Isabell Hoffmann ist studierte Politikwissenschaftlerin. Unter der Ägide der neuen Direktorin des Deutsch-Französoschen Instituts (DFI) sollen vor allem Strategien für ein starkes Europa entwickelt und vermittelt werden. „In dieser Periode der multiplen Zeitenwenden ist die Arbeit des DFI relevanter denn je“, sagt sie. Nur durch eine starke Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland könne ein starkes Europa und seine Werte bestehen.
Deutsch-Französisches Institut „Das DFI ist strategischer Vermittler“
Die neue Leiterin des Deutsch-Französischen Instituts (DFI), Isabell Hoffmann, erklärt im Interview, warum die beiden Nationen enger zusammenarbeiten müssen.
Was hat Sie dazu bewogen, sich für die Leitung des DFI zu bewerben?
Isabell Hoffmann: Der deutsch-französische Kontext begleitet mich schon seit Beginn meines beruflichen Lebens. Die beiden Nationen sind für mich die Basis Europas und auch für dieses verantwortlich. Das DFI kann mit seiner Arbeit strategischer Mittler in der Beziehung der beiden Länder sein. Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gestalten die gemeinschaftliche Verantwortung, aber in manchen Situationen muss dem Machen ein Denken vorausgehen, das ist Aufgabe des DFI. Das reizt mich sehr. Die Arbeit des DFI ist gerade jetzt genauso wichtig als 1948, bei seiner Gründung. Damals ist es gelungen, durch die Arbeit des DFI Beziehungen und Freundschaften zu knüpfen und die Partnerschaft aufzubauen.
Wie hat sich das Verhältnis der beiden Nationen verändert?
Die deutsch-französischen Beziehungen sind immer anspruchsvoll, weil sich zwei Länder mit sehr unterschiedlichen politischen Systemen und Reflexen gegenüberstehen. Aber wir waren uns bisher unserer Grundlagen gewiss: Unsere Demokratien liefen stabil, das Wirtschaftsmodell funktionierte, in der EU arbeiteten wir immer enger zusammen. Diese Gewissheit ist gebrochen. Europa war jahrzehntelang stolz auf seine offene Gesellschaft und die offene Wirtschaft. Nun sprechen wir über europäische Souveränität und fragen uns, wie viel Offenheit können wir uns leisten.
Es geht nicht darum, uns zu isolieren, sondern um die Frage, was wir schützen müssen, um handlungsfähig zu bleiben. Siehe Kriege und Energieversorgung. Siehe Digitalisierung und Infrastruktur.
Woher kommt diese Veränderung?
Für alle sichtbar wurden die Veränderungen im Jahr 2016. Vorher
war die europäische Welt scheinbar noch in Ordnung. Dann kam der Brexit und Trumps erste Amtszeit, das veränderte vieles. Europa schien nicht mehr selbstverständlich und zeigte sich angreifbar und schwach. Uns wurde klar: Die USA sind nicht mehr der selbstverständliche Partner. 2020 kam dann die Pandemie. Erst mal haben wir uns alle eingeigelt, bis uns aufgefallen ist, dass das auch keine Lösung ist und wir gemeinsam viel stärker sind bei der Beschaffung und Verteilung von medizinischen Mitteln beispielsweise.
2022 dann begann der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, der deutlich zeigt, dass Europa nicht vor Kriegen geschützt ist und auch nicht gegen einen Aggressor gewappnet ist. Zudem wird der Klimawandel mit Hitze,
Überschwemmungen und Feuersbrünsten immer gefährlicher, aber die Dekarbonisierung stockt weltweit. Im Herbst 2023 wurde das ersten anwenderfreundliche KI-Modell, chat GTP, vorgestellt und wir haben begriffen: Diese Maschinen werden unsere Welt verändern. Heute ist uns klar: Innerhalb von zehn Jahren sind wesentliche Themen verändert worden Wir haben. Wir haben einen aggressiven Nachbarn im Osten Europas, aber die europäischen Verteidigungsmodelle greifen nicht mehr. Zum anderen steigt die Welt von analog auf digital um und wir Europäer bemerken, dass die Infrastruktur dafür nicht uns gehört und wir auf andere Nationen wie die USA oder China angewiesen sind. Das ist ein Bewusstseinsschock und der hat einen politischen Strategiewechsel produziert, wie wir ihn sehr selten erleben.
Wie hat sich dadurch die Arbeit des DFI verändert?
Wir vom DFI müssen die strategische Debatte noch stärker mitführen. Früher war die Begegnung und der Aufbau von Beziehungen zentral. Die Gründung des DFI war 1948 ein hochgradig politisches Kunststück, die beiden Feindesländer zusammen zu bringen. Doch trotz der vielen Begegnungen, trotz der Verbindungen auf politischer Ebene, trotz der vielen deutsch-französischen Netzwerke, trotz der Erklärens- und Wissenssysteme vieler Institutionen wie dem DFI, sind die systemischen Unterschiede nach wie vor groß und treten gerade in der Krise zutage.
Es brauchte deutsch-französische Lösungen bei Themen wie der Finanzierung Europas, oder einer europäischen Verteidigung, einer Erweiterung der EU. In der Formulierung von gemeinsamen Lösungen bleiben heute mehr Lücken. Das DFI forscht in der Lösungsfindung, auch in Details. So haben wir gerade in Zusammenarbeit mit der Wüstenrot-Stiftung eine Studie zur Klimaanpassung in kleinen Kommunen veröffentlicht.
Ist die deutsch-französische Zusammenarbeit essenziell für Europa?
Wir brauchen die Franzosen und die Franzosen brauchen uns und Europa braucht diese beiden starken Partner als Einheit. Beide Nationen haben eine große Verantwortung. Sie müssen innereuropäisch Signale des Zusammenhalts setzen, wo andere Nationen sich abschotten und ihren nationalen Weg gehen wie Italien oder Ungarn. Deutsch-französische Freundschaft und Zusammenarbeit bleiben Herzstück und Kraftzentrum europäischer Politik.
Was kann das DFI tun, um die Situation zu verbessern?
Indem man Wissen über den jeweils anderen ansammelt, viele Themen analysiert und in Vorträgen, Konferenzen, Medienarbeit und in Beziehungen weitergibt. Ganz aktuell bekomme ich viele Interviewanfragen und Einladungen zu Konferenzen. Dabei geht es beispielsweise um die Einschätzung und Einordnung der Präsidentschaftswahlen in Frankreich in einem Jahr.
Und ganz aktuell um die Einordnung der Verurteilung von Marine Le Pen von der rechtspopulistischen Partei Rassemblement National am vergangenen Dienstag. Marine Le Pen möchte trotzdem zur Präsidentschaftswahl 2027 antreten. Eine Wahl einer rechtspopulistischen Politikerin zur französischen Präsidentin hätte unmittelbare Folgen für Deutschland und Europa. Ein Blick in das Wahlprogramm verheißt nichts Gutes. Indem wir vom DFI hierüber informieren und unsere Einschätzung geben, können Sachverhalte geklärt werden und zu Verständnis führen.
We bringt sich das Institut in der Stadt ein?
Ludwigsburg ist nicht nur als Standort wichtig für das DFI sondern auch, weil wir hier ganz praktische Arbeit leisten können. Wir bieten Vorträge und Gespräche an, machen Tagungen und laden Experten ein. Zweimal im Jahr finden zudem große öffentliche Veranstaltungen in Ludwigsburg, bei denen wir die von uns bearbeiteten Themen einer größeren Öffentlichkeit vorstellen.
Nach einem umfassenden Auswahlverfahren haben das Präsidium und der Vorstand Isabell Hoffmann als neue Direktorin des Deutsch-Französischen Instituts (DFI) in Ludwigsburg bestimmt. Isabell Hoffmann übernahm die Leitung zum 2. März. Zuletzt war sie als Senior Expert Europäische Integration bei der Bertelsmann-Stiftung in Berlin tätig und leitete die Plattform für europäische Meinungsforschung, eupinions.
Isabell Hoffmann, geboren 1977, ist Politikwissenschaftlerin. Sie studierte an der Universität des Saarlandes sowie an der renommierten Sciences Po Paris, wo sie 2003 den Master of Public Policy erwarb. Von 2005 bis 2007 war sie Redakteurin im politischen Ressort der Wochenzeitung Die Zeit. Ab 2008 arbeitete sie bei der Bertelsmann-Stiftung zu Fragen der Demokratie in der EU und Legitimität europäischer Politik. Zunächst fokussierte sie auf die Rolle der nationalen Parlamente in der EU, dann auf anti-europäischen Populismus. Ab 2015 baute sie bei der Bertelsmann-Stiftung das Format eupinions – eine Plattform für europäische Meinungsforschung – auf und leitete es. 2021 war sie Mitglied des Beratungsausschusses für die französische EU-Ratspräsidentschaft 2022 unter Europaminister Clément Beaune. Das Europaforum Luzern zeichnete sie 2022 als „Impulsgeberin Europa“ aus.
Das Deutsch-Französische Institut in Ludwigsburg ist seit 1948 in der Förderung der deutsch-französischen Beziehungen in ihrem europäischen Kontext aktiv. Seine wissenschaftliche Expertise wird geschätzt, seine Analysen bereichern die politische Diskussion. Als politisch unabhängiges Kompetenzzentrum fördert es durch Austausche und Begegnungen das Engagement der Zivilgesellschaft. Seit einigen Jahren wird Italien als drittes großes Gründungsmitglied der Europäischen Union in die Arbeit des Deutsch-Französischen Instituts einbezogen.
