Daniel Seybold aus Bönnigheim fotografierte Industriegebäude in Detroit und Belgrad Detroit, Belgrad und zurück

Von Gabriele Szczegulski
Daniel Seybold wurde für seine Industriefotografie in Detroit und München ausgezeichnet, hier mit einem Foto von einer ehemaligen Zugfabrik bei Belgrad, deren Inventar nun von einer Treuhandgesellschaft verscherbelt wurde. Foto: Martin Kalb

Nach 16 Jahren in den USA ist der Fotograf Daniel Seybold in seine Geburtsstadt zurückgekehrt. Seine Fotografien verlassener Industriebrachen haben für Furore gesorgt.

Verlassene Fabrikhallen, marode Gebäude, leere Hallen, zerstörte Maschinen, ausgelaugte und enttäuschte Arbeiter: Der Bönnigheimer Fotograf Daniel Seybold interessiert sich für verfallene Zeugnisse der Industriegeschichte, die er in seinen Fotografien zu neuem, künstlerischen Leben erhöht. Damit macht er auf die Vergänglichkeit der Industrialisierung aufmerksam und  zieht den Fokus auf die Gebäude, die einmal Industriegeschichte schrieben und nun vom Untergang berichten.

Fotos mit Cher und Bill Clinton

Begonnen mit dem Fotografieren von leerstehenden Industriegebäuden hat der 51-Jährige während seiner Zeit in der US-amerikanischen Autostadt Detroit, wo er 16 Jahre lang lebte. Dort hat er auch Fotografie studiert und ein Studio für Werbefotografie geführt sowie Kurse an der Hochschule für Fotografie in Detroit gegeben. Seine letzten beiden Aufträge, so erinnert sich Seybold im Gespräch mit der BZ, bevor er 2017 wieder nach Bönnigheim zog, waren Fotos der Sängerin Cher und des Politikers Bill Clinton. „Ich habe von ihnen direkte Porträts gemacht, das heißt, außer den beiden war nur ich im Studio“, erzählt Seybold.

Seine wahre Leidenschaft ist die analoge Fotografie, nicht die digitale Werbefotografie, der Brotjob. Seine Passion ist es, mit Planfilm zu arbeiten. Planfilm ist ein Film in Blättern, der nicht gerollt wird. Er wird in Großformatkameras genutzt unter Verwendung einer Planfilmkassette. Die Abzüge sind mindestens 1,5 Meter im Durchschnitt groß.

Während Seybold in Detroit lebte, bemerkte er, dass ein Großteil der Stadt aus alten Fabrikgebäuden besteht, die nun, auch aufgrund der Automatisierung der Fabrikation, leer stehen, zerfallen und dem Vergessen anheim fallen. Seybold begann, sie zu fotografieren. Seine Ausstellungen in Detroit und vier Fotobücher machten ihn bekannt und auch auf die Gebäude aufmerksam. „Es wurde eine Entwicklung eingeläutet in Detroit, die alten Gebäude neuem Nutzen zuzuführen oder sie in Wohnraum umzuwandeln“, sagt er.

Bei Aufenthalten in Serbien, von wo seine Eltern Anfang der 1960er-Jahre nach Deutschland auswanderten, viel ihm auf, dass auch die serbische Hauptstadt Belgrad und die Umgebung ähnliche Industriebrachen aufwiesen wie Detroit. „Ich flog von Detroit aus mehrmals nach Belgrad, fuhr dort 20 000 Kilometer durchs ehemalige Jugoslawien und habe die darniederliegende Schwerindustrie fotografiert“, sagt er. Es sei herzergreifend gewesen, zu sehen, wie die Schwerindustrie, die eine der wirtschaftlichen Säulen des sozialistischen Jugoslawiens war, zerfällt. „Treuhänder verscherbeln das Inventar und lassen die Arbeiter für eine Kantinenmarke arbeiten, dann verschwinden sie mit dem Geld“, sagt er. Er habe niederschmetternde Geschichten gehört, von den Menschen dort, deren Leben, wie das der Fabriken, „ausgebeint“ worden sei. 800 großformatige Planfotos hat er davon gemacht. Er wurde für die größte serbische Tageszeitung interviewt und von einem TV-Sender. Folge war, dass er in den „Schandflecken des Landes“ fotografieren durfte. „Ich maße mir nicht an, dass durch mein Fotografieren ein Umdenken stattfindet, aber vielleicht kann ich wie in Detroit den Finger etwas in die Wunde legen“, sagt Seybold.

Sanierung der Schleifmühle

Aber diese Fotos aus der Heimat seiner Eltern hat er noch nicht in großen Ausstellungen, aber einzelne in Galerien gezeigt. Dafür wurde er in München mit einem Fotopreis einer Galerie ausgezeichnet. Aus den Fotos möchte er schon einen Bildband und eine große Ausstellung machen, aber: „Derzeit fehlt mir die Zeit, das vorzubereiten“, denn er und seine Frau Silke renovieren derzeit die alte Schleifmühle zwischen Hohenstein und Bönnigheim, die sie erworben haben.

Der Job seiner Frau bei einer Autofirma war der Grund für die Übersiedlung in die USA und auch 2017 für die Rückkehr nach Bönnigheim. Seybold möchte die Schleifmühle „traditionell, im Stil der Erbauung“ sanieren. Atelier, eine Dunkelkammer und Räume für Foto-Workshops sollen integriert werden. Beim nächsten Tag des offenen Denkmals, so Seybold, will er die Mühle der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Die Schleifmühle ist zwar kein großes Industriegebäude, aber auch vergessene Handwerksbetriebe sind dem Fotografen ein Anliegen. „Das könnte meine nächste Fotografier-Leidenschaft werden“, sagt er.

 
 
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