Die Gestapo in Besigheim am Ende des Krieges Kurz vor Ostern die Beweise vernichtet

Von Michael Soltys
Das frühere Kameradschaftshaus in Besigheim beim Bahnhof. Hier wurden ab 1944 Gestapo-Akten aufbewahrt. 1999 wurde es abgerissen.⇥ Foto: privat

Der Besigheimer Ewald Anger rollt einen alten Fall auf: 1945 verbrannte die Gestapo ihre Akten in der Papierfabrik.

Als ehemaliger Polizist ist es Ewald Anger gewohnt, Fragen zu stellen und im Zweifelsfall nachzuhaken. Das kommt dem Ruheständler auch bei einer Aufgabe zu Gute, die ihn immer wieder in die historischen Archive in Ludwigsburg und Stuttgart führt. Für den Besigheimer Geschichtsverein arbeitet er an einem Heft, das sich um die frühere Dienststelle der Gestapo in Besigheim dreht. Im ehemaligen Kameradschaftshaus am Bahnhof, das erst 1999 abgebrochen wurde, hatte die Staatspolizei im Oktober 1943 Quartier bezogen.

Ausgestattet mit dieser Neugier hatte Anger beispielsweise die Geschichte des Gendarmen Karl Hetterich recherchiert, der in Besigheim wenige Tage vor Kriegsende einem Fahnenflüchtigen zur Flucht vor der Gestapo verhalf und Einberufungsbefehle von 16-Jährigen verbrannte (die BZ berichtete). Jetzt ist er wieder auf eine interessante Geschichte gestoßen: Um Beweise zu vernichten, verbrannte die Gestapo vor 77 Jahren, in der Osterwoche 1945, wenige Tage vor Kriegsende, belastende Karteien, Personal- und Sachakten in der Gemmrigheimer Papierfabrik.

Für Anger stellte sich die Frage, wie die Akten überhaupt nach Besigheim kamen? Es waren die zunehmenden Luftangriffe auf Stuttgart, die im Oktober 1943 die Gestapo bewogen hatten, die Akten ins Kameradschaftshaus auszulagern, hat er herausgefunden. Andere Akten landeten später im einstigen Saal der Gaststätte Hirsch. Alle diese Papiere mussten im Frühjahr 1945, als die Front unaufhaltsam näher rückte, wie überall im Deutschen Reich vernichtet werden. Das gelang. Am Abend des 9. April rückten französische Truppen in die Bahnhofsvorstadt ein, die Enz bildete dann für fast zwölf Tage die Frontlinie. Als die Franzosen das Kameradschaftshaus nach dem Einmarsch nutzten, deutete schon nichts mehr auf die Anwesenheit der Gestapo hin.

Jahrzehntelang wurde die Angelegenheit vergessen und verdrängt, bis die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes eine Anzeige erstattete. Das Landeskriminalamt nahm daraufhin die Ermittlungen auf. Ein Fall für Anger: Die Behörden haben sich geändert, die Organisationseinheiten auch, „doch im Kern ist die Arbeit eines Polizisten dieselbe geblieben“, sagt er. Die Ermittlungsakten lagen im Staatsarchiv.

Daraus geht hervor: Wer es hätte wissen müssen, wie die Akten vernicht wurden, war der Verwaltungschef der Stuttgarter Stapo-Leitstelle, Polizeirat und SS-Sturmbannführer Ludwig Strube. Der hatte sich als ranghöchster, in Besigheim nachweisbarer Gestapo-Beamter im August 1944 im seinerzeit relativ neuen Wohngebiet südlich des alten Friedhofs eingemietet. Allerdings war er bereits im Januar 1960 in Bochum verstorben.

Schwierige Suche nach Zeugen

Der zweite wichtige Gewährsmann hatte kurz vor Beginn der Ermittlung einen Schlaganfall bekommen. Es handelte sich um den langjährigen Leiter des ab September 1944 in der Kirchstraße untergebrachten Sachgebietes, Kriminalkommissar Friedrich Reile, möglicherweise ein verlässlicher Zeuge. Er war im Entnazifizierungsverfahren als entlastet eingestuft worden und soll während seiner Dienstzeit sogar Kontakt zu regimekritischen Kreisen gehalten haben. 

„Der einstige Besigheimer Bürgermeister Karl Fuchs hielt sich bei den Ermittlungen zum Thema Gestapo bedeckt“, stellt Anger fest. Er konnte sich bei seiner Befragung partout an keine Namen wesentlicher Akteure erinnern und der Sachverhalt sei ihm gänzlich unbekannt gewesen.

Den Durchbruch brachte erst die Vernehmung eines einstigen Funktionärs der Stuttgarter Stapoleitstelle, der inzwischen im Bereich Tübingen als Regierungsamtmann wieder fest im Sattel saß. Durch ihn wurden zwei weitere Beteiligte an der „Aktenvernichtungsaktion“ bekannt. Beide Herren waren inzwischen wohlbestallte Mitarbeiter bei der Landessparkasse in Stuttgart.

Unstrittiger Sachverhalt

„Die Verantwortlichkeiten wurden zwar munter hin und her geschoben, der Sachverhalt war jedoch nun unstrittig und klar“, so Anger zu den damaligen Ermittlungen. Acht Tage dauerten der Transport und die Vernichtung der Akten in der Gemmrigheimer Papierfabrik. Was dort nicht verbrannt werden konnte, wurde zur Papierfabrik nach Oberlenningen gefahren.

Der mit der Ausführung beauftragte Beamte setzte sich erst am 20. April, dem Tag der Einnahme Besigheims durch die Franzosen, in Richtung Süden ab. Für die einstigen Mitarbeiter der württembergischen Gestapo war die aus ihrer Sicht gelungene Aktion ziemlich bedeutsam, „erleichterte doch eine verschwundene Personalakte den Wiedereintritt in den öffentlichen Dienst“, stellt Anger fest.

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