Brauchtum Närrische Anarchie im oberen Kirbachtal

Von Michaela Glemser
Bürgermeister Holger Albrich nutzte die Verkleidung beim Rathaussturm auch nichts mehr, der Umsturz war besiegelt. Foto: /Martin Kalb

Rathaussturm sorgt für Umkehr der Machtverhältnisse in Häfnerhaslach.

„Häfnerhaslach. Häfnerhaslach, ich bin so gerne in Häfnerhaslach. Ich weiß nicht warum, nehmt mir es nicht krumm, doch immer wieder zieht es mich nach Häfnerhaslach“, sang Bürgermeister Holger Albrich aus voller Kehle. Er reagierte auf das Strafgericht der närrischen Weiber von Häfnerhaslach an Altweiberfasnet kurzerhand mit dem umgedichteten Schlager „Mendocino“ von Michael Holm.

„Wir können vieles, das ist klar, nur leider sehr wenig sofort und bar“, reimte Albrich in Anspielung auf die angespannte Haushaltslage der Stadt. Natürlich besang der Schultes auch die marode Fassade der Verwaltungsstelle, deren Schlüssel er zuvor den närrischen Weibern in ihren kunterbunten, langen Gewändern beim Sturm auf die Verwaltungsstelle unter Protest ausgehändigt hatte. „Ich ging zum Rathaus und sah die Fassade und dachte bei mir: ‚Wirklich schade!‘“, ließ der Sachsenheimer Rathauschef ertönen, denn die Notsicherung des in die Jahre gekommenen Fachwerks mit Hasendraht und groben Balken bot wahrlich keine schöne Optik.

Dies musste sich der Schultes auch beim Strafgericht von Martina Schantel anhören, welche die Frauen der Gymnastikabteilung des TSV Häfnerhaslach anführte. „Unsere Verwaltungsstelle ist erhaltenswert und soll noch viele Jahre hier stehen. Daher, Schultes, musst du sie schnell richten“, mahnte Schantel Albrich.

Straßenrenovierung, nur wann?

Dass sie dieses Vorhaben auch bei der Straße zwischen Häfnerhaslach und dem Kirbachhof noch erleben werde, dafür hatte Schantel wenig Hoffnung. „Die Straße wird erst hergerichtet, wenn wir schon lange nicht mehr Auto fahren können. Daher appelliere ich an unsere jungen Menschen in Häfnerhaslach, dem Schultes Beine zu machen“, erklärte Schantel. Für die Jugend in Häfnerhaslach wünschten sich die närrischen Weiber auch eine Instandsetzung des Bolzplatzes, der einem Acker mit Disteln und Brennnesseln gleiche. Die in die Jahre gekommenen Sitzbänke im Ortsgebiet, die fehlende Weihnachtsbaumbeleuchtung am ersten Adventswochenende sowie der ausbleibende Zebrastreifen an der Bushaltestelle im Ortszentrum waren ebenfalls Themen im Strafgericht, bei dem sich Albrich, der mit dem goldenen Schlüssel aus dem Fenster der Verwaltungsstelle blickte, immer wieder „taub“ stellte. „Wenn unser Schultes nichts hört, wird er auch nicht wiedergewählt!“, rief daraufhin ein Häfnerhaslacher unter dem schallenden Gelächter der zahlreichen Narrenschar.

Sommerstrand eingefordert

Zudem forderten die närrischen Weiber den von Albrich versprochenen Sommerstrand in Häfnerhaslach ein, zu dem der Schultes den notwendigen Sand für Sonnenschirme und Liegestühle beisteuern sollte. „Auf der Reisemesse in Stuttgart wurde in diesem Jahr mit dem Radweg zwischen Ochsenbach und Häfnerhaslach geworben. Aber das ist bisher nur Schotter. Dauert seine Fertigstellung bis zur Messe 2050?“, fragte Schantel schmunzelnd ihren Schultes. Dieser verlor einen Teil seiner Krawatte an die große Schere von Claudi Hirsch, musste aber auch seinen knallgrünen Narrenhut herausrücken. Unter dem Ruf „Spatza flieget“ wurde Albrich von den Fasnetsfrauen mit einem Kopftuch und einem farbenfrohen Narrenhäs bestückt. In einem Spiel mit Ortsvorsteherin Claudia Volk und einigen Ortschaftsräten musste Albrich noch sein Geschick bei Buchstabenrätseln unter Beweis stellen.

„Wir sind wirklich froh, dass wir heute so ausgelassen feiern können. Wir haben heute in unseren Bollerwagen über 400 Berliner verkauft und besuchen dabei auch die älteren Menschen in Häfnerhaslach. Wir werden immer wieder auch auf einen Sekt eingeladen, weil sich die Menschen so freuen“, erzählte Claudi Hirsch.

„Es war im Vorfeld für uns Ehrenamtliche schon ein arges Hin und Her mit der Stadtverwaltung, ob unsere Feier der Altweiberfasnet wegen des fehlenden Brandschutzes in der Kelter überhaupt stattfinden kann oder nicht“, klagte Hirsch.  

 
 
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