Bönnigheimer „Inflationsheiliger“ Der Heiland von Bönnigheim

Von Jörg Palitzsch
Vor 100 Jahren gründete der Bönnigheimer Ludwig Christian Haeusser in Zeiten der Inflation die „Christlich-radikale Volkspartei“. Nach der Geldreform liefen seine Anhänger auseinander. Foto: picture alliance/dpa/Stadtverwaltung Bönnigheim

Im November vor 100 Jahren gründete Louis Haeusser, die „Christlich-radikale Volkspartei“.

Die deutsche Inflation von 1914 bis zum November 1923 war eine der radikalsten Geldentwertungen, der Wert fiel ins Bodenlose und fegte die letzten Sicherheiten weg. Sie ging ab Mitte 1922 in eine Hyperinflation über, Ursache war die massive Ausweitung der Geldmenge durch den Staat in den Anfangsjahren der Weimarer Republik.

Der Verlust der Kaufkraft zog den Menschen den Boden unter den Füßen weg, es entstand Panik und es ein großes Vakuum, ausgelöst durch den Imageverlust der Kirchen sowie der Abdankung des Kaisers. Dieses Vakuum wurde durch Heilslehren aller Art gefüllt. Esoteriker und Wahrsager hatten plötzlich großen Zulauf, hinzu kamen Verschwörungstheoretiker und obskure Sekten, die ihren Jüngern große Lösungen für kleine Probleme versprachen.

„Inflationsheilige“

Zu den Predigern in diesen unruhigen Zeiten zählten der 1891 in Straßburg geborene Kunsthandwerker Friedrich Muck-Lamberty, ein sogenannter „Inflationsheiliger“, der sich selbst als „Wegbereiter einer neuen Zeit“ und „Prediger in der Wüste“ bezeichnete. Er vertrat einen verqueren Marienkult, in dessen Mittelpunkt die Frau stand, die den völkischen Christus gebären sollte, gezeugt von Muck-Lamberty.

Ein weiterer „Inflationsheiliger“ war der am 6. November 1881 in Bönnigheim geborene Wanderprediger Ludwig Christian Haeusser – auch Louis Haeusser genannt –, Abkömmling eines pietistischen Wengerters, der dem Sohn mit Prügel das Nachdenken über die Welt austreiben wollte. Louis entfloh sehr schnell der Enge des damaligen Königreichs Württemberg und verließ nach einer kaufmännischen Lehre 1899 Deutschland in Richtung England. Kurz nach der Jahrhundertwende machte er sich in Paris als Unternehmer selbstständig. Er wurde mit dem Vertrieb von Sekt schnell reich, musste nach Ermittlungen der Polizei seinen Betrieb aber aufgeben.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde aus dem ehemaligen Fabrikanten ein Kriegsgegner und schließlich der „Prophet der Erneuerung“. Nach Kontakten mit der Kommune des Aussteigers Gusto Gräser am Lago Maggiore, hier kam er mit der ostasiatischen Weisheit des Laotse in Berührung, veränderte Haeusser sein Aussehen. Er trat mit Mönchskutte, langem Haar und wallendem Bart auf.

Bald scharte der „Heiland von Bönnigheim“ Jünger um sich, und gründete im November 1922 zusammen mit dem Rittmeister a. D. Graf Adolf von Bothmer die „Christlich-radikale Volkspartei“. Eine Sammlungsbewegung für alle „Inflationsheiligen“ und die Republikfeinde von links bis rechts. Louis Haeusser selbst sah sich als Weltenretter. Als „Hakenkreuzlerkommunist“, als kommender „Diktator der Vereinigten Staaten Europa“ und gar als „Weltpräsident der Wahrheit“ mit einer eigenen Wahrheitsarmee. Sein Ziel war die Beseitigung der alten Ordnung, vor 100 Jahren war er der Meinung, die Menschen trenne nur noch wenige Tage vor dem jüngsten Gericht. Natürlich verglich er sich mit Napoleon und Jesus. Für seine sündigen Anhänger und das Publikum, darunter viele Frauen, deren Hörigkeit er ausnutzt, hatte er nicht viel übrig. „Ihr Heuchler, ihr doppelzüngiges Otterngezücht, ihr Schlangenbrut, ihr überständigen Gräber, ihr wandelnden Abortgruben, ihr lebenden Leichname, ihr gehenden Gräber, ihr modernden Aashäuser, ihr verkörperte Sauställe, geht in Euch – schämet Euch!“, schimpfte er.

Mit 46 Jahren gestorben

Am 20. November 1923 endete die Inflation. Die Geldreform ging auf Hjalmar Schacht zurück, für eine Billion Papiermark bekamen die Deutschen eine Rentenmark. Danach zerstreuten sich die Anhänger Haeussers. Nach einer Gefängnisstrafe von ein Dreiviertel Jahren wegen Vergehens gegen das Gesetz zum Schutz der Republik interessierte sich in den besseren Jahren der Weimarer Republik niemand mehr für seine Botschaften. Haeusser starb im Juni 1927 mit nicht einmal 46 Jahren in Berlin. Zur Beerdigung des „Heilands von Bönnigheim“ kamen Hunderte Anhänger.

  Jörg Palitzsch

 
 
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