Bietigheimer Silvesterlauf Nicht jeder darf so schnell er kann

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Über 3000 Läuferinnen und Läufer waren beim 39. Bietigheimer Silvesterlauf am Start. Foto: Martin Kalb

Bei den Tempomachern des Silvesterlaufs ist gefühlvolle Präzsionsarbeit gefragt. Ihre Aufgabe ist es, Hobbyläufern eine zeitliche Orientierung zu geben.

Für „Viaduck“, das Maskottchen der SG BBM, ist das Ziel vor dem Start schnell formuliert: „Hauptsache durchkommen – egal wie“. Und das hat die Ente bei ihrer Silvesterlauf-Premiere auch geschafft. Etwas aus der Puste, aber zufrieden watschelt „Viaduck“ eine gute Stunde später durch den Zielbereich.

Doch nicht jeder darf so schnell er kann und will die Ziellinie überqueren. Den Pacemakern (Tempomachern) ist eine bestimmte Zeit vorgegeben: Sie sollen Hobbyläufern als Orientierungshilfen dienen. Mit einer Zielzeit von 50 Minuten sind Dietmar Großmann und Josia Nusser die ersten beiden unter den Tempomachern. Als sie über den Zielstrich traben, zeigt die Uhr 49 Minuten und 57 Sekunden. Gefühlvolle Präzisionsarbeit.

Flottes Joggen

„Man sollte die Zeit sicher laufen können und Luft nach oben haben“, nennt Großmann die Basiseigenschaften der Läufer mit den etwa zwei Meter hohen Fahnen am Rücken. Das Mitglied der LG Neckar-Enz hat beim Bietigheimer Silvesterlauf bereits mehrfach die Pace gemacht. Auch Josia Nusser war schon im Jahr 2018 dabei – durfte seinen Motor damals aber kaum zünden: Er hatte die Aufgabe, die 70-Minuten-Läufer ins Ziel zu bringen. Wer so weit von seinem gewohnten Tempo abweiche, verliere allmählich das Gefühl dafür, erzählen beide. Mit den vorgegebenen 50 Minuten in diesem Jahr durften sie dagegen flotter joggen. Kurz nach ihrem Zieleinlauf wirken die beiden sehr entspannt. „Das ist dann was Angenehmes“, meint Nusser mit Blick auf den Rennverlauf, bei dem er nie habe „volle Pulle“ gehen müssen, „und man kann andere motivieren.“

Für Josia Nusser dienten die 11,1 Kilometer als Aufwärmübung für die folgende Nacht. Der junge Mann, der extra für den Silvesterlauf aus Friedrichshafen angereist war, ist unmittelbar nach dem Lauf schon wieder auf dem Sprung. Denn in Zürich wartet um Mitternacht die eigentliche sportliche Herausforderung: der Neujahrsmarathon, den Nusser in der Halbmarathon-Distanz in Angriff nehmen will.

Neu im Programm des Bietigheimer Silversterlaufs ist bei seiner 39. Auflage der Staffellauf. Cathrin Schulze aus Freiberg ist bei der Premiere ganz spontan dabei, wie sie erzählt. Erst einen Tag vorher war sie von einer Freundin angerufen worden, die für eine erkrankte Mitläuferin einen Ersatz suchte. Die Staffeln teilten die 11,1 Kilometer durch drei, Schulze lief den Schlussabschnitt vom Paulaner-Biergarten ins Ziel und konstatiert: „Ich bin froh, dass ich mitgemacht habe.“

Weit über 3000 Läufer sind an den Start gegangen, darunter zwei Männer in Skianzügen, Frauen mit Engelsflügeln oder mit Heiligenschein. Dabei sind auch Vertreter der Polizei, „die laufend Nachwuchs sucht“, wie sie über ihre T-Shirts wissen lassen. Gesichtet hat man auch die altbekannten Flaschen eines Bietigheim-Bissinger Getränkeherstellers und die Brüder in Kostümen von Zebra und Giraffe.

An der Strecke entlang verteilen sich Schätzungen der Veranstalter zufolge etwa 15 000 Zuschauer. Besonders rappelt es wie gewohnt am Unteren Tor, wo das Drummer-Team rhythmisch auf die Trommeln schlägt und die Läufer damit auf die lange Zielgerade schickt. Da haben die Sportler den Hexenkessel am Marktplatz schon passiert, auf dem Moderator Achim Seiter der großen Zuschauermenge in gewohnter Manier einheizt. Als weiterer Stimmungsknoten kennt der eingefleischte Silvesterlauf-Fan den Kronenplatz, auf dem sich auch in diesem Jahr der Musikverein Stadtorchester Bietigheim positioniert hat.

So mancher Hobbyläufer mobilisiert sicher noch ein paar Kraftreserven beim Anblick von Plakaten wie „Go Omi“ oder „Hopp, Papa, Hopp“. Ein Mädchen hält das Schild hoch „Du bist schneller als jede Silvesterrakete, Mama“, darunter steht: „Ihr seid alle toll!“

Zähe zweite Runde

Alle Sportler anfeuern, das wollen auch Oliver Kieser, Heinz und Colin Frommel. Das Trio aus Brackenheim steht an der Enzbrücke. „Da wird’s in der zweiten Runde zäh, da fehlt der Kick“, berichtet Heinz Frommel aus eigener Erfahrung, deshalb wollen sie die Läufer an dieser Stelle unterstützen – zumindest „so lange der Arm mitspielt“, meint Frommel augenzwinkernd mit Blick auf die hölzerne, etwa zwei Kilo schwere Weinberg-Rätsche in seiner Hand, „die wäre sonst auf dem Scheiterhaufen gelandet.“

Mehr Bilder vom Silvesterlauf gibt es hier.

Mehr zu den Wettkampf-Ergebnissen.

 
 
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