Ein Fazit: Tempo 30 in Kirchheim Tempo 30 freut die Bewohner und ärgert die Pendler

Von Uwe Deecke
Durch ganz Kirchheim gilt seit Sommer 2020 Tempo 30. Deshalb bildet sich in der Hauptstraße zu den Stoßzeiten zähflüssiger Verkehr oder Stau. Aber den Anwohnern geht es nun besser.⇥ Foto: Helmut Pangerl

Seit dem Spätsommer 2020 gilt die Geschwindigkeitsbegrenzung, nach langem Ringen um mehr Sicherheit und Lebensqualität.

Es war ein langer Weg dahin: In Workshops, vielen Sitzungen des Gemeinderats und anhand von Verkehrsgutachten wurde abgewogen, welche Vor- und Nachteile Tempo 30 haben würde. Dass der Schleichverkehr durch Kirchheim zunehmen würde, war allen klar, doch man entschied sich dennoch am Ende dafür.

Kirchheim, das betont Bürgermeister Uwe Seibold stets, sei die einzige Kommune zwischen Heilbronn und Ludwigsburg, die von der viel befahrenen B 27 praktisch durchschnitten wird. Und das bei einem Verkehrsaufkommen von über 20 000 Fahrzeugen am Tag, die meist den Weg zur Autobahn suchen. Dabei hätten sich die Verkehrsströme verändert, ist der Kirchheimer Bürgermeister überzeugt. Nicht mehr von Nord nach Süd fahren die meisten Fahrzeuge, sondern inzwischen von Ost nach West, vom Zabergäu zur Autobahn.

Der schwärzeste Tag

Pendler nach Stuttgart, die den Zug des VVS nehmen, wurden coronabedingt weniger, aber auch weil beim letzten Fahrplan drei Halte am Morgen gestrichen wurden und viele wieder aufs Auto umstiegen. Das Chaos war in diesem Jahr perfekt, als die Behelfsampel nach der Neckarbrücke in Betrieb ging und gerade mal fünf Autos Richtung A 81 passieren ließ. Kirchheim ertrank im Stau und die Blechlawine stand durch den ganzen Ort, für Seibold in Sachen Verkehr „der schwärzeste Tag, den Kirchheim je erlebt hat“.

Die Situation im zweigeteilten Kirchheim war vor Tempo 30 extrem. Hier müssen Kinder aus großen Teilen der 6000-Einwohner-Kommune die Bundesstraße queren, entweder zur Schule oder zum Kindergarten, was bei der früheren Ampellösung am Schillerplatz oft gefährlich war.

Auslöser: Tödlicher Unfall

Auslöser für das ganztägige Tempolimit, zur Gründung einer Bürgerinitiative und der Forderung nach einer Umgehungsstraße war letztlich ein tödlicher Unfall mitten auf der B 27. Auch im Rosensteinpark nahe der Bundesstraße wurde ein Kind angefahren, Zustände, die dann auch die Behörden bewegten.

Wie hat sich das Ganze eingespielt? „Die Anlieger sagen, dass es eine deutliche Entlastung ist beim Lärm, bei Erschütterungen und bei den Aus- und Zufahrten zur Bundesstraße“, so Seibold. Proteste der Autofahrer gab es nur am Anfang, was inzwischen komplett abgeflacht sei. Die Autofahrer haben sich an das langsame Tempo und den zähflüssigen Verkehr anscheinend gewöhnt, sagt Seibold.

„Zu Tempo 30 kriegen wir viele positive Rückmeldungen. Es ist leiser, ruhiger und entspannter geworden“, erklärt Immanuel Schmutz, Sprecher der Bürgerinitiative und Gemeinderat. Der befürchtete Ausweichverkehr habe an zwei Stellen zugenommen: In der Bahnhofstraße und der Schillerstraße, wo es zu Stoßzeiten Raser gebe, die hier ein paar Sekunden sparen wollen. „Wenn das Bahnhofscarré neu geordnet wird, wird man den Ausweichverkehr dort aber ausbremsen“, ist sich Schmutz sicher. Auch über die Talstraße wird abgekürzt, um eine Ampel und womöglich eine Minute in Richtung Bönnigheim einzusparen. Der Gemeinderat widmet sich verstärkt dem Ausbau von Spielstraßen und es gibt auch Maßnahmen an der Wilhelmstraße, die wie die Hauptstraße am Dorfladen, teilweise zur Einbahnstraße wurde. „Die Leute sind aber zu schnell unterwegs“, so Schmutz zur mittlerweile mit Blumenkübeln und versetzten Parkplätzen beruhigten Wilhelmstraße.

Die neue Vollampel am Schillerplatz, wo es manchmal unmöglich war, auf die Bundesstraße zu kommen, sei „ein echter Erfolg“, findet er. Doch immer noch sei die Grünphase für Mütter mit Kindern oder Senioren zu kurz. Nach wie vor ist man am Thema Umgehungsstraße dran, für die – immer zu Wahlkampfzeiten – Politiker kamen und sich Fragen stellten. Doch das wird mit Grundstückserwerb, Raumordnungsverfahren und Bundesverkehrswegeplan noch viele Jahre dauern, weiß auch Schmutz.

Umfahrung geplant

Geplant ist die westliche Umfahrung des Orts am Sportpark vorbei und hoch zur B 27 an der Obsthalle, was ein großer baulicher und finanzieller Kraftakt wäre. „Wenn man nichts macht, kommt sie auch nie“, so Schmutz.

 
 
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