Der CVJM-Posaunenchor musiziert auf dem Turm Ein Jahr Turmblasen

Von
Die Turmbläser Gudrun Lieb und Paul Hoos stehen stellvertretend für den Posaunenchor des CVJM in Bietigheim. Seit einem Jahr spielen die Mitglieder des Posaunenchors auf dem Kirchturm der Bietigheimer Stadtkirche – am Anfang sogar täglich.⇥ Foto: Bernhard Ritter

Seit einem Jahr bereits stehen Mitglieder des Posaunenchors des CVJM Bietigheim regelmäßig auf dem Kirchturm der Stadtkirche. Sie wollen die Bürger mit ihrer Musik aufmuntern.

Das Turmblasen ist eine alte Tradition – nicht nur in Bietigheim-Bissingen. Der Ursprung findet sich im Mittelalter: Beim sogenannten Abblasen gab es stündliche Signale, später Choräle. 1853 legte der letzte Zunftbläser sein Amt nieder, doch ab dem 19. Jahrhundert wurde die Tradition zunehmend von Posaunenchören wiederbelebt. So auch in Bietigheim-Bissingen, wo es seit einem Jahr wieder Turmbläser auf dem Turm der Stadtkirche gibt.

Gudrun Lieb ist eine davon und ist zudem auch für die Organisation der anderen Bläser zuständig. Gemeinsam mit ihrem Mann Andreas stand sie am 23. März 2020 das erste Mal auf dem Kirchturm, um zu musizieren. „Ich weiß, dass früher jeden Sonntag auf dem Turm gespielt wurde“, sagt sie und ergänzt, dass der Posaunenchor des CVJM Bietigheim schon vor der Pandemie überlegte, die Tradition wieder zum Leben zu erwecken. „Einer meiner Patienten, er war damals um die 80 Jahre alt, erzählte mir, dass er als Kind immer auf den Turm musste“, sagt Gudrun Lieb, die im Pflegedienst arbeitet. Seine Eltern stellten ihn vor die Wahl: Entweder auf dem Turm musizieren oder Schuhe putzen.

So streng geht es im Posaunenchor nicht zu – muss es auch nicht, denn Lieb hatte keinerlei Probleme, Freiwillige fürs Turmblasen zu finden. Schließlich entstand die Idee im gemeinsamen Chat. Anlass war die Verhängung des ersten Lockdowns im März. Damals durften auch kirchliche Veranstaltungen nicht stattfinden. „Es kann doch nicht sein, dass wir nicht mehr präsent sind und die Bevölkerung nichts mehr von uns mitbekommt“, waren damals die Überlegungen der Mitglieder. „Wenn schon alle Türen zu sind, müssen wir doch die Botschaft auf andere Weise herausposaunen“, formuliert es Lieb passend. Ideengeber war Landesbischöfin Margot Käßmann, die in einem Schreiben vorschlug, abends „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen. „Warum spielen wir nicht auf dem Marktplatz?“, war eine Idee des Chors, doch es herrschte Unsicherheit aufgrund der geltenden Abstandsregelungen. Zudem würde eine Genehmigung benötigt werden. Dann eben hoch hinaus.

Die Genehmigung, auf dem Kirchturm zu spielen, erhielt der Posaunenchor von einem ihrer Mitglieder. Bernhard Ritter ist als Pfarrer sozusagen Hausherr, und noch dazu spielt er selbst Posaune. Der Ort stand fest, die Frage nach dem wie oft stellte sich fast gar nicht: „Wenn, dann täglich“, erinnert sich Lieb an das damalige Gespräch. Täglich in jede Himmelsrichtung zwei Lieder – konstant solange wie Corona ist, beschloss der Chor damals, ohne zu ahnen, wie lange uns die Pandemie noch begleiten werde.

An Bläsern fehlt es nicht

Doch der Posaunenchor zog es durch. Die ersten zehn Wochen spielten die Mitglieder im Wechsel jeden Abend Lieder und Choräle auf dem Turm der Stadtkirche. Gudrun und Andreas Lieb machten den Anfang, doch auch die anderen Mitglieder waren und sind engagiert dabei. „Wir haben immer Freiwillige gehabt.“ Das, so Lieb, lag auch am Homeoffice vieler Mitglieder, dennoch sei das Engagement über so einen langen Zeitraum bemerkenswert gewesen. Ab Pfingsten sei es schwieriger geworden, weil durch die Lockerungen auch wieder mehr Verpflichtungen hinzukamen. Die Organisation des Turmblasens wurde dadurch komplizierter, sagt Lieb, dafür durften nun vier Bläser auf den Turm. So reduzierte der Posaunenchor das Turmblasen auf sonntags vor jedem Gottesdienst – dafür eben mit Quartett. Hilfe erhielt der Bietigheimer Posaunenchor von befreundeten Bläsern aus Hohenhaslach sowie von der methodistischen Gemeinde. „So hatten wir eine richtig nette Truppe zusammen, die sich das ganze Jahr über abgewechselt hat.“

Knapp 20 Mitglieder umfasst der Posaunenchor. „Zwei unserer Mitglieder haben jedoch Höhenangst, die können natürlich nicht auf dem Turm spielen.“ Auch der Tubaspieler durfte selbst entscheiden, ob er jeden Sonntag sein schweres Instrument die vielen Stufen hochtrage. „Es steht zwar eine oben im Turm, aber die wurde bestimmt seit 30 Jahren nicht mehr gespielt.“ Das Instrument ist vermutlich ein Überbleibsel der damaligen Tradition des Turmblasens. Auch Jungbläser waren dabei, „die wir damit gut motivieren konnten.“ Denn Probestunden konnten nicht mehr stattfinden. „Es war schön für sie, sie hatten eine Aufgabe und konnten daheim üben“, sagt Gudrun Lieb. Als Laienmusiker fehle es manchmal an der Motivation, wenn die regelmäßigen Proben nicht stattfinden können. „Es war und ist für den Chor eine tolle Sache, weil es uns Zusammenhalt gibt“, sagt Lieb. „Wir sehen das als Auftrag in so einer schwierigen Zeit, in der gerade auch unsere älteren Mitbürger teils gar nicht mehr aus dem Haus gegangen sind.“

Applaus und Lob

Die Rückmeldungen geben ihnen recht: Die Fenster gehen auf, es wird applaudiert, und die Musiker erhalten Lob. „Das stärkt einen, und man weiß, es ist eine wertvolle Arbeit, die wir hier leisten.“ Die Bietigheimer seien sehr angetan, sagt Pfarrer Ritter, „das bekommen wir immer wieder zurückgemeldet.“ So erinnert sich Gudrun Lieb an ein kleines Kind, das am Anfang Woche für Woche mit Mama oder Papa am Marktplatz stand. Der Vater erzählte Lieb, dass das Kind nun nicht mehr zu Bett gebracht werden könne, ohne vorher die Bläser auf dem Kirchturm gesehen und gehört zu haben. „Das war richtig schön.“

So hofft sie, dass die Tradition auch über die Pandemie erhalten bleibe. Bis dahin werden jeden Sonntag und Feiertag Bläser des Posaunenchors CVJM auf dem Turm der Stadtkirche hinauf gehen und dort in jede Himmelsrichtung zwei Stücke spielen.

 
 
- Anzeige -