Bönnigheim Eine emotionale Geschichtsstunde

Von Walter Christ
Kurt Sartorius hatte die Zeitzeugen in das Steinhaus eingeladen (von links): Marga Seybold, Ilse Bramm, Rose Wachter und Reinhold Jung. Foto: /Martin Kalb

Zeitzeugen erinnerten im Schnapsmuseum in Bönnigheim an die Nazi-Zeit. Sie erzählten vom Schicksal ihrer Verwandten und dem Großbrand durch Artilleriebeschuss.

Im voll besetzten Seminar-Keller des schwäbischen Schnapsmuseums gab es am Sonntag bewegende Rückblicke auf Deutschlands dunkelste Stunden. Explizit im Gespräch Erinnerungen an Bönnigheimer Ereignisse, die mehrere Zeitzeugen authentisch schilderten.

Angesichts einer gewissen deutschen Schlussstrich-Mentalität und kollektiven Gedächtnisschwunds sind Zeitzeugen mit ihren subjektiven Wahrnehmungen wertvoller denn je. Der Bönnigheimer Bürger und Moderator Kurt Sartorius hat dies erkannt und stößt mit seinen Gesprächsrunden mit zusätzlichen interessanten Fotos und Dokumenten auf starkes Interesse.

So am Sonntagnachmittag, als die betagten Bönnigheimerinnen und Bönnigheimer Rose Wachter, Elsbeth Bramm, Marga Seybold und Reinhold Jung sowie zusätzlich Rolf Schube und Fritz Reber mit ihren persönlichen Erfahrungen einen Beitrag zur Erinnerungskultur leisteten. Hier und dort sichtlich gerührt, mit stockender Stimme, Tränen nahe.

Letzter Wunsch: eine gelbe Rübe

Etwa, als Rose Wachter von ihrem Vater Karl Weipprecht sprach, den sie als Kind nicht kennenlernen konnte, weil der ehemalige Schriftsetzer ebenso wie der Opa vom Ersten beziehungsweise Zweiten Weltkrieg nicht mehr zurückkehrte. Der eine nicht aus Frankreich, der andere nicht aus Russland. Bedrückend, wie sie einen Kameraden ihres Vaters zitierte, der noch wusste, dass Karl Weipprechts letzter Wunsch auf dem Totenbett eines Lazaretts eine gelbe Rübe gewesen sei. Emotional bis heute sei es, wenn sie die vielen liebevollen Briefe ihres Vaters lese.

Sehr Erstaunliches berichtete Elsbeth Bramm von ihrem einstigen Schwiegervater Wilhelm. Vor einem Jahr hatte sie dank inzwischen zugänglicher russischer Archiv-Unterlagen vom DRK-Suchdienst endlich offiziell erfahren, dass der Soldat in einem russischen Gefangenenlager bei Minsk an Ruhr erkrankt, daran verstorben und auf einem Sonderfriedhof beigesetzt worden sei.

Zum zweiten zentralen Thema hatten Marga Seybold, Reinhold Jung, Rolf Schube und Fritz Reber viel zu sagen. Es war der Einmarsch der Franzosen/Marokkaner am 7. April 1945 in Bönnigheim und der Großbrand durch Artilleriebeschuss durch französische und deutsche Truppen. Ihm fielen 13 Einwohner, zwei Stadtviertel und dabei das markante Jung’sche Fachwerkhaus am Marktplatz zum Opfer.

Insbesondere vor den dunkelhäutigen Marokkanern hatte man in der Ganerbenstadt demnach panische Angst, versteckte sich zwischen Kartoffeln in Kellern beziehungsweise Luftschutzeinrichtungen, wagte sich tagelang nicht auf die Straße, so die Zeitzeugen. Das traf nach den Schilderungen primär auf Mädchen und Frauen zu, zumal die eingedrungenen Soldaten laut Rolf Schube 14 Tage lang einen „Freibrief“ hatten. Im Bietigheimer Krankenhaus seien dann die Folgen behandelt worden.

Elternhaus brannte ab

Bleibt es für Marga Seybold unvergessen, wie die Franzosen Puppen von Bönnigheimer Kindern über ihre Panzerrohre hängten und Kriegsspielzeug überrollten, so kommt Reinhold Jung am Sonntag ins Stocken, als er sich vor Augen hält, wie er als neunjähriger Bub mit ansehen musste, wie das Elternhaus und dessen Umfeld abbrannten. „Das werde ich wohl immer in Erinnerung behalten müssen und nie, nie vergessen“, bedauert der heute rund 90-Jährige dieses Schicksal. Kurt Sartorius indes zitierte Fritz Zipperlen, der durch Rheuma bewegungsunfähig war und durch einen französischen Soldaten aus dem Keller eines brennenden Hauses gerettet wurde.

Ob der Großbrand des Viertels an der Hauptstraße von französischen Bomben ausgelöst wurde oder die Nazis selbst Hand angelegt hatten, um belastendes Material zu vernichten – wer weiß das schon?

Zeitzeugen im Bönnigheimer Schnapsmuseum

Die nächste Gesprächsrunde mit Zeitzeugen ist am Sonntag, 19. Oktober, im Schwäbischen Schnapsmuseum

 
 
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