Die BZ unterwegs mit den neuen Bioscouts „Entspanntes“ Wühlen in der Biotonne

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Foto: Martin Kalb

Seit Kurzem sind die Biomüll-Scouts im Landkreis Ludwigsburg im Einsatz. Sie überprüfen die korrekte Befüllung der braunen Tonnen.

Beherzt greift Tim Krawczyk in eine braune Bio-Tonne, schiebt die vorbildlich in Papier eingewickelte Essensreste beiseite. Er will auch wissen, was sich tiefer verbirgt. Krawczyk ist einer der drei neuen Bioscouts – plus einer Projektleiterin – im Landkreis. Er schaut, ob die braunen Tonnen am Straßenrand korrekt befüllt sind. Anwohner erhalten dann grüne, gelbe und rote Karten.

Ausgestattet mit Handschuhen, Zange, Leuchte, Fotoapparat – und natürlich ihren verschiedenfarbigen Karten – starten die Bioscouts bereits morgens um 6 Uhr mit der Arbeit. Sie durchkämmen die Wohngebiete – auf der Suche nach Biomüll-Sündern. Heute dabei: Die BZ. Gefahndet wird in einem Wohngebiet in Bönnigheim.

Die Sonne brennt bereits am Morgen. Nicht das angenehmste Wetter, um Essensreste und Grünabfälle zu durchkämmen. Bei jeder Tonne, die geöffnet wird, wird ein Schwarm Essigfliegen aufgescheucht. Oft krabbeln Maden die Wände entlang. Krawczyk stört das nicht. „Man ist da relativ schnell abgehärtet. Und es ist ja alles Bio. Ich bin da ziemlich entspannt“, sagt er und fügt nach prüfenden Blicken in die Tonne an: „Die bekommt eine grüne Banderole, alles in Ordnung.“ Noch den Barcode gescannt, und die Tonne kann abgeholt werden.

Im November haben die Bioscouts ihre Arbeit angetreten, zunächst wurde geschult, dann der Starttermin für die Kontrollen coronabedingt verschoben. „Wir wollten eigentlich schon früher anfangen, sind aber dennoch einer der ersten Landkreise in Baden-Württemberg“, sagt Frank Wittmer, Sprecher des Landratsamts. Jede der rund 100 000 Tonnen im Kreis solle jetzt zunächst zweimal kontrolliert werden.

Teure Sonderabfuhr

Eine grüne Banderole bedeutet: „sehr gut“ getrennt und für die Herstellung von Kompost und Biogas geeignet. Gelb heißt „ausreichend“, mit dem Hinweis: „Der Biomüll sollte in Zukunft besser getrennt werden. Dazu gibt es einen Brief mit Infos und Tipps. Rot heißt: „Die Biotonne wurde nicht geleert und ist vorerst gesperrt. Tritt keine Besserung ein, gibt es die dunkelrote Karte. Dann muss der Verursacher eine teure Sonderabfuhr seiner Tonne bezahlen – je nach Größe zwischen 30 und 35 Euro. Die Karten selbst sind übrigens nicht kompostierbar und gehören in den Restmüll. „Das ist ein kleiner Wermutstropfen, aber die Banderolen müssen wetterbeständig sein“, sagt Jochen Mäule, bei der AVL stellvertretender Leiter Ressourcen und Logistik.

Bei den Tonnen der meist Einfamilienhäuser in Bönnigheim gibt es zunächst wenig Auffälliges zu sehen. Der Bioscout hängt fleißig grüne Banderolen an die Tonnen. „Das ist in so einem Gebiet auch nicht anders zu erwarten“, sagt Mäule. Biomüll-Sünder finde man allgemein verstärkt in urbanen Bereichen. „In Mehrfamilienhäusern kommt es vor, dass die Leute ihren Abfall einfach in irgendeine Tonne werfen.“

Auch den klassischen Gebührensparer gebe es natürlich. „Kürzlich hatte ich eine Tonne, da waren Windeln in Zeitungen verpackt. Das ist natürlich Absicht“, sagt der Biomüll-Scout. Denn die Leerung einer 120-Liter-Biotonne kostet dieses Jahr 1,40 Euro (2019: 70 Cent), für eine Restmülltonne derselben Größe werden dagegen 5,31 Euro (2019: 5,11 Euro) fällig. Die verhältnismäßig günstige Biotonne funktioniert aber nur dann, wenn ihr Inhalt auch weiterverwertet werden kann (siehe Infobox).

Gerade als Mäule das Lob an die Bewohner verteilt hat, wartet die erste böse Überraschung des Tages. Die Abfälle sind zwar in der richtigen Tonne gelandet. Allerdings sind sie in eine Plastiktüte eingepackt und zudem noch in eine Mehrweg-Tragetasche gestellt worden. Für Mäule ein klarer Fall: „Da wollte jemand Müll trennen, hat sich aber geekelt und wollte eine Sauerei verhindern.“

Für die Verwertung des Bioguts ist das aber ein Desaster. Dieses wird zunächst zur Stromgewinnung vergärt. Was dabei übrig bleibt, wird als Kompost auf Feldern ausgebracht. Die Tüten machen einen wesentlichen Teil der Störstoffe in den Tonnen aus. Sie werden vor dem Vergärungsprozess zwar aufgerissen und versucht, auszusortieren. Was durchrutscht, landet aber am Ende auf dem Acker – und liegt dort für lange Zeit.

Krawczyk ist gnädig und verteilt „gerade noch so eine gelbe Banderole“, betont aber: „Da hätte man auch rot geben können. Aber wir sind ja noch in der Anfangsphase und wollen die Leute in erster Linie sensibilisieren.“ Dafür, dass sie die Bio-Reste in Papier, zum Beispiel Zeitung oder Bäckertüte, packen und so in die Tonne werfen.

„Sollte viel mehr kontrollieren“

Die Arbeit des Bioscouts wird von den Anwohnern teilweise interessiert verfolgt. „Ich finde das eine sinnvolle Sache, um den Verbraucher zu sensibilisieren. Es sollte noch viel mehr kontrolliert werden“, meint Anwohner Wolfgang Durian. Doch nicht alle reagieren so entspannt. „Hallo, was machen Sie da“, brüllt eine Frau hinter einer hohen Hecke hervor. Krawczyk bleibt gelassen, erklärt, zeigt seinen Ausweis. Und so beruhigt sich die Frau langsam.

Vor einem Mehrfamilienhaus gibt es dagegen Erfreuliches für den Bioscout zu sehen: „Hier war ich in der Testphase schon mehrfach und habe gelbe Zettel drangehängt. Heute ist alles vorbildlich. Es hat also gefruchtet.“

 
 
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