Die Bietigheimer Zeitung wird 150 Jahre alt Vom Trompeter zum Boten

Von Wolfgang Gläser
1882 zog der Verlag in das Eckhaus an der Enzbrücke. In dem Gebäude direkt an der Brücke war links die Werkstatt von Theodor Hahl und in der rechten Hälfte die Buchdruckerei mit Verlag des Enz- und Metter-Boten von Carl Spaich. Foto: BZ-Archiv

Die Bietigheimer Zeitung wird 150 Jahre alt. Ihre Gründung fällt in die Zeit Bismarcks, der Deutsch-Französische Krieg war ein Jahr zuvor beendet worden, das Deutsche Kaiserreich proklamiert.

Der erste Impuls für eine eigene Zeitung in Bietigheim ging seinerzeit allerdings von Besigheim aus. Buchdrucker G. Müller kündigt Ende 1871 an, ab 1. Januar 1872 einen „Bietigheimer Anzeiger“ herauszugeben, der in Besigheim gedruckt werde. Im Juli 1872 bietet er dem Bietigheimer Gemeinderat an, amtliche Bekanntmachungen und weitere wichtige Ankündigungen samt Inseraten in seinem „Bietigheimer Anzeiger“ zu veröffentlichen, wozu dieser zustimmt, mit der Auflage, ein Exemplar unentgeltlich zu liefern, das am Rathaus ausgehängt werden soll.

Diese alleinige Position sollte jedoch nicht lange währen. Nur ein halbes Jahr später gründet Robert Ankele mit dem „Trompeter vom Hohen-Asperg“ eine eigene Zeitung in Bietigheim, und zwar am Kronenberg 12, in unmittelbarer Nähe zu dem jetzigen Verlagsgebäude.

Mit diesem Datum beginnt die eigentliche Geschichte der heutigen „Bietigheimer Zeitung“. Im Ratsprotokoll vom 18. Dezember 1872 ist nachzulesen, dass Ankele ersucht, dass auch sein Blatt neben dem „Bietigheimer Anzeiger“ amtliche Bekanntmachungen veröffentlichen darf, was ihm gewährt wurde.

Nur eineinhalb Jahre danach gesteht ihm der Gemeinderat unter bestimmten Auflagen das Alleinveröffentlichungsrecht für die amtlichen Bietigheimer Mitteilungen zu.

Titeländerung

Eine für die weitere Bietigheimer Zeitungsgeschichte wichtige Auflage war im Mai 1874 die Verpflichtung Ankeles zur Umbenennung seines „Trompeters vom Hohen-Asperg“ in „ Metter- und Enz-Bote“ ab 1. Juli 1874. Weshalb die Zeitung ab diesem Datum dann allerdings unter dem Titel „Enz- und Metter-Bote“ erschien, ist historisch nicht mehr nachzuvollziehen. Es ist zu vermuten, dass Buchdrucker Ankele die Reihenfolge der Flüsse im Zeitungsnamen deshalb geändert hat, um eine Verwechslung mit dem in Besigheim erscheinenden „Neckar- und Enz-Bote“ zu vermeiden. Den Zeitungstitel „Enz- und Metter-Bote“, der die Verbundenheit zu Land und Leuten in der Region dokumentierte, sollte die Zeitung knapp ein Jahrhundert lang bis zum Jahre 1972 behalten, wenn auch mit einer mehrjährigen Unterbrechung im Zweiten Weltkrieg.

Wissenswertes aus aller Welt

Ein Beleg für die gute Akzeptanz des „Enz- und Metter-Boten“ bei der Bevölkerung sind sicher die in den Anfangsjahren zunehmenden Erscheinungstermine des vierseitigen Lokalblattes. In den ersten beiden Jahren nach der Gründung erscheint es noch als Wochenblatt, 1874 dann zweimal die Woche und 1882 dreimal wöchentlich. Im redaktionellen Teil der historischen Blätter finden sich an erster Stelle Nachrichten aus dem Deutschen Reich, gefolgt von Auslandsnachrichten (London, Paris, Petersburg, Konstantinopel) und schließlich Meldungen aus der näheren und weiteren Region. Überschriften gibt es seinerzeit noch nicht, es wird jeweils die Ortsbezeichnung und das – meist einige Tage zurückliegende – Datum des Ereignisses an den Textanfang gesetzt.

Die Nachrichtenbeschaffung in diesen Jahren erfolgt anfangs über Postdepeschen, später über den Telegraf; vielfach werden mit Quellenangabe andere in- und ausländische Zeitungen zitiert.

Kuriose Anzeigen

Eine wichtige Informationsquelle für die Bevölkerung ist auch schon in den Anfangsjahren der Anzeigenteil der Zeitung. Meist umfasst er eine halbe bis eine Seite und ist gespickt mit – aus heutiger Sicht – belustigend wirkend formulierten Inseraten. Die Redaktion oder die „Expedition“, der Vertrieb der Zeitung, hat in jenen Jahren auch eine wichtige Mittlerfunktion. Möchte der Inserent einer Wohnungsvermietungsanzeige nicht seinen Namen in der Anzeige nennen, endet das Inserat meist mit dem Nachsatz: „Zu erfragen bei der Redaktion des Blattes.“

Besitzerwechsel und Umzug

Genau zehn Jahre wird der „Enz- und Metter-Bote“ von Robert Ankele herausgegeben. Am 29. Dezember 1882 wechselt er den Besitzer und auch das Verlagshaus. Von der Kronenbergstr. 12 zieht der Betrieb um in die Kronenbergstr. 5, in das Eckhaus an der Enzbrücke. Dieses Gebäude, 1829 von Sägmüller Friedrich Leo erbaut, hatte 1872 der Uhrmacher Louis Hahl zusammen mit dem Tuchmacher Carl Spaich gekauft. Und Spaich ist es, der 1882 von Ankele den „Enz- und Metter-Boten“ erwirbt und als Buchdrucker und Zeitungsverleger neue Verdienstmöglichkeiten sucht, weil die aufkommenden Tuchfabriken die Haustuchmacher an ihren Webstühlen zunehmend verdrängten.

Geschichtsträchtiges Haus

Doch noch einmal zurück zum Haus Kronenbergstr. 5. In der Uhrmacherwerkstatt des Louis Hahl hatte wenige Monate dessen Neffe Ottmar Mergenthaler mitgearbeitet, der einige Jahre später in Amerika die erste voll funktionsfähige Setzmaschine erfinden sollte. Weil sei eine Zeile von Buchstaben (englisch: a line of types) in einem Stück herstellen konnte, wurde sie Linotype genannt. Diese Maschine revolutionierte den damaligen Buch- und Zeitungsdruck, löste sie doch den bislang üblichen Handsatz ab.

Eine aus den fünfziger Jahren stammende Linotype-Setzmaschine können Besucher in der Eingangshalle der BZ besichtigen. Diese Maschine war bis 1978 noch im täglichen Einsatz, mit der Einführung des Fotosatzes hatte sie ausgedient.

Mit großem Erfolg baut Carl Spaich die Buchdruckerei und den Zeitungsverlag in den kommenden Jahrzehnten auf. Die Zeitung erscheint dreimal wöchentlich und hat einen Umfang von durchschnittlich vier Seiten. Gab es außergewöhnlich viel zu berichten, oder war das Anzeigenaufkommen größer als sonst, wurde die Zeitung einfach um ein „Zweites Blatt“ ergänzt. Eines der damals interessanteren Themen war beispielsweise die Anpassung der Bahnuhrzeiten an die Mitteleuropäische Zeit am 1. April 1892. Heute kaum mehr vorstellbar, dass es noch vor rund 100 Jahren eine württembergische, bayerische und badische Zeit gab, die sich teilweise um eine ungerade Zahl von Minuten unterschieden. Bei dieser Umstellung wurde die Stuttgarter Zeit um 23 Minuten vorgestellt, um sie der nun gültigen Mitteleuropäischen Zeit anzupassen.

Nach dem Tode von Carl Spaich folgte am Juli 1907 die Ära der Familie Gläser, die bis heute den Verlag und die Zeitung führt.

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