Containern in Bietigheim-Bissingen Hit zeigt Lebensmittelretterin an

Von Heidi Vogelhuber
Petra Frey setzt sich dafür ein, dass hochwertige Lebensmittel nicht vernichtet werden. Der Hit-Markt im Mühlwiesencenter in Bietigheim-Bissingen hat nun aber Anzeige gegen sie erstattet. Foto: /Martin Kalb

Petra Frey und ihre lokale Initiative „Zu gut für die Tonne“ setzen sich für die Rettung von Lebensmitteln ein. Nun jedoch wurde die Bissingerin vom Hit in Bietigheim angezeigt. Die Polizei ermittelt.

Petra Frey sieht man stets mit dem Fahrrad durchs Stadtgebiet radeln. Dabei hat die Bissingerin zumeist ihren Rucksack auf dem Rücken, denn die 61-Jährige hat oft Ware zu transportieren. Petra Frey ist Pfarrerin in Kleiningersheim. Neben ihrer Arbeit für und mit Menschen hat sie noch ein anderes Anliegen, das ihr am Herzen liegt: Lebensmittelrettung.

Letzte Woche erst hätten sich 190 Staaten bei der Weltklimakonferenz darum bemüht, Beschlüsse zu treffen, die noch schlimmere Klimafolgeschäden verhindern sollen, „derweil werden in Bietigheim-Bissingen weiterhin gut genießbare Lebensmittel in großer Menge vernichtet“, sagt Petra Frey im Gespräch mit der BZ. Seit Jahren engagiert sich die Pfarrerin für die Rettung von Lebensmitteln.

Lokale Initiative gegründet

2020 hat sie die lokale Initiative „Zu gut für die Tonne“ gegründet. Professionell hat sich die Initiative an verschiedene Unternehmen gewandt und Abmachungen getroffen, Lebensmittel, die nicht an die Tafel gespendet werden können, abzuholen und unkompliziert zu verteilen, anstatt sie in die Mülltonne zu werfen. Durchschnittlich retten die Engagierten nach eigenen Angaben täglich etwa 50 Kilogramm Lebensmittel. Bei der Verteilung achte man auf kurze Wege, es gebe Gruppen in Bissingen, Bietigheim, Ingersheim. „Zumeist werden die gewünschten Lebensmittel zu Fuß oder mit dem Rad abgeholt“, sagt Frey. Die Waren gehen über verschiedene Verteilerkanäle an unterschiedliche Empfänger – „ob bedürftig oder nicht, spielt keine Rolle. Es geht darum, die Lebensmittel nicht zu verschwenden.“ Großfamilien, Flüchtlinge, Rentner seien oft dabei. Prinzipiell jedoch jeder, der wolle.

Vor zwei Wochen wurde Anzeige gegen die Lebensmittelaktivistin erstattet. Kläger ist der Hit-Markt im Mühlwiesencenter in Bietigheim-Bissingen. Frey berichtet, dass sie am 13. Oktober dabei erwischt wurde, einen Milchkarton aus der Tonne genommen zu haben. Der Filialleiter sprach ihr ein Verbot aus, das Grundstück zu betreten. Nach einem erneuten Versuch vor zwei Wochen, Waren aus der Tonne zu retten, rief er die Polizei und erstattete Anzeige.

Mehrfach habe Frey seit 2020 versucht, einen Kontakt zu Hit herzustellen. Erst im Oktober 2021 habe sie von der Zentrale in Siegburg eine Antwort erhalten, worin die EU-Verordnung zur Umverteilung von Lebensmitteln zitiert wurde. Die Aktivistin sieht sich bestätigt, dass die Waren weitergegeben werden können. „Seien wir ehrlich: Niemand wühlt gerne in einer Tonne. Wenn ein Joghurt darin ausgelaufen ist, sind die Verpackungen beschmutzt. Wir wollen gerne eine Kooperation mit dem Hit-Markt, wie wir sie ja auch schon mit anderen kleinen und großen Geschäften haben.“ Eben dieser Laden sei ihr so wichtig, weil er viele sehr hochwertige Bio- und Demeterprodukte führe, die zum Teil in der Tonne landen. Oftmals mit gültigem Mindesthaltbarkeitsdatum. Besagte Milchtüte etwa habe am 13. Oktober in der Tonne gelegen, sei aber noch bis mindestens 29. Oktober laut Aufdruck gut gewesen. „Das MHD sagt, wie lange mindestens der Inhalt gut genießbar ist. Das MHD ist kein Vernichtungsdatum. Viele Lebensmittel sind noch Monate oder gar Jahre über das MHD hinaus gut. Der Mensch kann ja zum Glück sehen, riechen und schmecken“, verurteilt Frey die Verschwendung von Ressourcen.

Sie verstehe, dass die Produkte wegen eingedellter Verpackungen oder Ähnlichem nicht mehr verkauft werden könnten. Auch Sommer-Editionen von Pralinen ließen sich im Winter schlecht verkaufen. Genießbar seien sie aber noch allemal. Ihr gehe es um die Nachhaltigkeit und das schreibe sich schließlich auch die Dohle-Handelsgruppe, die die Hit-Märkte betreibe, auf die Fahne. „Gemeinsam handeln, Nachhaltigkeit liegt uns am Herzen“ ist auf der Homepage des Geschäfts zu lesen.

Das sagt die Hit Handelsgruppe

Auf Anfrage der BZ erklärt die Hit Handelsgruppe: „Wie in allen Standorten der Dohle Handelsgruppe arbeiten wir auch im Hit-Markt in Bietigheim-Bissingen seit fünf Jahren mit der lokalen Tafel Bietigheim-Bissingen intensiv und erfolgreich zusammen.“ Die Tafel komme dreimal die Woche, Montag, Mittwoch und Freitag, in den Markt und übernehme dort die Lebensmittel, die nicht mehr verkaufsfähig, aber weitergabefähig seien, um diese einem sozialen Zweck zuzuführen. Soziale Projekte im Bereich der Förderung benachteiligter Jugendlichen und junger Erwachsenen sowie Umwelt- und Naturschutz würden von dem Unternehmen unterstützt.

Was mit den Lebensmittel geschehe, die nicht an die Tafel weitergegeben werden, also jenen, die Petra Frey und ihre Mitstreiterinnen aus den Tonnen ziehen? „Grundsätzlich versuchen wir, alle Lebensmittel an die Tafel zu übergeben, ausgenommen hiervon sind Artikel, deren einwandfreie Beschaffenheit in Frage steht, sei es, dass durch aufgerissene Verpackungen oder unterbrochenen Kühlketten mikrobiologische Probleme entstehen können oder die Produkte einem Warenrückruf unterliegen“, teilt das Unternehmen mit. Diese Produkte würden fachgerecht entsorgt und teilweise weiterverarbeitet, beispielsweise würden aus den Resten Dünger hergestellt.

Petra Frey will sich nicht streiten, sagt sie. Und doch liege ihr die Rettung der Lebensmittel so am Herzen, dass sie bereit sei, vor Gericht zu ziehen. Hit allerdings auch. Wie das Unternehmen jedoch gegenüber der BZ mitteilt, könne es sich vorstellen, die Klage zurückzuziehen, „wenn sich Frau Frey dazu bereit erklärt, die Entnahme und Weitergabe von Produkten, die (...) ein haftungsrechtliches Risiko für Hit darstellen, einzustellen.“ Das Unternehmen versuche, alle Lebensmittel sinnvoll zum Einsatz zu bringen. Die Produkte, die in der Tonne landen, seien nicht mehr problemlos verwendbar. „Vor diesem Hintergrund ist eine Zusammenarbeit nicht vorstellbar“, so die Hit Handelsgruppe.

Das jedoch ist für die Initiative „Zu gut für die Tonne“ kein Argument, schließlich unterschreibe jeder, der beim Kooperationspartner Lebensmittel abhole, eine Haftungsausschlusserklärung, sodass das Geschäft nicht für etwa verdorbene Lebensmittel haftbar gemacht werden könne.

Die Polizei ermittelt

Wie Yvonne Schächtele vom Polizeipräsidium Ludwigsburg mitteilt, liegt gegen Petra Frey einerseits eine Anzeige gegen Diebstahls vor und andererseits wegen Hausfriedensbruch, da Hit sie mehrfach aufgefordert habe, dem Grundstück fernzubleiben. Der Polizeiposten Bietigheim-Bissingen habe die Ermittlungen aufgenommen, die an die Staatsanwaltschaft weitergereicht werden. Sollte Hit die Anzeige zurückziehen, könne ein dementsprechender Vermerk angeheftet werden. Der Fall lande aber in jedem Fall bei der Staatsanwaltschaft. Eine Geld- oder Freiheitsstrafe sind mögliche Konsequenzen.

Containern und die Rechtslage

Nach dem
deutschen Abfallrecht gehört der Inhalt von Containern bis zur Abholung des zuständigen Abfallentsorgers dem Eigentümer. Danach gehört er dem Entsorgungsunternehmen. Es handelt sich rechtlich gesehen also nicht um eine herrenlose Sache, derer man sich aneignen darf, daher liegt Diebstahl vor.

Schon oft
wurden Fälle von Containern vor Gericht und sogar schon vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt. Zumeist wurden die Verfahren eingestellt, da die Supermärkte den Strafantrag zurückzogen.

2019 stellte
Die Linke im Bundestag einen Antrag, das Containern von Lebensmitteln zu entkriminalisieren. Der Antrag wurde 2021 jedoch abgelehnt.

In der Schweiz
etwa ist Containern geduldet, sofern dafür keine Straftat (wie Einbruch) begangen wird. Im kanadischen Montreal ist Containern legal und auch tagsüber gängig. 

 
 
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