Es ist gerade einmal drei Minuten nach acht Uhr morgens, als im Alfred-Amann-Gymnasium (AAG) in Bönnigheim bereits Musik läuft. Die Organisatorinnen Sarah Auer und Sylvia Schelling flitzen noch umher und treffen letzte Vorbereitungen, denn hier findet an diesem Tag die erste Jugendkonferenz der Schule statt. Das AAG ist damit eine von 150 Schulen landesweit, die dieses Jahr die vom Kultusministerium veranstaltete Jugendkonferenz abhalten darf. Das Projekt soll Jugendlichen eine Stimme geben und sie in der Politik sichtbar machen.
Bönnigheim Jugendliche wollen mehr Politik
Bei der Jugendkonferenz am Alfred-Amann-Gymnasium zeigten die Schüler, dass sie sich sehr wohl für Politik interessieren und viele eigene Ideen mitbringen.
Die letzten Schüler und Gäste treffen ein, und dann begrüßt das Moderatorenteam, das aus drei Schülern besteht, auch schon alle. Thomas Paul vom Kultusministerium sagt, dass junge Menschen eine Stimme bekommen müssten und ihre Interessen in der Politik vertreten sein sollten. Jetzt, kurz nach den Landtagswahlen, sei der perfekte Zeitpunkt für die Jugendkonferenz. Esmeralda Temizyüz vom Landesjugendbeirat erzählt, dass sie selbst auf das AAG ging. Es sei wichtig, heute vor Ort zu sein und sich die Gespräche selbst anhören zu können. Bürgermeister Albrecht Dautel, der nicht bleiben kann, kündigt an, zu den Ergebnispräsentationen wieder da zu sein. Schulleiter Achim Salomon sagt: „Veränderung beginnt da, wo Menschen diskutieren.“
Wer ist im Raum?
Zum Aufwärmen wird erst noch ein Spiel gespielt, bevor die Gruppenarbeit beginnt: Bei „Wer ist im Raum?“ wird eine Frage gestellt, die die Schüler mit Ja oder Nein beantworten. Je nach Antwort gehen sie in die eine oder die andere Ecke des Raums. Bei der Frage, ob die Sommerferien verkürzt und die Ferien mehr übers Jahr verteilt werden sollten, waren sich beinahe alle Schüler einig – nein, sollen sie nicht. Etwas mehr Meinungsverschiedenheit gibt es bei der Frage, ob Handys in den Pausen erlaubt sein sollten. Doch zur Überraschung der Moderatoren war sich der Großteil einig, dass das Soziale und die Kommunikation in den Pausen das Wichtigste ist und Handys da nur stören. Schwierig entscheiden konnten sich die Schüler bei der letzten Frage, ob es ein verpflichtendes Soziales Jahr geben sollte. Nur wenige sprachen sich klar dafür aus, die meisten waren dagegen oder zwiegespalten.
Zehn Themen im Speed-Café
Dann kündigt die Moderation das Speed-Café, eine Schnellbeteiligungsrunde, an. Die zehn Themen, von denen sieben vom Kultusministerium und drei von den Moderatoren ausgewählt wurden, sind auf zehn Tische verteilt. Die knapp 70 Schüler sollen sich auf die Tische verteilen – und dabei explizit nicht nur mit den eigenen Klassenkameraden, sondern auch mit Schülern aus anderen Klassen und Stufen zusammenarbeiten. Pro Thema sind dann drei Minuten Zeit, um zum Thema zu brainstormen und Stichpunkte auf einem Plakat zu notieren. Dann ertönt eine Glocke, und die Gruppen rotieren zum nächsten Tisch. Innerhalb von 30 Minuten hat so jede Gruppe jedes Thema behandelt.
Und die sind vielfältig: Von Schüler- und Jugendaustauschen, Wirtschaft und KI über Ehrenämter bis hin zu mentaler Gesundheit ist alles dabei. Die Schüler werden dabei ins kalte Wasser geworfen: Den Ablauf und ihre Aufgabenstellung haben sie erst am Morgen der Jugendkonferenz von der Moderation erfahren, die Ideen zu den Themen müssen sich also ad hoc finden. Als die Schüler, die gefragt wurden, ob sie teilnehmen möchten, von dem Projekt erfahren haben, waren sie aber direkt an Bord: „Wir haben alle direkt gesagt: ‚Oh, wie cool’, vor allem, weil es ja das erste Mal ist, dass unsere Schule mit macht“, erzählt eine Schülerin. Im Unterricht sei leider oft nicht genug Zeit, über Politisches zu sprechen – zum Beispiel über die kürzliche Landtagswahl. Eine Klasse habe gerade sogar gar keinen Gemeinschaftskundeunterricht.
Die Gruppenarbeit im Speed-Café geht gut voran, die großen Plakate füllen sich immer weiter mit Stichworten. „Mittlerweile stehen schon einige Sachen drauf, die uns auch eingefallen sind, aber genug Ideen haben wir auf jeden Fall“, sagt ein Schüler. Vor allem Politikbildung und die Weltpolitik seien Themen, die er spannend finde. Und durch das Projekt merke er: „Oft denkt man sich bei politischen Themen, dass man eh nichts daran ändern kann – kann man aber doch.“
Politikinteresse vorhanden
Die Gruppenarbeit kommt gut an. Dadurch, dass es eher ums Brainstormen gehe, mache es richtig Spaß, und mit den entstehenden Ideen könne man später sicher gut weiterarbeiten, findet ein Schüler. Am AAG würden sich viele Schüler für Politik interessieren, berichtet ein weiterer, es machen bei der Jugendkonferenz zum Beispiel auch viele mit, die sich bereits in der SMV (Schülermitverantwortung) oder im Debattierclub engagieren. Dass der Bürgermeister nicht die ganze Konferenz lang da sein könne, sei schade, denn Politik fange im Kommunalen an.
„Es liegt uns am Herzen, den Schülern eine Stimme zu geben“, sagt die Gemeinschaftskunde-Lehrerin Sarah Auer. Gemeinsam mit Sylvia Schelling hat sie sich im vergangenen Sommer um die Bewerbung für die Jugendkonferenz gekümmert. Die Schule sei vom Ministerium dazu eingeladen worden, und vermutlich, weil das AAG sich dann auch relativ früh beworben hat, habe es dann auch geklappt, so Auer.
Gute Gruppengröße erreicht
Das war ein ganz schönes Stück Arbeit: Es habe viele Formalitäten und einheitliche Qualitätsstandards gegeben, die eingehalten werden mussten. Von der Jugendstiftung habe es aber auch Schulungen im Vorhinein gegeben sowie ein Budget für Materialien, Plakate und etwas Verpflegung.
Von den ungefähr sieben Schülern, die pro Klasse von den Lehrerinnen angefragt wurden, haben ein paar abgesagt, weil sie beziehungsweise ihre Eltern nicht wollten, dass sie am Tag der Jugendkonferenz fotografiert werden, erzählt Auer, und das sei der einzige Hinderungsgrund gewesen. Man habe aber jetzt eine „gute Durchmischung“ der Klassen und Stufen, und die Gruppengröße sei „eigentlich perfekt“. Besonders über die tolle Zusammenarbeit der verschiedenen AGs freuen sich die beiden Organisatorinnen: Ein Mitglied der Technik AG sorgt für angenehme Hintergrundmusik, und die Moderatoren sind durch ihre Teilnahme am Debattierclub zu ihrer Aufgabe gekommen.
Wunsch nach mehr Beteiligung
Nach ein paar Runden Speed-Café läuft das Ganze fast von allein, und die Schüler sind „im Flow“, wie die Kolleginnen bemerken. Auch Thomas Paul vom Kultusministerium hat einen positiven Eindruck: „Hier klappt alles vorbildlich, die engagierten Lehrer arbeiten Hand in Hand mit den Moderatoren.“ Selbst das Snack-Buffett sei „liebevoll hergerichtet“. Das Ministerium biete bewusst lediglich den Rahmen für das Projekt und lasse die Jugendlichen selbst machen. Das sei auch eine Erfahrung der Selbstwirksamkeit, gerade bei den Moderatoren, bei denen es oft das erste Mal ist, dass sie in ein Mikrofon sprechen.
Beim Fazit des Speed-Cafés wird dann deutlich: Die Jugendlichen haben mehr als genug Ideen, sie wünschen sich Beteiligung, vor allem bei Themen, die sie selbst betreffen, und wollen in der Schule besser aufgeklärt werden. „Man merkt, dass man in der Politik erst ab einem bestimmten Alter gehört wird – vorher ist es egal“, beschreibt ein Schüler, und trifft den Nagel damit auf den Kopf – sowohl, was das Gefühl vieler Schüler angeht, als auch den Grund für die Jugendkonferenz.
