Coronavirus: Landrat Dietmar Allgaier zieht ein erstes Fazit für den Kreis Der Umgang mit der Krise

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Landrat Dietmar Allgaier will sich für eine Stärkung der Gesundheitsämter einsetzen.⇥ Foto: Helmut Pangerl

Landrat Dietmar Allgaier zieht ein erstes Fazit zu den vergangenen Monaten – über die Situation am Gesundheitsamt, die Digitalisierung an den Schulen und die künftige Krisenvorbereitung.

Was lief gut, wo muss nachgebessert werden und wie krisenfest ist der Landkreis? Landrat Dietmar Allgaier zieht ein erstes Fazit zur Corona-Krise.

Wie haben Sie persönlich die Krise als neuer Landrat erlebt, Herr Allgaier?

Dietmar Allgaier: Ich werde nie von meinen ersten hundert Tagen im Amt sprechen, sondern von zweimal 50 Tagen: Die erste Hälfte verlief noch ziemlich normal, ich konnte noch Termine im Landkreis wahrnehmen. Nach dem Lockdown war das natürlich völlig anders, weil keine Außentermine mehr stattgefunden haben. Ich war stark in die Entscheidungen rund um das Thema Corona eingebunden. Wenn ich da was Positives für mich ableiten würde, würde ich sagen, dass ich dadurch die Möglichkeit bekommen habe, das Landratsamt und die Mitarbeiter näher kennenzulernen. Da ich ständig im Haus war, habe ich sehr viel mitbekommen von den Prozessen, Strukturen, Abläufen und Menschen.

Während einer Krise lernt man alles sehr intensiv kennen – das Positive wie das Negative. Wie lautet ihr Fazit?

Neben vielen Fachbereichen, die in dieser Krisensituation hervorragend funktioniert haben, fand ich den Schub für die Digitalisierung positiv. Wir haben kurzfristig 500 Homeoffice-Arbeitsplätze eingerichtet. Aber man erkennt auch Defizite in Prozessen und Strukturen. Wir beginnen gerade mit der Bewertung. Das ist mir sehr wichtig, bevor wir zum Tagesgeschäft zurückkehren. Wir wollen in den Bereichen eine Optimierung angehen, in denen es nicht rund lief.

Was heißt das konkret?

Wir haben beispielsweise in unserem öffentlichen Gesundheitsdienst einen erheblichen organisatorischen Weiterentwicklungsbedarf. Die Gesundheitsämter sind personell völlig unterbesetzt, weil sie Probleme  bei der Personalgewinnung haben. Die finanzielle Attraktivität des öffentlichen Gesundheitsdienstes kann bei weitem nicht mit dem Gehaltsniveau in Kliniken oder Privatpraxen mithalten. Ich glaube auch, dass der durchaus interessante und vielseitige Bereich ein Imageproblem hat.

Wie sind Sie damit während der Krise umgegangen?

Ende März haben wir den Verwaltungsstab eingerichtet – eine Organisationseinheit für Krisensituationen. Sie ist bis dahin bei uns Landkreis noch nie einberufen worden. Ab diesem Zeitpunkt haben wir alle nötigen Entscheidungen bündeln und auch die Kommunikation in alle Richtungen optimieren können. Wir haben unser Gesundheitsamt außerdem massiv mit Personal aus anderen Bereichen des Landratsamts verstärkt, auch um Ärzte und Mediziner von organisatorischen Dingen zu entlasten.

Wie sah die Zusammenarbeit mit den Kommunen aus?

Anders als in anderen Landkreisen haben wir die Nachverfolgung der Kontaktpersonen an die Ordnungsämter der 39 Städte und Gemeinden abgeben können. Normalerweise wäre das auch die Zuständigkeit des Gesundheitsamtes. Auch wenn wir diesen Aufgabenbereich jetzt zum 1. Juli wieder zurücknehmen, war das in der Hochphase der Pandemie für uns eine große Entlastung.

Wie wollen Sie das Gesundheitsamt stärken – da hat doch das Land ein Wörtchen mitzureden?

Ja, deshalb haben wir, die Landräte aus den Landkreisen der Region Stuttgart – also Esslingen, Böblingen, Rems-Murr, Göppingen und Ludwigsburg – uns dazu entschieden, auf jeden Fall eine Initiative an das Sozialministerium heranzutragen, um auf das Thema aufmerksam zu machen.

Welches Ziel wird die Initiative haben?

Wir werden uns auf jeden Fall für die personelle Stärkung der Gesundheitsämter im öffentlichen Dienst aussprechen. Das Ziel muss auch ein besseres Personalnutzungskonzept sein. Aus meiner Sicht braucht es auch ein Image-Konzept, weil es die fertigen Medizinstudenten nicht gleich im ersten Schritt in die örtlichen Gesundheitsämter drängt. Alles hängt natürlich auch mit der Besoldung zusammen. Meiner Meinung hat gerade auch die Krise gezeigt, dass bestimmte Tätigkeiten in den Gesundheitsämtern nicht zwingend von Ärzten geleistet werden müssen, sondern zum Beispiel auch von Biologen oder Gesundheitsingenieuren erledigt werden können. Auf jeden Fall werden wir konkrete Vorschläge unterbreiten.

Apropos Defizite: Die Verteilung von Masken und Schutzausrüstungen lief ja am Anfang schleppend…

Ja, die Schutzausrüstung war am Anfang Mangelware. Wir konnten uns nicht auf das verlassen, was letztlich vom Land geliefert wurde. Deshalb sind wir da selbst tätig geworden und haben auch auf persönliche Kontakte zurückgegriffen. Wir haben Schutzausrüstung aus Deutschland, aber auch aus dem Ausland, zum Beispiel China, beschafft. Und wir hatten natürlich auch Zuteilungen über das Land, aber erst relative spät.

Ich finde es toll, dass es auch Unternehmer gab, die gesagt haben, wir stellen unsere Produktion um. Ich denke, dass man die Lehre schon ziehen muss,  dass man so etwas wie Schutzausrüstungen national vorhalten muss.

Wie zeitkritisch war es denn mit den Masken im Kreis rückblickend?

In der Hochphase im März war es fünf vor zwölf. Da wurde mir von der Klinikleitung gesagt, wenn wir jetzt nicht irgendwie in den nächsten Tagen eine Lösung finden, dann haben wir keine mehr. Bund, Land, Kommunen und Landkreise haben es da gerade noch rechtzeitig geschafft, gemeinsam das entsprechende Material zu beschaffen.

Wie weit war der Landkreis in den vergangenen Monaten denn von einer dramatischen Situation wie zum Beispiel in Italien entfernt?

Von dramatischen Bildern wie aus der Provincia di Bergamo, zu der wir als Landkreis eine enge Freundschaft pflegen, waren wir weit entfernt. Wir standen zu unseren Freunden in engem Kontakt auch während der Hochphase der Pandemie. Aber man muss ehrlicherweise sagen, dass wir in unseren Kliniken zeitweise schon über 60 oder 70 stationäre Aufnahmen von Corona-Infizierten hatten, von denen deutlich über 40 Patienten beatmet werden mussten. Aber darunter waren auch Patienten aus anderen Gegenden und Regionen.

Wie hat sich der Landkreis bisher auf Krisen vorbereitet.

Das spielen wir in ganz vielen Bereichen zumindest theoretisch immer wieder durch – wenn ein Zugunglück, Feuer oder ein Flugzeugabsturz über den Landkreis hereinbrechen würde. Das sind Ereignisse, mit denen man rechnen muss und für die es Krisenpläne gibt, die immer weiterentwickelt werden. Dass es auch beim Infektionsschutz eine solche dramatische Krise geben kann, werden wir künftig auf allen Ebenen berücksichtigen.

Stichwort Digitalisierung: Sie haben sich dafür ausgesprochen, Schüler besser auszustatten im Hinblick auf den Unterricht während der Krise. Wie wollen Sie das umsetzen?

Der Landkreis ist Schulträger bei den beruflichen Schulen und sonderpädagogischen Bildungseinrichtungen. Wir vom Landratsamt wollen das Thema Digitalisierung ohnehin völlig neu aufstellen. Aus meiner Sicht bedarf es auch einer Fortschreibung oder auch vielleicht in einzelnen Schulen einer völlig neuen Medien-Entwicklungsplanung, damit wir künftig die Schülerinnen und Schüler an unseren Schulen wirklich auch gut ausstatten können und sie so lernfähig bleiben.

Eines hat die Krise gezeigt: Wir müssen das digitale Lernen viel stärker in den Blick nehmen. Viele Schüler haben zu Hause gelernt und gearbeitet. Aber von der Krise waren natürlich auch Familien betroffen, die technisch keine so gute Infrastruktur haben, wo es am WLAN oder am Breitbandanschluss fehlt. Deshalb wollen wir das Thema Medienentwicklung in den Schulen in unseren ohnehin schon laufenden Prozess aufnehmen. Bis Herbst wollen wir da auch einen Plan vorstellen. Das betrifft natürlich auch das Land Baden-Württemberg. In den nächsten Tagen, wenn der Landkreistag bei uns tagt, werde ich mit der Kultusministerin darüber sprechen.

1809 Infizierte im Kreis – sind Sie im Landratsamt schon zum Alltag zurückgekehrt?

Wir arbeiten am Öffnungskonzept für unser Haus. Aber wir sind natürlich trotzdem auf eine zweite Welle vorbereitet. Die Epidemiologen und Virologen gehen davon aus, dass sie im Herbst kommen wird. Die Frage wird nur sein, in welchem Umfang und in welcher Größenordnung. Und das hängt stark davon ab, wie vernünftig unsere Gesellschaft bleibt, auch wenn jetzt in den nächsten Wochen und Monaten die Reisetätigkeit wieder losgeht. Trotz aller Lockerungen sollten man weiterhin auf die Einhaltung des Sicherheitsabstands achten, Mundschutz tragen und größere Menschenansammlungen meiden.

Wie wird sich der Einsatz der Corona-App nun auf die Arbeit des Gesundheitsamtes auswirken?

Ab ersten Juli werden wir das Ansprechen der Kontaktpersonen von Infizierten wieder von den Gemeinden zu uns zurückverlagern. Bei uns wird es nach wie vor die Hotline geben. Wenn man die App heruntergeladen hat und Kontakt zu Infizierten hatte, kann man sich an das Gesundheitsamt oder die niedergelassenen Ärzte wenden, um einen Abstrich machen zu lassen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
 
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