Brief zu den Verhältnissen im Krankenhaus Ludwigsburg Anonyme Vorwürfe gegen Klinik

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Wie steht es um Situation der Assistenzärzte in Ludwigsburg? ⇥ Foto: Sebastian Gollnow

Ein Brief legt den Verdacht nahe, dass Assistenzärzte am Klinikum Ludwigsburg angehalten wurden, Überstunden nicht zu dokumentieren. Die Krankenhausleitung weist die Vorwürfe zurück.

In einem anonymen Brief, der der BZ vorliegt, werden schwere Vorwürfe gegen die RKH Klinik Ludwigsburg und die Ärztegewerkschaft Marburger Bund erhoben. Das Schreiben ist unterzeichnet mit „Assistenzärztinnen und Assistenzärzte Klinikum Ludwigsburg“.

Darum geht es

Die Unterzeichner prangern „einen massiven Verstoß gegen den geltenden Tarifvertrag für Ärztinnen und Ärzte“ an. Der Vorwurf, die seit April 2020 neue Regionaldirektorin in Ludwigsburg halte die Chefärzte an, dass „möglichst wenige bis keine Überstunden in ihren Abteilungen entstehen“. Als Konsequenz dürften Überstunden praktisch nicht mehr erfasst werden. Mit dramatischen Folgen, denn laut Tarifvertrag arbeitet ein Assistenzarzt 40 Stunden, in der Realität kämen pro Woche jedoch durchschnittlich 55 bis 65 Stunden zusammen.

Im Juni hätten sich die Ärzte an den Marburger Bund, ihre Arbeitnehmervertretung, gewendet. „Leider ist der Marburger Bund nicht bereit, sich für unsere Rechte einzusetzen“, schreiben die Unterzeichner. Die Gewerkschaft habe erklärt, sie unterstütze einzelne Assistenzärzte beim Kampf gegen die Maßgabe. Dass sich ein einzelner nach vorne wage, sei jedoch laut dem anonymen Briefeschreiber ausgeschlossen, weil ein Assistenzarzt in einem Abhängigkeitsverhältnis stehe und das Risiko zu groß sei, Schwierigkeiten für die berufliche Zukunft zu bekommen.

Das sagt der Marburger Bund

„Es stimmt, dass im Juni 2020 ein anonymer Hinweis über Verstöße gegen den ärztlichen Tarifvertrag beim Marburger Bund eingegangen ist“, erklärt Michael Beck, Pressesprecher des Marburger Bund Landesverbands Baden-Württemberg auf Anfrage dieser Zeitung. Dem Vorwurf der Untätigkeit widerspreche er jedoch in aller Deutlichkeit. Nach dem Hinweis habe man alle Mitglieder am Klinikum angeschrieben und gebeten, sich zu melden, um die Probleme zu konkretisieren. „Leider ohne Reaktion“, wie Beck schreibt.

Der Marburger Bund setze sich intensiv für die Einhaltung der Tarifverträge und Arbeitszeitgesetze ein, man müsse aber zunächst klären, welche Verstöße genau vorliegen. Man biete den Verfassern des anonymen Hinweises nochmals an, ein Gespräch zu führen.

Das sagt die Klinikleitung

Der RKH-Sprecher Alexander Tsongas bestätigt, dass es im Juni 2020 eine Kontaktaufnahme durch den Marburger Bund zum Thema Überstunden gab. „Die Geschäftsleitung hat dies zum Anlass genommen, nochmals alle Chefärzte auf die Selbstverständlichkeit der Einhaltung tarifrechtlicher und arbeitszeitrechtlicher Regelungen sowie der Dienstvereinbarung zur Arbeitszeit hinzuweisen“, so Tsongas. Der Personalabteilung lägen keine Hinweise auf massive Verstöße vor.

Eine Vorgabe der Regionaldirektorin, möglichst wenige bis keine Überstunden entstehen zu lassen, habe es nicht gegeben. Der Corona-Krisenstab habe auf dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle lediglich darum gebeten, in den Abteilungen, wo weniger Patienten behandelt werden, Überstunden abzubauen.

Der Ärztliche Sprecher im Klinikum Ludwigsburg, Dr. Wolfgang Brunk, fügt hinzu: „Wir Chefärzte achten darauf, dass das Arbeitszeitgesetz und der Tarifvertrag mit dem Marburger Bund eingehalten werden. Bei fehlenden Stellenbesetzungen und Ausfällen zum Beispiel durch Krankheit kommt es, zum Teil auch sehr kurzfristig, zu Überstunden. Doch auch hier wird darauf geachtet, das Arbeitszeitgesetz und Tarifrecht einzuhalten. Ein Kontrollmechanismus ist auch die Dienstplankommission des Betriebsrates“.

Das sagt der Betriebsrat

Der Betriebsratschef, Martin Oster, selbst Arzt, ist ebenso wie die Klinikleitung überrascht über die Vorwürfe. Ihm sei nichts zu Ohren gekommen, erklärt Oster. Die Geschichte mit dem Marburger Bund im Juni 2020 habe auch zu nichts geführt. „Das Problem ist, dass wir mit einem anonymen Hinweis, der auch keine Abteilung nennt, wenig anfangen können“, so Oster. So sei es schwer, etwaige Verstöße zu überprüfen. Insgesamt gebe es fast 650 Ärzte in Diensten der Kliniken Bietigheim und Ludwigsburg.

Oster nimmt das Schreiben aber nicht auf die leichte Schulter: „Wenn das der Wahrheit entspricht, wäre das ein schwerer Verstoß gegen die Vorgaben“. Er hat am Dienstag alle Mitarbeiter angeschrieben und dafür geworben, sich vertrauensvoll an den Betriebsrat zu wenden. Erst wenn Ross und Reiter benannt seien, könne man das Problem angehen.

 
 
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