Bönnigheim Kriegsweihnachten: Viel Freude an den einfachen Dingen

Von Jürgen Kunz
Museumschef Kurt Sartorius mit Schnapsbechern aus Munitionshülsen, die an der Ostfront gefertigt wurden und als Weihnachtsgeschenke in die Heimat geschickt wurden. Foto: /Oliver Bürkle

Die Ausstellung „Bönnigheim unterm Hakenkreuz“ war mit mehr als 2000 Besuchern eine der erfolgreichsten. Besonders die Zeitzeugengespräche wirken noch nach.

Zu einem opulenten Fest hat sich  Weihnachten entwickelt. Es wird geschlemmt und die Geschenkberge wachsen in die Höhe. Dass dies nicht immer so war, davon haben 16 Zeitzeugen – der Älteste war 91 Jahre alt – berichtet. Sie waren im Rahmen der Sonderausstellung aus Anlass des 80. Jahrestags des Kriegsendes 1945, „Bönnigheim unterm Hakenkreuz“, an vier Sonntagen ins Museum im Steinhaus gekommen, auch um an Weihnachten in der Kriegs- und Nachkriegszeit zu erinnern. Über 2000 Ausstellungsbesucher hat Kurt Sartorius, ehrenamtlicher Museumsleiter und Vorsitzender der Historischen Gesellschaft, gezählt. Er freut sich auch am Interesse an den Zeitzeugengesprächen, bei denen „der Keller jedes Mal voll gewesen ist“.

Statt Glaskugeln goldbemalte Walnüsse

Beeindruckend hat eine Zeitzeugin vom ersten Nachkriegsweihnachten erzählt. Ausgebombt war ihr Haus nach dem französischen Angriff im April 1945 und obwohl mittellos, sei es für ihre Mutter wichtig gewesen, einen Christbaum zu schmücken, nicht mit Glaskugeln und Lametta, sondern mit goldbemalten Walnüssen und roten Äpfeln. Welche Bedeutung Geschenke in der Kriegszeit hatten, erklärt Kurt Sartorius anhand eines kleinen Einmachglases aus dem Jahr 1943. Darin wurde ein kleines Stückchen Kohlrabi eingemacht, denn obwohl man nur wenig Gemüse hatte, wollte man dies aufbewahren „für schlechte Zeiten“, so Sartorius.

Ziel der Nazidiktatur war es, die Bevölkerung zu beeinflussen und gefügig zu machen. Dies begann nicht erste mit dem Jungvolk und später in der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädchen. Schon im Kindergarten wurde Einfluss genommen – mit einem Metallbecher mit Hakenkreuz, das die Jüngsten als Weihnachtsgeschenk von der Partei erhielten.

Von der Front sonderbare Weihnachtsgeschenke

Natürlich war Weihnachten in Kriegszeiten geprägt von der Trauer darüber, dass die Ehemänner und Väter vielfach ihren Kriegsdienst an der Front leisten mussten. Dass die Soldaten auch Geschenke von der Front an ihre Lieben zuhause schicken wollten, trug aus heutiger Sicht durchaus sonderbare Blüten. So konnte Sartorius in der Ausstellung „Bönnigheim unterm Hakenkreuz“ Schnapsbecher zeigen, die in den Frontwerkstätten aus Geschosshülsen gefertigt worden waren und zu Weihnachten nach Bönnigheim geschickt wurden.

Wie schwer die Menschen zum Jahreswechsel 1946/1947 unter den Umständen litten, hat die Bönnigheimerin Sofie Krieg in einem Gedicht zusammengefasst: „Müde blicken wir zurück, denn ein Jahr ein kleines Glück, unsres Lebens geht vorbei. Drinnen ach so viele Sorgen, soviel Not und Kampf verborgen, daß wir wurden müd dabei. Soll es denn in unsrem Leben, immer Leid und Not nur geben? Ist denn dies des Lebens Sinn? Einmal muß doch auch die Sonne, unsren Herzen geben Wonne, ewig währt kein einzig Ding. Drum soll dies zum Jahresende unsere Hoffnung sein zu Wende, daß es bring den Frieden uns. Brünstig wollen wir’s erleben, daß es nie mehr mög geschehen, was jetzt lieget hinter uns.“

In ihrem siebten Buch „Zeitgenossen – Zeitzeugen“ schreibt die Bönnigheimer Autorin Erne Häusser: „Ich erinnere mich an an diesen Heiligen Abend des sechsten Kriegswinters besonders gut.“ Mit den Eltern und ihrer Schwester ging sie in „der stillen unheimlich dunklen Nacht“ wie jedes Jahr zur Kirche. „Keine Beleuchtung der Straßen, kein tröstliches Licht, das auch nur aus einer Ritze der totalen Verdunkelung hätte kommen dürfen“, so Häusser. Auch die Kirchenfenster waren verdunkelt, drinnen stand ein schlichter Tannenbaum, mit einigen vom Vorjahr herübergeretteten halb abgebrannten Kerzenstummeln. Erne Häusser: „Auch im sechsten Kriegsjahr verkündete Pfarrer Stocker die Weihnachtsbotschaft: Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Es verhallte im ungewissen Flackern der Kerzen.“

„Es war eines dieser Nachkriegsweihnachten“, schreibt Erne Häusser über das Jahr 1947. Es war alles noch viel rarer, die Lebensmittel, noch auf Marken zugeteilt, wollten nicht hinten und nicht vorn reichen: „Zu Weihnachten gab’s Sonderzuteilungen, Minirationen an Mehl, Fett, Zucker oder auch an Fischwaren.“

 
 
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