Comedy in Bönnigheim Eine Gosch wie ein Schwert

Von Dietmar Bastian
Helga Becker führt in der Fassdaube auf unvergleichliche Weise in die Lust des Weintrinkens ein. Foto: Andreas Essig

Helga Becker alias Frau Nägele macht eine Weinprobe in derb„Fassdaube“.

„Ein Leben ohne Wein ist möglich – aber völlig witzlos“, doziert Helga Becker alias Frau Nägele, selbst ernannte „Fachfrau für Wein und Lachkultur (FWLK)“, die sich ihr „immenses Weinwissen sauber angetrunken“ hat. Kaum steht die knitze Schwäbin aus Murr in der „Fassdaube“ in Bönnigheim hat sie die 80 Gäste auf ihrer Seite.

Sie entkorkt Gag um Gag: „Weintrinken ist nichts anderes als eine intergutturale Schluckimpfung“, „Was du heute kannst entkorken, des verschiebe nicht auf morgen“, „Wo früher meine Leber war, ist heute meine Minibar.“

Mit todernster Miene und breitestem Dialekt zitiert sie „medizinische Studien“: „Wer lang sauft, wird lang alt.“ „Zwei Viertele decket den Tagesbedarf an Mineralien – zumindest an guter Laune.“ Auch die Chirurgie bleibt nicht verschont: Ein weinseliger Operateur beruhigt seinen Patienten mit den Worten: „I han die OP scho dreißigmol gmacht – irgendwann wird se scho klappa.“

Kongeniale Mischung aus Kellerführung und Lachkrampf

Das Konzept „Betreutes Trinken mit dem Weinzahn Frau Nägele“ erweist sich als kongeniale Mischung aus Kellerführung und Lachkrampf. Perfekter Spielort: die Weinkellerei Kölle, deren „Fassdaube“ mit 80 Sitzplätzen seit sechs Wochen ausverkauft ist. Zum deftigen Vesper mit Leber-, Griebenwurst, Lachs, Landjäger und Bauernbrot fließen Secco, Muskateller, Lemberger, Samtrot, Blanc de Noir, Muskattrollinger – kurz: Alles, was im Glas einen Schatten wirft.

Um die Fahrtüchtigkeit der Gäste musste man sich glücklicherweise keine Sorgen machen, denn sie kamen so gut wie alle direkt aus Bönnigheim. Zwischen den Proben gibt Frau Nägele Geschichten aus dem Wengerter-Leben zum Besten.

Etwa von einem liebeshungrigen Pärchen, das unterm Bulldog versteckt „die Kupplung inspizieren“ wollte – bis ein überraschend auftauchender Ackerbesitzer trocken feststellt: „Hättet Ihr besser d’Bremsä inspiziert – euer Bulldog steht nämlich uff meim Acker.“

Während Seniorchef Heinz Kölle und Tochter Svenja die Weine erklären, funkt die schlagfertige Frau Nägele dazwischen: „Schwenka han i gsagt – net schleuderä!“ Und die Juniorchefin unterbricht sie bei der Erklärung ihres Blanc de Noir: „Bevor dr Abgang kommt, ischer schon gschluckt.“

Spontanwitz verknotet

die Zungen der Zuschauer

Und zum Publikum, in dem auffallend viele reifere SUV-Piloten sitzen: „Je älter der Sack, desto edler der Lack.“ Der Klassiker aus der Apotheke darf natürlich auch nicht fehlen: Einer dieser älteren Weintrinker habe seine immer keifende Ehefrau loswerden wollen, sei in die Apotheke gegangen, um Zyankali zu besorgen. „Des gibt’s bloß uff Rezept“, sagte der Apotheker, woraufhin der Geplagte ein Foto seiner Frau zeigt. Antwort des Apothekers: „Ha no, des gilt.“

In der Pause sammelt die Bühnen-Einzelkämpferin schwäbische Lieblingswörter ein, lässt mit viel Spontanwitz die Zungen verknoten, die Gäste improvisieren und die Stimmung endgültig überlaufen. Das ist wirklich „urglatt“, wie der Schwabe sagt. Nach zweieinhalb Stunden ist allen klar: Diese Frau hat nicht nur Wein im Blut – sondern a Gosch wie a Schwert: scharf, schnell und brandgefährlich.

Das Programm des Bönnigheimer Vereins Kulturfenster in dessen Jubiläumsjahr 2026 sollte man im Blick behalten – wie auch die Wengerter-Familie Kölle, die 2021 ihre traditionelle Weinkellerei um eine neue Vinothek und die rustikale Weinstube „Fassdaube“ erweitert hat. Dietmar Bastian

 
 
- Anzeige -