Cleebronn Warum der Platzhirsch manchmal aus Frust röhrt

Von Jonathan Lung
Cleebronn Wildpark Exkursion zu den Hirschen Durch den Zaun ließen sich die Hirsche sogar steicheln. Foto: /Martin Kalb

Im Wildpark Tripsdrill kann man bei einer Exkursion die Brunftzeit der Hirsche erleben – und dabei viel über die Tiere lernen.

Als ihm das dritte Weibchen wegläuft, reicht es dem Platzhirsch dann aber doch: alleine steht er da, reckt den Hals – und schon schallt das typische Röhren durch die Baumreihen des Wildparadieses. Wegen dieses Lautzeichens sind die gut 40 Besucher am Samstag zur Exkursion in den Wildpark von Tripsdrill gekommen. Bei den Hirschen ist Brunftzeit. Eine besondere Zeit im Jahr, die Paarungszeit beginnt für den Platzhirsch ab Mitte September und dauert nur rund sechs Wochen lang.

Und nebenbei konnten die jungen, aber auch vielen erwachsenen Besucher so einiges von Tierpflegerin Lara Giebler lernen. Zuallererst, dass die Weibchen nicht Rehe genannt werden, sondern Hirschkühe. Der Partner eines weiblichen Rehs, Ricke genannt, ist der Rehbock. Und dass man an den Geweihen grob das Alter von Rothirschen und Damhirschen bestimmen kann. Im Frühjahr fällt es den Tieren ab und wächst dann größer nach: die Verästelungen ermöglichen damit eine grobe Einschätzung des Alters.

Ruhe vor den Hirschen

Der Damhirsch hat ein prächtiges Schaufelgeweih, das an das eines Elches erinnert, erläutert Tierpflegerin Giebler – und drückt den Besuchern eines in die Hand. Auch das Geweih eines Rothirschs dürfen sie anfassen, das ist im Vergleich deutlich schmaler und verästelt. Beiden dient es zum Kämpfen und um Dominanz zu demonstrieren.

Und im Wildpark hat das ausladende Geweih der Männchen für die Weibchen einen angenehmen Nebeneffekt: Man hat bei den Damhirschen, zu denen es bei dem Ausflug zuerst geht, ein „Hochzeitsgatter“ errichtet. Dort liegt ein prächtiger Damhirsch auf der Wiese, und die Weibchen können ihn besuchen – wenn sie wollen. Denn mit seinem Geweih kommt der Hirsch nicht durch das Tor des Hochzeitsgatters, während die Weibchen weiterhin hinaus und auf die Besucherwege können: „damit sie ihre Ruhe haben“, erklärt Giebler, vor den aufdringlichen Hirschen: „wenn die Brunft losgeht können die etwas gefährlich werden.“ In der Natur springen die Weibchen einfach weg, im Wildpark gehen sie eben durch das Gatter.

Die zweite Station der Exkursion sind die Rothirsche. Bei denen darf es nur einen Sieger geben. Gibt es zwei Hirsche in einer Gruppe, bekämpfen sie sich, bis der Sieger feststeht – „das kann auch tödlich enden“, weiß Tierpflegerin Giebler. Der Unterlegene darf zwar in der Gruppe bleiben und kann sich vielleicht sogar mit ein paar Weibchen paaren – den uneingeschränkten Anspruch aber hat der Platzhirsch, der quasi frei wählen kann. Und das tut er auch: Aufrecht stolziert er über die Wiese, wittert die Weibchen und folgt ihnen beharrlich. Die Paarungszeit dauert den ganzen Tag, nach der Saison ist quasi jede Hirschkuh begattet. Sie tragen dann über den Winter den Nachwuchs aus, um im nahrungsmittelreichen Frühling zu gebären, erklärt Giebler.

Weibchen müssen Lust haben

Aber: der Platzhirsch hat eben auch nicht „frei Schuss“, so die Tierpflegerin: „Die Weibchen müssen ja auch Lust haben.“ Das Röhren des Platzhirschs ist einmal ein Lockruf zur Paarung, wird aber auch bei Zurückweisung aus Frustration ausgestoßen, lacht Giebler. Und aus diesem Grund hört man es an diesem Abend auch noch einige Male: die Hirschkühe finden wohl die Maiskörner deutlich attraktiver, mit denen sie die Wildparkbesucher füttern und laufen vor den Avancen des Platzhirsches davon. Dieser hingegen stellt in der Brunftzeit das Fressen fast völlig ein und nimmt mehrere Kilo ab, um sich auf die Zeugung von Nachwuchs zu konzentrieren. „Das ist, wie wenn ihr in der Pause eure Schulbrote nicht esst, weil ihr die ganze Zeit spielen wollt“, erklärt eine Mutter ihrem Kind.

Selbstbewusste Weibchen sieht man an diesem Abend also, die sich vom selbstherrlichen Herumstolzieren des Hirsches nicht so leicht beeindrucken lassen und sehr viele faszinierte Besucher, die zum Teil schon ihren nächsten Besuch im Wildparadies planen.

 
 
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