Bönnigheim Brezeln aus ehemaligem Gefängnis

Von Corinna Müller
Bäckermeister Friedrich Tabler kann allerhand aus seinem langen Berufsleben erzählen. Foto: Corinna Müller

Bäckermeister Friedrich Tabler kennt viele Geschichten aus Bönnigheim und erzählt aus seinem langen Berufsleben. 

Brezeln esse ich noch immer am liebsten – aber ohne was drauf“, lacht Friedrich „Fritz“ Tabler und seine blaugrauen Augen strahlen vergnügt. Denn Brezeln sind es, die sich durch die Familiengeschichte des 90-jährigen Bäckermeisters aus Bönnigheim ziehen. Bereits 1879 hatte sein Urgroßvater ins familieneigene landwirtschaftliche Anwesen in der Hauptstraße 49 eine Backstube gebaut und an den Samstagen Laugenbrezeln verkauft. „Die Leute haben ihr Brot zu jener Zeit selbst gebacken“, schildert Tabler. 1932 erwarb sein Vater Friedrich „Frieder“ Tabler eine Bäckerei mit Gaststätte in der Kirchstraße 5. „Das war früher mal ein Gefängnis“, amüsiert sich Fritz. Hier wurde zudem Weizen- und Roggenbrot verkauft. Das Mehl wurde von der Burgermühle sowie der Rommelmühle in Jutesäcken angeliefert und vom Müller in den oberen Stock getragen. Von dort konnte man es durch ein Rohr in die Backstube gleiten lassen.

1945 jedoch, beim Einmarsch der Franzosen, fiel das gesamte Stadtviertel dem Brand zum Opfer. Vom Bäckereigebäude blieb einzig der Backofen stehen, der kurzerhand überdacht wurde. Aufgrund langwieriger Planungen zum Aufbau der Stadt dauerte es fünf Jahre, bis die Bäckerei wieder nutzbar war. „Wenn im Krieg etwas zerstört wurde, mussten die Leute den Aufbau komplett selbst bezahlen“, erzählt Tabler, „eine Versicherung oder so was gab es nicht“.

Sein Vater arbeitete während dieser Zeit bei den anderen vier Stadtbäckern mit, konnte anschließend das nebenliegende Grundstück der Kirchstraße 11 dazukaufen und die Bäckerei vergrößern. Der Laden wurde auf die jetzige Hausseite verlegt, und mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wurden nun auch Brötchen und Kuchen verkauft.

Eine Brezel kostete acht Pfennige

„Eine Brezel kostete damals acht Pfennige, ein Brot zwei Mark“, kann sich Fritz Tabler gut erinnern. Mit 14 Jahren begann er seine Bäckerlehre beim Vater und lernte zuallererst das Herstellen von Brezeln.

„Das Rezept ist heute noch dasselbe. Es wird von Generation zu Generation weiter überliefert; verraten wird das nicht“, schmunzelt er. Dabei weist er auf die fünfte Generation hin, die inzwischen diese besonderen Brezeln backt. Außerdem sei es seinerzeit üblich gewesen, dass Kunden ihre vorbereiteten Backwaren in die Bäckerei bringen und dort gegen ein kleines Entgelt backen lassen konnten.

Jeden Morgen um 3 Uhr standen die Bäcker auf, schürten den Ofen mit Briketts an und kneteten den Hefeteig. Geschlafen wurde zwei Stunden am Nachmittag. Zwischendurch wurden die Weinberge, Äcker, Obstbäume und Beerensträucher versorgt. Hinter dem Haus hatte bis in die 1980er- Jahre ein kleiner Schweinestall gestanden, dessen Tiere mit den Küchen- und Bäckereiabfällen gefüttert wurden. Seine erste Schwarzwälder Kirschtorte hat Tabler an seiner Konfirmation gegessen. „Davor hatte es an Festtagen Buttercremetorten wie den Frankfurter Kranz gegeben.“ Die konnte man im Keller kühl stellen. Sahnetorten kamen wohl erst mit den neueren Kühlgeräten auf.

Auf einem Motorrad mit Anhänger lieferte Fritz Tabler in den 50er Jahren seine Backwaren sogar nach Hofen aus, zur kleineren Bäckerei des Karl Schaaf.

1961 erhielt Tabler seinen Meisterbrief, ein Jahr später heiratete er Else Scheuerle aus Crispenhofen. 1968 übernahm er das Geschäft der Eltern. Dennoch half der Vater wie zuvor mit, bis er im Alter von 79 Jahren verstarb.

Mithilfe im Biergarten

Inzwischen hat Fritz Tabler fünf Kinder und acht Enkelkinder. Sein Sohn Rainer hat das Geschäft im Jahr 2000 übernommen und betreibt es mit seinem Sohn Julian; beide sind Konditoren und Bäckermeister. Noch bis zur Coronazeit hat Fritz Tabler, Bäcker aus Leidenschaft, täglich ein bis zwei Stunden in der Bäckerei mitgearbeitet.

Nebenbei hat er – bis vor zwei Jahren – seine Weinberge und Obstanlagen gepflegt oder im Biergarten seiner Tochter Marion mitgeholfen. Dort ist er auch jetzt immer mal wieder an der Geschirrrückgabe anzutreffen, sofern er nicht zufrieden unter einem der schattigen Bäume sitzt.

 
 
- Anzeige -