß. Auch privat hat Kai kein Glück gefunden und verfährt lieber nach dem Prinzip „lässig statt stressig“: Sein Credo „Unverbindlichkeit statt Gefühlsscheiße“ machten ihn beziehungsunfähig. So hat es Christine Schütze beobachtet.
Wahrgenommen hat sie aber auch Veränderungen in den Vorgänger-Generationen: Alte Menschen gäb’s nicht mehr. Die in der Werbung als „Silver Ager“ bekannten Mitbürger fortgeschrittenen Alters nennt die Mittfünfzigerin daher lieber „Granufinken“.
Christine Schützes Unterhaltungsmethode folgt nicht der Schenkelklopfer-Manier, gehört nicht zur Flachwitz-Fraktion und orientiert sich mitnichten am Stil von Blödelbarden. Sie vertraut zu Recht auf ihre angepriesene Kombination aus „wortgewaltig und klavierstimmig“.
Der Verlust des analogen Ichs
Besonders zum Ausdruck kommt das in ihren politischen Liedern und ihren sprachlich versierten und ausgefeilten Gedichten zu gesellschaftlichen Themen wie der Verschiebung und Verzerrung von Realitäten und Prioritäten, dem Verlust des analogen Ichs zugunsten einer virtuellen Marken-Fassade. So rezitierte sie, dass die „geistige Vollverschleierung“ Konjunktur habe; es werde „geföhnt, geschönt, bis das Display ‚Gefällt mir‘ stöhnt“ und „geliked statt geliebt“, denn „die Marke ist dein Gesicht“.
Schütze widmet sich dem Framing-Trend, zeigt eindrücklich auf, dass der Unterschied zwischen umschreiben und beschönigen eben genauso groß sein kann wie zwischen Lügen und alternativen Fakten – also gleich Null. Verharmlosung und Manipulation durch sprachliche Finesse. Richtig verpackt und angepriesen werde ein Seitensprung da nicht nur zur „sexuellen Herausforderung“, sondern gar zur notwendigen eherettenden Maßnahme; depperte Menschen seien einfach „kognitiv herausgefordert“.
Ob die Kabarettistin dabei an ihre „Wonderwoman“ gedacht hat, ist nicht überliefert. In ihr karikiert sie jedenfalls subtil und kunstvoll wie real wiedererkennbar den Typ Frau, dem Nanny-unterstützt scheinbar alles makellos und perfekt gelingt, wo der Horizont aber bestenfalls bis „Geld, Gott und Thermomix“ reicht. Ihr zur Seite steht „Der perfekte Mann“, den frau am Ende aber doch lieber im Baumarkt gegen ein Exemplar mit Macken und Kanten eintauscht.
Schütze findet weitere Inspiration für Ihr Programm unter anderem beim Pilates und einem Mord verharmlosenden plattdeutschen Kinderlied, beendet ihren Auftritt aber wie er begonnen hatte: mit ernsten Gedanken. Schickte sie eingangs einen „Gruß nach Moskau“, schloss sie mit einem Gedicht zu Ehren von Frauen, die sich um bedeutende Errungenschaften verdient gemacht haben. Anhaltender Applaus für einen starken Auftritt.
