Bönnigheimer Kläranlage „Das Team ist extrem wichtig“

Von Jürgen Kunz
Abwassermeister Albrecht Hamm zieht Proben aus dem geklärten Abwasser in der Bönnigheimer Kläranlage. Foto: /Martin Kalb

2,4 Liter Abwasser kommen pro Minute von jedem Bönnigheimer in der Kläranlage an. Abwassermeister Albrecht Hamm  und seine vier Mitarbeiter sind deshalb 24 Stunden an 365 Tagen im Einsatz.

Die jährliche Abwassermenge, die in der Bönnigheimer Kläranlage ankommt, summiert sich – abhängig vom Wetter – durchschnittlich auf 1,1 Millionen Kubikmeter. Verantwortlich dass in der Kläranlage zuverlässig das Schmutzwasser gereinigt wird, sind Abwassermeister Albrecht Hamm und seine vier Mitarbeiter. Der 57-Jährige macht dies nach eigenem Bekunden „immer noch mit viel Herzblut“. 35 Jahre ist er in Bönnigheimer Kläranlage tätig, seit 20 Jahren als Betriebsleiter und damit auch für das städtische Kanalsystem und die Regenüberlaufbecken zuständig. „Wir sind personell gut aufgestellt, denn das Team ist extrem wichtig“, betont Hamm. Keine Überraschung, schließlich ist das Abwassersystem eine 24-Stunden-Aufgabe – 365 Tage im Jahr.

Viel Aufwand für Wartung

Die Stadt Bönnigheim betreibt seit 1965 eine mechanisch-biologische Kläranlage. In den Jahren 2006 bis 2008 wurde die mechanische Reinigung erneuert, die Faultürme modernisiert und eingehaust sowie das Betriebsgebäude für 2,39 Millionen Euro aufgestockt. Zum Einsatz kommen dort das Belebtschlammverfahren sowie eine chemische Fällung des Phosphates. „Viel Aufwand für die Wartung ist für eine gut funktionierende Kläranlage nötig“, betont Hamm. Die komplette Anlage wird elektronisch überwacht, jedes Gerät ist mit einem Zeitstempel hinterlegt. In Echtzeit kann jeder vom Kläranlagen-Team per App auf dem Dienst-Smartphone die einzelnen Werte abrufen, damit schnell reagiert werden kann, wie der Abwassermeister erklärt. Dazu gehören auch die Regenüberlaufbecken, deren Wasserstand und die Wassermengen, die durchfließen, permanent erfasst werden.

Seit 1992 BHKW im Einsatz

Bereits seit 1992 wird das in den Faulbehältern entstehende Klärgas für den Betrieb eines Blockheizkraftwerks (BHKW) auf dem Kläranlagengelände verwendet. 102 000 Kubikmeter Gas wurden 2022 so genützt, erzeugt wurden 171 000 Kilowattstunden (kWh) Strom und durch die Abwärmenutzung 333 000 kWh Wärmeenergie. „Wir sind ständig am tüfteln, um den Energiebedarf auf der Kläranlage zu optimieren“, merkt Hamm an. Nach dem Energiebericht 2021 – der für das vergangenen Jahr wird zum 15. Februar erstellt – beträgt der Gesamtstromverbrauch 371 111 kWh. Knapp 38 Prozent dieses Bedarfs wird für die Belüftung der Klärbecken verbraucht.

„Relativ sauberes Abwasser“

Schwefel, Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff und Phosphat sind die Hauptbestandteile die aus dem Schmutzwasser in der Kläranlage eliminiert werden. Durch Zugabe von sogenannten Fällmitteln werden Schwefel und Phosphat gebunden, durch Zugabe von Sauerstoff werden der Kohlenstoff und der Stickstoff umgewandelt. „So erreichen wir ein relativ sauberes Abwasser“, erklärt der Bönnigheimer Abwassermeister. Über einen Vorfluter wird dies direkt in den Mühlbach abgeleitet. Im November 2021 wurde eine Analyse des geklärten Abwassers beauftragt, um festzustellen, welche Filtration als etwaige vierte Reinigungsstufe für die Kläranlage nötig ist.

15 Arzneimittel nachgewiesen

Unter anderem pharmazeutische Rückstände von 15 Arzneimittel – darunter Ibuprofen, Diclofenac und Östrogene – wurden dabei festgestellt. Gleichzeitig wurde die Gewässer-Ökologie des Mühlbachs untersucht. Da der Mühlbach nur wenig Wasser führt, ist der Verdünnungseffekt – im Gegensatz zu Kläranlagen am Neckar – nicht ausreichend. Hamm: „Das gereinigten Abwasser hat deshalb im Mühlbach einen hohen Anteil.“ Da also die Kläranlage Bönnigheim einen Abwasseranteil von nahezu 100 Prozent im Mühlbach besitzt, ist eine Installation einer vierten Reinigungsstufe zur Spurenstoffentfernung voraussichtlich notwendig. Ein zentraler Bestandteil der meisten Verfahren zur Spurenstoffelimination ist die Filtration. Diese schließt sich an die bestehende Abwasserreinigung an. Bewährt haben sich oxidative Verfahren sowie adsorptive Verfahren auf Basis von Aktivkohle. Darüber hinaus ist auch eine Kombination der beiden Wirkmechanismen möglich, da jeder nur bei speziellen Spurenstoffen sehr hohe Eliminationsraten erreicht. Die Planungen laufen und sollen bis 2024 abgeschlossen sein

DWA-Ehrennadel für Albrecht Hamm

Stadtentwässerung Bönnigheim, Albrecht Hamm, vertritt im Landesverband Baden-Württemberg der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) die kleinen bis mittelgroßen Kläranlagen, die mehr als 80 Prozent der Kläranlagen im Land ausmachen. Auf Basis seiner langjährigen Berufserfahrung gibt er wichtige Impulse zur betrieblichen Optimierung und Hilfestellung für kleinere Kläranlagen. Ebenso bringt Hamm seiner Erfahrungen und Kenntnisse als Lehrer in Kläranlagen-Nachbarschaften ein. Mit seinen Erfahrungsberichten zum Krisenmanagement auf kleinen und mittleren Kläranlagen leistet er auch einen sehr wichtigen Beitrag zum sicheren Betrieb von abwassertechnischen Anlagen in Pandemiezeiten. So würdigt die DWA das Engagement von Hamm und verlieh im die Ehrennadel des Verbands, die ihm im Oktober bei der Mitgliederversammlung überreicht wird.

 
 
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