Die Nacht- und Hochwächter in Besigheim Alle Viertelstunde einmal um den Schochenturm herum

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Der Obere Turm, auch Schochenturm genannt, am Rande der Altstadt von Besigheim nahe Stadttor und Steinhaus. Von hier aus versahen die Hochwächter ihren Dienst.⇥ Foto: Martin Kalb

Gästeführer Ewald Anger hat sich mit den Nacht- und Hochwächtern beschäftigt und möchte seine Erkenntnisse für eine historische Führung verwenden.

Als Stadtführer ist Ewald Anger zur Zeit ohne Beschäftigung. Gerne würde er seine Gäste wieder im Kostüm mit Dreispitz, Halstuch und feinem Rock durch Besigheim führen. So verkleidet, hat er in vergangenen Jahren die Rolle des Vogtes Essich ausgefüllt und mit den Geschichten über den Vogt, der für seine Betrügereien und seinen großen Durst nach Wein und Frauen berühmt und berüchtigt war, für Staunen und Gelächter gesorgt.

Jetzt denkt Anger darüber nach, womöglich in eine andere Rolle zu schlüpfen, in diejenige eines Nachtwächters oder eines Hochwächters, einer besonderen Form des Nachtwächters, der in Besigheim vom Schochenturm aus die Stadt überwachte. Gut vorbereitet ist er allemal. Für das Geschichtsheft des Besigheimer Geschichtsvereins hat er in den Archiven geforscht.

Mit Laterne und Signalhorn

Und diese Geschichte liegt noch gar nicht so lange zurück, hat Ewald Anger herausgefunden. Der Nachtwächter, das ist für viele der Mann im langen dunklen Mantel, ausgerüstet mit Laterne und Signalhorn, bewaffnet mit einer Hellebarde, der durch die dunklen Gassen der Städte und Orte im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit zieht. Doch die Ära des Nachtwächters endete in Besigheim erst 1939, als Eugen Aichinger, der letzte seines Amts, den Job verärgert kündigte.  Schlecht bezahlt, ohne Aussicht auf finanzielle Besserstellung, hatte er sogar ein Viertel seines Dienstmantels selbst bezahlen müssen. Als die Nazis ab Mitte der 30er-Jahre alle Polizeiaufgaben an sich rissen, wurden ihm seine polizeilichen Befugnisse entzogen, eine Uniform musste er ebenso ablegen wie seine Dienstwaffe, der Ärger mit nächtlichen Herumtreibern blieb trotzdem.

Oft schlechter Ruf

Die Arbeit und das soziale Ansehen der Nachtwächter konnte Anger bis ins Jahr 1614 zurückverfolgen, als in Besigheim sechs Männer diesen Dienst versahen. Der bekannte Stundenruf, Feuerschutz, die Kontrolle der Läden und der Schlösser der Stadttore, die Vertreibung verdächtiger Menschen ­ – das alles gehörte zu ihren Pflichten. Im Königreich Württemberg kamen weitere polizeiliche Aufgaben hinzu. In der Stadt genossen Nachtwächter einen schlechten Ruf, es waren wohl oft einfache Leute, die sich ein Zubrot verdienen mussten. Von einem Hochwächter ist bekannt, dass der Gemeinderat ihm zwar 1807 einen neuen Strohsack für sein Bett im Schochenturm aus der Armenkasse bewilligte, „aber nur, weil der alte Strohsack schon 22 Jahre in Gebrauch war“, berichtet Anger.

Friedrich, der erste König von Württemberg, erließ 1808 erstmals  Vorschriften, was ein Nachtwächter zu tun hatte. Er verpflichtete die Städte und Gemeinden in seinem Herrschaftsgebiet, unverzüglich Nachtwächter einzustellen, was aber in Besigheim nicht notwendig war, weil es bereits zwei Nachtwächter gab. Die Hochwächter hatten sich vor allem um den Feuerschutz zu kümmern, was bei dem erhöhten Blick über die Stadt vom Oberen Turm, dem Schochenturm, aus gut zu bewerkstelligen war. Alle Viertelstunde mussten sie den Turm umrunden und Ausschau halten, und zum Beweis, dass sie nicht eingeschlafen waren, mussten sie rufen oder ein Horn blasen.

Seinen Namen hat der Schochenturm von einem seiner Bewohner, einem Original mit Namen Wilhelm Johann Schoch, der am 17. Januar 1895 als Nachfolger des Hochwächters Wilhelm Pfeffer von der Stadt eingestellt wurde. Seinen Dienst versah er 36 Jahre lang, bis er im März 1931 im Alter von 71 Jahren starb.

Lumpen sammeln

Auch Schoch wird schlecht bezahlt worden sein, jedenfalls musste er sein Einkommen aufbessern, indem er Lumpen sammelte. „An Selbstbewusstsein scheint es ihm trotzdem nicht gemangelt zu haben“, berichtet Ewald Anger. Denn jedesmal, wenn er mit seinem Leiterwagen am Rathaus vorbei kam, soll er ganz besonders laut „Lumpen! Lumpen! Lumpen!“ gerufen haben.

Nach dem Tode Schochs wurde der enge Turm die Heimstatt einer siebenköpfigen Familie namens Reuschle, die während der Weltwirtschaftskrise in Not geraten war. Das Ehepaar mit seinen fünf Kindern musste in die enge Wohnung im Turm ziehen und war verpflichtet morgens und abends zu läuten, auf Feuergefahr zu achten und wenn es brannte, die Menschen zu warnen. Wasser musste über eine Winde nach oben gezogen werden, „als Toilette diente eine Blechtonne, die über die Winde abgelassen wurde“, berichtet Anger.

Die Geschichte der Hochwächter in Besigheim endet erst 1961. Danach renovierte der CVJM die Wohnung im Turm, die heute an den Künstler Matthias Gnatzky vermietet ist. Es gibt also genug Geschichten, die Ewald Anger über die Nachtwächter als Gästeführer erzählen könnte. Wenn er nur endlich wieder dürfte.

 
 
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