Eine Aufführung von Bachs „Johannes-Passion“ stellt Solisten, Chor und Orchester vor enorme Herausforderungen. Das Werk, das die Kantorei an Sankt Laurentius unter der Leitung von Jürgen Benkö am Sonntagabend aufgeführt hat, ist nicht nur musikalisch monumental, sondern zugleich ein hochkomplexes theologisches Drama.
Bietigheim-Bissingen Zwischen Triumph und Tragik
Bei der Johannes-Passion der Kantorei an Sankt Laurentius erlebten die Zuhörer in der voll besetzten Kirche am Sonntag eine berührende Aufführung.
Bereits der Eingangschor „Herr, unser Herrscher“ macht deutlich, dass Bach hier weit mehr als nur die Leidensgeschichte vertont: Er entwirft eine theologische Deutung des Kreuzesgeschehens – die paradoxe Verherrlichung Jesu im Moment größter Erniedrigung. In dieser Spannung zwischen Triumph und Tragik entfaltet sich das gesamte Werk. Anders als die zweite große Passion des Thomaskantors, die eher betrachtend, reflektierend und episch angelegte „Matthäus-Passion“, konfrontiert die etwas kürzere Johannes-Passion die Hörenden schonungslos mit der ganzen Schwere des Geschehens. Die Handlung beginnt mit dem Verrat des Judas, führt über Verhöre, Demütigungen und Folter schließlich zur grausamen Hinrichtung.
In einen Strudel gezogen
Die Kantorei trat mit Mitgliedern der Stuttgarter Sinfonieorchester sowie den Solisten Birgit Stoeckler (Sopran), Cornelia Lanz (Alt), Philipp Nicklaus (Evangelist und Tenor), Dominik Hoffmann (Bass) und Dominik Schmolz (Jesus-Worte) auf. Die Zuhörer in der vollbesetzten Kirche erlebten eine zutiefst berührende Wiedergabe, die den Bericht des Karfreitagsgeschehens in keiner Weise beschönigte. Bereits der Eingangschor mit seinem unruhig kreisenden Figurenwerk im Orchester zog die Besucherinnen und Besucher in einen Strudel von Ereignissen und Emotionen hinein, aus dem sie sich in den folgenden zwei Stunden kaum lösen konnten. Theologisch gedeutet steht dieses Kreisen für das Weltgeschehen, für die unruhige, sündige Menschheit, während der statische Chor die Herrlichkeit des Himmelskönigs symbolisiert, der das Heilsgeschehen von Karfreitag und Ostern geschehen lässt.
Zu den Höhepunkten der Aufführung zählten die Turba-Chöre. Benkö arbeitete mit seiner 76-köpfigen Kantorei die insgesamt 19 Chorsätze („Weg, weg mit dem“, „Kreuzige, kreuzige ihn“) mit einer solchen Wucht heraus, dass man sich mitten in die aufgebrachte Menge Jerusalems versetzt fühlte.
Den größtmöglichen Kontrast dazu bildeten die zwölf Choräle, die die Andacht der christlichen Gemeinde symbolisieren. Einen wesentlichen Anteil an der höchst expressiven und berührenden Wiedergabe des zweistündigen Werks hatte Philipp Nicklaus als Evangelist. Er trug seine umfangreiche Partie nicht nur stimmlich souverän vor, sondern gestaltete sie zugleich intelligent und emotional differenziert. Auch die drei Tenorarien bewältigte er technisch sicher und stilistisch überzeugend.
Birgit Stoeckler konnte sich auch dank ihrer hohen Stimmlage gut gegen das Orchester behaupten und setzte besonders in den Höhen glanzvolle Akzente, etwa in „Ich folge dir gleichfalls“ und „Zerfließe, mein Herze“. Eine Altstimme hat es aufgrund ihrer Lage schwerer, sich gegen das Orchester durchzusetzen; so hätte sich das ansonsten hervorragend disponierte Orchester bei Cornelia Lanz‘ erster Arie „Von den Stricken“ etwas stärker zurücknehmen können. Umso betörender gelang anschließend die anrührende Alt-Arie „Es ist vollbracht“.
Präzises Dirigat
Unterschiedlicher könnten Bassstimmen kaum sein als jene von Dominik Hoffmann, der klar und mit hervorragender Textverständlichkeit deklamierte, und jene von Dominik Schmolz, der seine Jesus-Worte sehr emotional gestaltete. Die Kantorei beeindruckte jedoch nicht nur durch ihre Größe und Klanggewalt. Nach einem noch etwas unsicheren Beginn gewann sie zunehmend an Strahlkraft. Besonders spürbar war das Engagement der Sängerinnen und Sänger, ihre Hingabe und die Freude am gemeinsamen Musizieren. Nicht zuletzt ist Domkapellmeister Jürgen Benkö zu würdigen, dessen impulsbetontes und präzises Dirigat den mehr als 100 Mitwirkenden ungemein half, gemeinsam auf den Punkt zu musizieren.
