Die Zahl der Spender steigt auch im Kreis nicht Corona überlagert Organspende-Diskussion

Von Frank Ruppert
Ein gängiger Organspendeausweis. Schon vor 50 Jahren wurde erstmals ein solches Dokument ausgestellt. Corona hat die Diskussion um die Spendenbereitschaft überlagert. ⇥ Foto: Christoph Hardt via www.imago-images.de

Ein Transplantationsbeauftragter aus dem Krankenhaus und ein Betroffenen-Vertreter berichten von aktuellen Herausforderungen.

Vor genau 50 Jahren, am 3. November 1971, wurde in Hamburg der erste deutsche Organspendeausweis ausgestellt. In den letzten Jahren wurde das Thema Organspende immer wieder öffentlich und im Bundestag diskutiert. Neben Skandalen wie das Umgehen von Wartelisten, ging es dabei immer darum, wie man die Spendebereitschaft in Deutschland erhöhen kann. 

 2019 hatte der Bundestag  beschlossen, die Bevölkerung noch intensiver über Organspende zu informieren. In den ersten beiden Monaten 2020 wurden dann etwa doppelt so viele neue Organspende-Ausweise ausgestellt wie in den Vorjahren. Doch dann kehrte sich das Plus wegen Corona langsam ins Minus, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) auf ihrer Jahrestagung kürzlich feststellte. Auch die Zahl der (postmortalen) Organspenden ist gesunken, deutschlandweit um 2 Prozent (von 932 in 2019 auf 913 in 2020, bis Ende September 2021 waren es 707).

Weniger Spenden

Auch im Klinikum Ludwigsburg gibt es nach Auskunft des Transplantationsbeauftragten Alexander Kempf einen Rückgang in diesem Jahr. Erst drei Menschen spendeten nach dem Tod Organe, im Jahr zuvor waren es noch neun. „Das ist aber nicht unbedingt auf Corona zurückzuführen“, sagt der Oberarzt. Schwankungen gebe es immer. In den Jahren zuvor lagen die Zahlen allerdings bei sieben und neun.

Was Kempf aber auch auffällt, ist dass man den Schwung aus der Diskussion zum Organspenden aus 2019 nicht mitnehmen konnte. „Die Leute haben wegen Corona anderes im Kopf“, berichtet er im Hinblick auf die Spendenbereitschaft, die nicht angestiegen ist. Ganz unabhängig von dem Werben für das Organspenden berichtet Kempf aber von den hohen Hürden, die ohnehin vor jeder postmortalen Organspende stehen. 20 bis 30 Fälle kämen pro Jahr herein, bei denen aufgrund der Verletzungen eine Organspende möglich erscheint. „Ein Großteil scheidet schon aus medizinischen Gründen aus“, berichtet der Mediziner. Das bestätigen Zahlen der DSO, wonach deutschlandweit in 47 Prozent der Fälle medizinische Gründe für einen Ausschluss einer Organspende sprechen und 35 Prozent wegen einer fehlenden Einwilligung. „Für Rückschlüsse auf Entwicklungen ist unsere Fallzahl zu gering, aber die letzten drei möglichen Organspender hatten alle einen Ausweis und bei einer Person scheiterte es aus medizinischer Sicht“, sagt Kempf.

Werben ist fast unmöglich

Seit Mitte der 1970er-Jahre hat Josef Theiss aus Bietigheim-Bissingen einen Organspendeausweis. Vor 27 Jahren erhielt er eine neue Leber und wirbt seit Langem für die Organspende. Er sitzt im Bundesvorstand des Vereins Lebertransplantierte Deutschland und berichtet, dass man von rund 200 Infoveranstaltungen 2019 wegen Corona auf fast 0 herunterfahren musste. Auch die Entscheidung des Bundestags gegen eine Widerspruchs- und für die Beibehaltung der Entscheidungslösung mache es nicht leichter die Organspendezahlen zu erhöhen, meint Theiss.

„Corona hat uns die Hände gebunden, aber daran alleine liegt es nicht, dass es nicht mehr Organspender gibt“, sagt Theiss. Seine Hoffnung ruht nun unter anderem auf der für März 2022 angekündigten Einführung eines bundesweiten Registers, in das sich Spendewillige eintragen können. „Ob das allerdings dann auch zeitnah umgesetzt wird, ist die Frage. Wir haben durch die Entscheidungen der Politik so jetzt eine lange Zeit, in der überhaupt keine Aufklärung stattfand“, zieht Theiss ein ernüchterndes Fazit.

Akt der Solidarität

Für ihn ist die Spendebereitschaft ein Akt der Solidarität. Er appelliert deshalb an alle, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und die Familie über die persönliche Entscheidung zu informieren. Nach 50 Jahren Organspendeausweis sei das ein erster wichtiger Schritt, noch vor dem tatsächlichen Dokument. „Was oft vergessen wird, ist, dass man eine Patientenverfügung erstellen sollte und in der steht auch etwas zur Organspende. Das ist fast wichtiger als der Ausweis“, so Theiss. Er hofft, bald wieder über das Thema informieren zu können und hat auch die Hoffnung auf die Einführung einer Widerspruchslösung noch nicht aufgegeben. Gerade habe die Politik aber andere Themen im Kopf, so Theiss.

 
 
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